Die von Philosophen häufig geschmähte, aber trotzdem weitgehend als selbstverständlich vorausgesetzte Definition von Wahrheit besagt, dass eine Überzeugung, Aussage, Behauptung oder dergleichen dann wahr ist, wenn sie mit den entsprechenden Tatsachen übereinstimmt. Demzufolge sind „Wahrheitsträger“ unsere – wenn man so will – subjektiven Überzeugungen. „Wahrmacher“ sind dagegen die objektiven Tatsachen, also das, was unabhängig von unserem Fürwahrhalten der Fall ist. Diesem sogenannten korrespondenztheoretischen Wahrheitsverständnis zufolge ist Wahrheit objektiv, d.h. ob eine Überzeugung wahr ist, hängt davon ab, was der Fall ist, und nicht davon, wer die besseren Argumente oder den Konsens der Mehrheit auf seiner Seite hat.
Wann ist Wahrheit narrensicher?
Dieses Wahrheitsverständnis ist mit so vielen Problemen befrachtet, dass viele zu dem Schluss gelangt sind, man könne damit nicht länger leben. Eines der ältesten Probleme hängt damit zusammen, dass wir in den seltensten Fällen feststellen können, ob wir mit unseren Überzeugungen richtig liegen, indem wir sie einfach mit der Wirklichkeit vergleichen. Seit jeher haben daher Skeptiker zu Recht betont, dass wir über keine narrensicheren Kriterien verfügen, die es uns ermöglichen, Wahrheit in Gewissheit zu überführen. Diese Kritik ist jedoch genauso trivial wie das korrespondenztheoretische Wahrheitsverständnis, demzufolge Wahrheit und Gewissheit zweierlei sind und bleiben: Wahrheit besteht in der Relation unserer Überzeugungen zu den Tatsachen und ist in diesem Sinn objektiv; Gewissheit dagegen besteht in der Relation, die wir zu unseren Überzeugungen haben, und ist in diesem Sinn subjektiv.
Aus diesem Grund können Wahrheit und Gewissheit gar nicht zueinander finden. Das sind natürlich schlechte Nachrichten für alle, die nach Gewissheit suchen, aber gute Nachrichten für jene, die unter deren Erfolgserlebnissen zu leiden haben. Erfahrungsgemäß gehören Erstere zu den Zeitgenossen der eher unangenehmen Sorte.
Wer spricht, hat recht?
Eines der jüngeren Probleme resultiert aus der Erkenntnis, dass Wahrheit irgendwie an Sprache gebunden zu sein scheint. Wir sprechen von Tatsachen in Sätzen. Sätze sind aber immer nur in einer bestimmten Sprache bzw. für eine bestimmte Gemeinschaft von Sprechern wahr, die den sprachlichen Zeichen Bedeutung verleihen. Nun ist Sprache bekanntlich ein menschliches, und damit ein soziokulturell bedingtes Konstrukt. Einige haben daraus den Schluss gezogen, dass auch Tatsachen nur sprachliche Konstrukte und in diesem Sinn irgendwie subjektiv bzw. relativ sind. Das gilt sicherlich für das, was für wahr gehalten wird.
Daraus folgt aber keineswegs, dass auch das, was wahr ist, irgendwie subjektiv oder relativ sein muss. Jedenfalls lässt sich dieser Schluss nicht damit begründen, dass Wahrheit notwendigerweise an Sprache gebunden ist. Sprache mag ein ideales Werkzeug sein, um Überzeugungen zu gewinnen, zu tradieren oder zu diskutieren. Dass Sprache eine Voraussetzung ist, um Überzeugungen überhaupt erst haben zu können, dürfte jedoch eine maßlose Übertreibung darstellen.
Als Alternativen zur Übereinstimmung mit objektiven Tatsachen wurden Definitionen vorgeschlagen wie beispielsweise der Konsens der Sprechergemeinschaft, die Kohärenz aller Überzeugungen oder der praktische Nutzen ihres Fürwahrhaltens. Nimmt man diese Alternativen etwas genauer unter die Lupe, stellt man fest, dass ihre Fürsprecher für ihre Behauptungen genau das in Anspruch nehmen, was sie so vehement kritisieren – Wahrheit im Sinne der Übereinstimmung mit den Tatsachen. Das spricht dafür, dass man ohne dieses Wahrheitsverständnis noch viel weniger leben kann.
Alexander Görlach, Chefredakteur von The European, hat bei Armin Kreiner sowohl seine Diplomarbeit als auch seine Promotion geschrieben. Die beiden sind einander seit 1996 bekannt.
Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Julian Arni, Gay Talese, Lee Gutkind.




















