Die Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen, ausgenommen alle anderen. Winston Churchill

Ein Hauch Wildwest

Das World Wide Web verändert vieles in der Welt, auch das Wissenschaftssystem. Es erleichtert den Zugang zur Wissenschaft und erhöht die Transparenz. Es erlaubt eine Revolution der Präsentation und Dokumentation wissenschaftlicher Ergebnisse. Es verändert die Beziehung der Wissenschaft zu den Daten und der Dynamik der Welt und erschafft eine neue virtuelle Welt.

Das Web steht für den freien Zugang zu Informationen aller Art, auch zur Wissenschaft. Elfenbeinturm ade, jeder kann auf alles zugreifen. Das klingt verlockend und ist es auch. Aber ist der freie Zugang Realität? Und reicht er aus? Die erste Frage muss man verneinen. Das Web erfasst derzeit trotz seines fulminanten Wachstums nur einen Teil des Wissens, und der Zugriff auf viele digitale Quellen ist nicht umsonst.

Universitäten und Studium bleiben wichtig

Die Beantwortung der zweiten Frage ist schwieriger. Stellen wir uns den efeuumrankten Elfenbeinturm vor und ersetzen die gemauerte Fassade durch eine Glasfront. Was sehen wir? Wissenschaftler durchwandern Haare raufend die Räume, die Labore; hacken auf ihre Computertastaturen ein; lesen, diskutieren. Das Web ermöglicht es uns zu sehen, was Wissenschaftler tun, was sie publizieren, wer ihre Ideen weiterverfolgt – und wo sie abgeschrieben haben. Ja, der Wissenschaftsprozess ist transparenter geworden. Aber um im schneller werdenden Strom neuer Ergebnisse und Konzepte einen begründeten sicheren Wissensstand zu erlangen, bleiben in absehbarer Zeit Studium und Universitäten unverzichtbar. Sie sortieren das Wichtige vom Unwichtigen, vermitteln die Zusammenhänge und liefern die Begründungsketten.

Tim Berners-Lee hat das Web erfunden, um das Arbeiten und die Kommunikation von Forschern zu verbessern. Das ist erreicht. Aber kann das Web für Wissenschaft und Gesellschaft mehr sein als ein großer Dokumentenserver gepaart mit schnellen Suchmaschinen? Ich denke schon. Drei Aspekte mögen das verdeutlichen.

Ein Hauch Wildwest
  • Wissenslandschaft: Der Forscher sucht nach neuen Erkenntnisse. Die Wissenschaft hat zudem die Aufgabe, das Wissen zu strukturieren, zu vernetzen und nachhaltig verfügbar zu machen. Das Web könnte die globale Wissenslandschaft aller Fakten, Experimente, Ergebnisse, Konzepte und Begründungsketten beherbergen, die Wissensgebäude aller Disziplinen. Aber die nachhaltige Landschaftspflege steht derzeit nicht hoch im Kurs, auch nicht bei der Wissenschaftsförderung.
  • Lehrmaterialien: Ein Studentenhirn dazu zu bringen, Wissen, Abstraktionen und Konzepte in seine neuronale Struktur einzubauen, ist nicht immer einfach. Das Web schickt sich an, die Wiege hochqualitativer Lehrmaterialien zu werden, die dem Hirn nach dessen Anforderungen und Zielen helfen, den Zugang zur globalen Wissenslandschaft zu finden.
  • Virtualisierung: Das Weltgeschehen wird immer schneller ins Web gespiegelt. Daten sind sofort verfügbar und werden global analysierbar. Alle Krankheitsverläufe aller Menschen wären eine unschätzbare Quelle für die medizinische Forschung; aber auch ein Bedenkengenerator für die Datenschützer. Und hinter der Präsenz in der virtuellen Welt droht die reale Welt das Wahrheitsmonopol zu verlieren. So gibt es bereits heute globale Universitätsranglisten, die nur auf Basis der im Web verfügbaren Daten erzeugt werden.

Die Virtualisierung der Welt bietet der Wissenschaft riesige Chancen, verlangt aber auch, Antworten auf die Risiken zu finden. Das Web als Plattform der Virtualisierung atmet einen Hauch von wildem Westen – hoch spannend, doch ohne Gefahr für Leib und Leben.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Ulrich Stephan, Maximilian Thaler, Nora Stampfl.

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