Im Grunde bin ich für die Pressefreiheit, aber geschmackvoll sollte sie schon sein. Leo Fischer

„Wir sind kein Schulersatz“

Er beantwortet seit über 40 Jahren alle Fragen, die deutschen Kindern unter den Nägeln brennen. Im Gespräch mit Alexandra Schade erklärt Armin Maiwald, warum der Himmel blau ist, auch viele Erwachsene regelmäßig die Sendung mit der Maus gucken und er den Kinderkanal für eine falsche Entwicklung hält.

The European: Herr Maiwald, welche Frage bekommen Sie besonders häufig gestellt?
Maiwald: Wir haben vor ein paar Jahren die Aktion „Frag doch mal …“ veranstaltet. Da sind über 70.000 Fragen gekommen und die meistgestellte Frage war: „Warum ist der Himmel blau?“

The European: Und? Warum ist der Himmel blau?
Maiwald: Das hängt mit den einzelnen Wasserteilchen in der Luft zusammen, die das Licht der Sonne entsprechend brechen. Dadurch erscheint der Himmel blau.

The European: Was ist eine besonders gute Frage?
Maiwald: Jede Frage ist eine gute Frage. Eigentlich gibt es keine schlechten Fragen. Es gibt nur schlechte Antworten.

The European: Bedeutet dies, dass Sie alle Fragen beantworten oder gibt es auch welche, die es nicht in die Sendung schaffen?
Maiwald: Die Frage „Wo wohnt der liebe Gott?“ können wir nicht beantworten. Da kann man ja schlecht sagen: „Der wohnt auf Wolke sieben“ oder so. Sonst ist aber bisher alles beantwortet worden.

The European: Man könnte stattdessen fragen: „Gibt es den lieben Gott?“
Maiwald: Diese Frage kann man auch nicht beantworten. Man kann Gottes Existenz weder belegen noch widerlegen. Man kann nur glauben, aber glauben ist eben nicht wissen. Wir beschränken uns bei den Fragen, die wir beantworten, auf das, was man wissen kann.

„Außer Spesen nichts gewesen“

The European: Gab es schon einmal eine Frage, an deren Beantwortung Sie gescheitert sind?
Maiwald: Ja. Carl von Linné, einer der frühen Botaniker, hat herausgefunden, dass bestimmte Blumen zu einer bestimmten Tageszeit ihre Blüten öffnen und zu einer anderen wieder schließen. Das fanden wir ziemlich spannend.

Wir haben uns eine riesige Uhr mit einem Durchmesser von 1,50 Meter und in einer Gärtnerei alle Pflanzen besorgt. Dann haben wir uns zur jeweiligen Uhrzeit an die Blumentöpfe gestellt.

Und es ist nichts passiert. Weder hat nur eine einzige Blume ihre Blüte geöffnet noch hat eine andere ihre Blüte geschlossen: Außer Spesen nichts gewesen.

The European: Was dann?
Maiwald: Die Redaktion hat beschlossen, die Geschichte unseres Scheiterns zu erzählen. Am Schluss haben wir uns an die Zuschauer gewendet: Wenn einer weiß, woran wir gescheitert sind, dann soll er uns bitte nicht dumm sterben lassen.

Es kamen jede Menge Zuschriften: Eine Pflanze müsse sich erst an ihr Umfeld gewöhnen. Die könne man nicht einfach in den Blumentopf packen und erwarten, dass sie sich richtig verhält. Die müsste man an einer Stelle erst einmal wachsen lassen.

Wir haben die Pflanzen dann bei einer Gärtnerei in der Nähe von Köln einpflanzen lassen und den Versuch in den zwei folgenden Jahren jeweils wiederholt.

The European: Und?
Maiwald: Die Pflanzen haben zwar geblüht und sind prächtig gediehen, aber sonst ist nichts passiert. Wir wissen bis heute nicht, woran es gelegen hat. Wir haben dann noch mal an die Universität Uppsala geschrieben, wo Carl von Linné gelehrt hat, und gefragt, ob sie wissen, woran wir gescheitert sind. Sie meinten, sie hätten es auch schon versucht und ihnen sei es auch nicht geglückt.

The European: Sie haben Carl von Linné also widerlegt?
Maiwald: Nein. Das war schon ein ernsthafter Forscher. Wenn er das aufgeschrieben hat, dann wird er das mit Sicherheit beobachtet haben. Wir können nicht sagen, warum es bei uns nicht geklappt hat. Vielleicht liegt es an veränderten Umweltbedingungen.

„Wir orientieren uns nie an Lernziel-Katalogen“

The European: „Die Sendung mit der Maus“ ist bereits über 40 Jahre alt. Was ist das Erfolgsgeheimnis?
Maiwald: Bei allen Fragen, die uns erreichen, recherchieren wir so lange, bis der Arzt kommt – und wirklich sehr sauber! Eigentlich eine journalistische Grundregel, die aber heute nicht mehr modern ist. Wir lassen Befürworter und Gegner zu Wort kommen und wir versuchen, aus jeder Frage auch eine spannende Geschichte zu machen, damit uns die Kinder nicht weglaufen. Das scheint uns in den vergangenen 40 Jahren gelungen zu sein. Ansonsten wären wir nicht so alt geworden.

The European: Wie ist Ihre Herangehensweise an die Geschichten: eher journalistisch oder eher erklärend?
Maiwald: Wir orientieren uns eher an journalistischen und dramaturgischen Gesichtspunkten, nie an Lernziel-Katalogen. Wir wissen, dass wir in einem Unterhaltungsmedium unterwegs sind; wir wollen nicht, dass die Kinder einschlafen, sondern dass sie bei uns bleiben. Insofern muss man bei uns nichts lernen. Wir sind auch kein Ersatz für Schule. Das wollen und können wir auch gar nicht sein.

The European: Unter Ihren Zuschauern sind auch viele Erwachsene. Nicht immer handelt es sich dabei um Eltern, die die Sendung zusammen mit ihren Kindern schauen. Wie schaffen Sie es, Erwachsene und Kinder gleichermaßen anzusprechen?
Maiwald: Wenn man für Kinder arbeitet, sind alle Fremdwörter tabu. Die können Kinder noch gar nicht kennen. Man muss annehmen, dass sie noch nicht in der Schule oder dort gerade erst hingekommen sind. Selbst Erwachsene kennen nicht alle Fremdwörter. Es kann sein, dass dadurch auch bei denen der Groschen fällt.

Wir versuchen auch, keine Jugendsprache zu verwenden oder uns irgendwie anzubiedern. Wir wollen Kinder und auch Erwachsene mit auf eine Entdeckungsreise nehmen, indem wir sagen: „Begleitet uns auf einem Weg durch die Geschichte und am Schluss wisst ihr vielleicht ein bisschen mehr.“

The European: Sie sagten, dass Sie sehr intensiv recherchieren, was ja sicherlich viel Geld kostet. Würde eine Sendung wie die „Maus“ auch im Privatfernsehen laufen?
Maiwald: Wir hatten kurzzeitig eine gewisse Konkurrenz von RTL, den „Li-La-Launebär“ mit Metty Krings. Da dachten wir, wir müssen aufpassen, was die da machen. Nach relativ kurzer Zeit wurde die Sendung aber wieder eingestellt, weil die Werbeeinnahmen wahrscheinlich nicht entsprechend waren und das zu viel Geld gekostet hat. Das vermute ich zumindest, denn die Sendung war gar nicht schlecht.

The European: Wenn Sie heute mit dem Konzept der „Sendung mit der Maus“ kämen – würde man es umsetzen?
Maiwald: Damals hatte man Zeit, so ein Format zu entwickeln. Heutzutage ist man vor nichts mehr sicher. Wenn die Quoten beim ersten Mal nicht knallen, wird etwas schnell abgesetzt. Bei der „Sendung mit der Maus“ waren die ersten drei Jahre eher das Gegenteil von erfolgreich. Aber die Redaktion hat damals gesagt: „Wir sind noch nicht perfekt, aber der Weg ist richtig.“ So ist das dann langsam gewachsen.

„Man darf Kinder nicht in einen Spartenkanal auslagern“

The European: Fernsehen für Kinder ist auch immer eine zwiespältige Geschichte.
Maiwald: Natürlich. Wir haben uns immer dagegen verwahrt, das Fernsehen als elektronische Großmutter zu missbrauchen. Man sollte die Kinder nicht davor parken, um für sich selbst ein bisschen Freizeit zu haben – sondern auch gezielt schauen, was die Kinder ansehen. Ich würde nie einen Dreijährigen vor die Kiste setzen. Aber das tun halt viele Eltern. Warum? Das müssen Sie die Eltern selber fragen.

The European: Wie stehen Sie denn Entwicklungen wie dem Kinderkanal gegenüber? Der wurde zwar von ARD und ZDF konzipiert, aber dennoch explizit als Fernsehen für Kinder.
Maiwald: Der Kinderkanal ist für mich eine falsche Entwicklung. Man darf Kinder nicht in einen Spartenkanal auslagern. Kinder gehören zum normalen Leben und deshalb gehören sie für mich auch ins normale Programm.

The European: Aber dort ist offensichtlich kein Platz.
Maiwald: Wie man sieht. Die großen Kanäle wie ARD und ZDF werden sich in ein paar Jahren wundern, dass die dann nachgewachsene Generation abwandert und ihnen nicht treu bleibt, weil sie nicht von Anfang an an sie gebunden wurde.

The European: Sie machen die Sendung nun schon eine ganze Weile. Noch nie ans Aufhören gedacht?
Maiwald: Ich bin ja schon längst im Rentenalter, aber solange ich gesund bleibe, mein Kopf noch mitmacht und die Zuschauer mich noch wollen, mache ich weiter. Was soll ich denn sonst tun? Die Blümchen auf der Tapete zählen?

The European: Ist die Sendung ohne Sie überhaupt vorstellbar?
Maiwald: Christoph ist ja noch da und auch Ralf. Bei mir im Betrieb wachsen auch immer neue Generationen nach. Ich denke schon, dass es die Sendung weiter geben wird, aber ich weiß es nicht. Ich habe keine Kristallkugel, in die ich hineinschauen kann.

The European: Zum Schluss noch einige Fragen, die jeden Maus-Fan sicher brennend interessieren: Ist die Maus ein Junge oder ein Mädchen?
Maiwald: Weder das eine noch das andere – und das ganz bewusst. Die Maus ist eine Zeichentrickfigur, die nur in der Logik einer Zeichentrickfigur leben kann. Sie macht beispielsweise ihren Bauch auf und holt den Wecker oder ein Werkzeug heraus. Das ist anatomisch völlig unmöglich. Insofern darf man so eine gezeichnete Figur auch nicht mit anatomischen oder geschlechtlichen Maßstäben messen. Das ist der falsche Denkansatz.

The European: Warum ist der Elefant so viel kleiner als die Maus?
Maiwald: Auch das ist nur in der Logik eines Zeichentrickfilms zu verstehen. Man dreht einfach die Verhältnisse um. Das gilt auch für die Farben: Das Lila des Elefanten ist auf dem Farbkreis von Goethe genau entgegengesetzt zum Orange der Maus.

The European: Täuscht auch da die Wahrnehmung, oder ist die Maus die Ältere, die den Elefanten auch mal beschützt?
Maiwald: Eigentlich sind alle Beziehungen denkbar, nur nicht die von einem Erwachsenen zu einem Kind. Im Prinzip sind es zwei gleichaltrige Spielkameraden, die ihre Problemchen immer sehr partnerschaftlich lösen.

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