Als ich in den 1970er-Jahren die Original-Tapes aufnahm, hatte ich ja keine Ahnung, dass das Leben endlich ist. Karl Bartos

„Ich habe meine Entscheidung getroffen“

Der Profifußballer Arne Friedrich unterstützt die Organspendekampagne „Ich bin Pro – und du?“. Im Interview mit Alexander Görlach spricht der Nationalspieler über seine anfängliche Skepsis und welches Organ er als Erstes zu spenden bereit war. Dr. Reinhard Pregla ergänzt, dass viele Menschen am Anfang ähnlich zögerlich auf das Thema reagieren.

The European: Warum interessieren Sie sich für das Themengebiet Organspende und werben für die Kampagne „Ich bin Pro – und du?“?
Friedrich: Reinhard Pregla hat mich gefragt, ob ich bereit wäre, mir einen Organspendeausweis zuzulegen und wie ich dazu stehe, für diese Kampagne zu werben. Zuerst einmal habe ich mir Gedanken gemacht, was passiert, wenn jemand, der im Besitz eines solchen Ausweises ist, stirbt. Wird der dann komplett ausgeschlachtet? Das sind Dinge gewesen, bei denen ich zuerst etwas skeptisch war und nicht wusste, wie ich damit umzugehen habe. Dann habe ich mit Reinhard Pregla gesprochen und er hat mich aufgeklärt, dass dies eine Vorstellung ist, die viele Menschen mit dem Begriff “Organspende” verbinden. Aber man hat ja auch die Möglichkeit, nur einzelne Organe zu spenden. Diese Liste der Organe auf dem Ausweis kann man jederzeit erweitern oder verringern. Ich denke, dass die meisten Leute sich nicht ernsthaft Gedanken zu dem Thema Organspende machen. Der Satz, mit dem Reinhard Pregla mich überzeugt hat, war, dass jeder Mensch hofft, bei Bedarf ein Spenderorgan zu bekommen – aber eben nur ungern bereit dazu ist, selber eines zu spenden. Über diesen Satz habe ich nachgedacht und weil er mir so plausibel erschien, habe ich mich dafür entschieden, an dieser Kampagne teilzunehmen.

„Man muss zu dieser Entscheidung stehen können“

The European: Als Sportler haben Sie täglich mit Ihrem Körper zu tun. Hat man dann einen ganz anderen Zugang zu dem Thema Organspende als jemand, der den ganzen Tag im Büro sitzt?
Friedrich: Nein, überhaupt nicht. Ich bin zwar Sportler und muss auf meinen Körper achten, aber es ist nicht so, dass wir in erster Linie auf unsere Organe achten, sondern auf die Knochen und die Muskulatur. Ich denke, Sportler sind keine Gruppe, die sich mit diesem Thema eher auseinandersetzen würde als Büroangestellte. Ich glaube, dass es wichtig ist, dass sich jeder darüber einmal Gedanken macht. Egal, ob er spenden möchte oder nicht. Das ist das Anliegen von Dr. Reinhard Pregla gewesen und das habe ich auch getan.

The European: Es ist eine ziemlich einfache Gleichung. Jeder hätte gern ein Organ, will aber keines geben. Was sagt das Ihrer Meinung nach über uns und unsere Gesellschaft aus? Muss man für eine eigentlich augenfällige Sache so stark Werbung machen?
Friedrich: Ich glaube, ich bin ein typischer Fall. Ich habe auch ehrlich gesagt, dass ich am Anfang ein bisschen skeptisch gewesen bin, weil ich nicht genau wusste, was mich dort erwartet. Es gibt Leute, die lassen komplett alle Organe spenden. Das ist bei mir jetzt noch nicht der Fall, weil ich mir darüber einfach noch meine Gedanken machen muss. Das ist auch keine Entscheidung, die man einfach so aus „good will“ trifft, sondern das ist etwas, wozu man wirklich stehen muss. Ich bin typisch für die Menschen, die sich erst einmal Gedanken machen und dann ihre Entscheidungen Schritt für Schritt treffen.

The European: Haben Sie im Umfeld, im Bekanntenkreis, wenn Sie darüber gesprochen haben, auch Unverständnis erlebt?
Friedrich: Da es eine persönliche Entscheidung ist, die jeder für sich treffen muss, kann es kein Unverständnis geben.

The European: Ich frage deswegen, weil es dann eigentlich genau richtig ist, in diese Richtung zu gehen und zu sagen: „Man es muss einfach nur bekannt machen.“
Friedrich: Das ist sehr wichtig und der erste Schritt. Ich glaube, dass das Thema Organspende vor dieser Kampagne nicht weiter in der Öffentlichkeit diskutiert wurde und für viele Leute kein Thema war.

Pregla: Arne hatte wie viele andere Leute auch Angst. Das ist ein ganz natürliches Phänomen. Und ich fand es sehr gut, dass er auch dazu gestanden hat. Wir haben gemeinsam ein Video gedreht, in dem wir genau diese Angst aufgegriffen haben, die viele Menschen bei dem Thema Organspende empfinden und gefragt: „Werde ich nachher ausgeschlachtet?“

„Wenn man Probleme hat, ist man sich immer selbst am nächsten“

The European: Wenn man über Organspende redet, beschäftigt man sich mit dem eigenen Ende. Sie sind erst Anfang 30, ist das Thema eine Herausforderung für Sie gewesen?
Friedrich: Ich denke jetzt noch nicht wirklich über mein Ende nach. Es kann natürlich schnell gehen, aber ich glaube, man sollte nicht durchs Leben gehen und sich ständig mit dem Tod beschäftigen. Im Moment habe ich andere Dinge im Kopf. Ich finde es trotzdem wichtig, sich darüber im Klaren zu sein, dass jeder hofft, in der entsprechenden Situation ein Spenderorgan zu bekommen. Wenn man Probleme hat, ist man sich immer selbst am nächsten.

The European: Die Politik ist jetzt mit diesem Thema noch einmal rausgegangen. Was halten Sie vom Vorschlag, das im Personalausweis zu verankern?
Friedrich: Das ist auf jeden Fall eine Maßnahme, über die man diskutieren sollte. Ich finde es richtig, wenn jeder einen Spenderausweis hat. Man kann einzelne Organe angeben, die man bereit ist zu spenden oder einfach angeben, dass man gar keine Organe spenden möchte. Die jetzige Regelung ist schlecht, da viel Zeit verloren geht, bis die Spendebereitschaft eindeutig geklärt ist.

The European: Sie haben es erwähnt: Es gibt ein paar Organe, die gebe ich lieber her. Es gibt ein paar Organe, die gebe ich weniger lieb her. Welche sind das und was ist der Ausschlag dafür, zu sagen: „Die Niere ist geschenkt. Das Herz will ich vielleicht behalten.“?
Friedrich: Das muss auch wieder jeder für sich entscheiden.

The European: Ich frage ja nach Ihnen.
Friedrich: Bei mir ist es so: Ich habe mich jetzt erst einmal für eine Niere entschieden. Ich habe schon gesagt: Das kann jederzeit erweitert oder eben aufgehoben werden. Für mich ist es wichtig, dass ich mich ernsthaft damit auseinandersetze und auch, dass ich dazu stehe. Ich habe jetzt noch nicht viel Zeit gehabt, mir darüber Gedanken zu machen, was ich spende und was nicht. Ich habe mich erst einmal für eine Niere entschieden, aber wir werden sehen, was die Zeit bringt, wie ich mich noch entscheiden werde. Aber ich habe auf jeden Fall meine Entscheidung getroffen, einen Ausweis zu besitzen und bin bereit, eine Niere zu spenden, wenn es so weit ist. Wenn das jeder in Deutschland machen würde, hätten wir weniger Dialysepatienten.

The European: In der Kampagne sind Schauspieler und andere Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wie Sie. Glauben Sie, dass Sie mittelfristig eine Wirkung erzielen können? Zumindest Berlin ist voll mit den Plakaten.
Friedrich: Es ist ja immer so in der Werbung, dass gerade die Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, irgendwo interessant sind für die Menschen und eine Vorbildfunktion erfüllen können.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Hiroshi Ishiguro: „Androiden halten uns den Spiegel vor“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Gesellschaft, Gesundheit, Sport

Kolumne

Medium_aa7d3091a0
von Alissia Passia
11.06.2015

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
06.05.2014

Debatte

Thaiboxen und die Frage der Kriminalität

Medium_1a80b639a9

Kampfsport statt Straßenkampf

In der Öffentlichkeit regiert immer noch das Bild von Kampfsport als dumpfer Prügelei zwischen zwei einfach gestrickten Typen. Das ist bitter, denn wer hinter die Kulissen schaut, sieht, dass man a... weiterlesen

Medium_a0e8b27924
von Zidov Akuma
15.11.2013
meistgelesen / meistkommentiert