Deutschland ist, wenn neben den Containern für Weiß-, Grün- und Braunglas drei einsame blaue Flaschen stehen. Marina Weisband

„Die Menschen gehen im Internet auf Sinnsuche“

Arianna Huffington ist die mächtigste Medienmacherin der Welt. Was sie Kritikern entgegnet, warum wir Erfolg neu definieren müssen und was die menschliche DNA mit Zeitungslektüre zu tun hat, sagt sie Max Tholl und Florian Guckelsberger.

The European: Frau Huffington, haben Sie noch eine Tageszeitung abonniert?
Huffington: Ich habe sogar mehrere Zeitungen und Magazine abonniert. Darunter die „New York Times“, das „Wall Street Journal“ und „The New Republic“. Ich habe immer gesagt, dass ich so viele­ Blätter und Magazine lesen will wie nur möglich. Besonders, wenn ich auf Reisen bin. Es gibt da ­etwas in unserer DNA, das uns dazu bringt, Kaffee trinken zu wollen, dabei zu blättern und irgendwann aufzuschauen, um zu fragen: „Kannst du das glauben?“ – dann reichen wir die Zeitung über den Tisch.

The European: Können Sie sich vorstellen, die „Huffington Post“ irgendwann auch einmal zu drucken?
Huffington: Nein. Wir sind glücklich mit unserer Online-Ausgabe.

The European: Im Oktober haben Sie eine deutsche Ausgabe­ der „Huffington Post“ gestartet. Die hiesige ­Medienlandschaft ist sehr speziell, es herrscht großer Wettbewerb. Warum sollten sich die ­Leser gerade­ für Ihr Produkt entscheiden?
Huffington: Wir sind in bewegten Zeiten auf den deutschen Markt gekommen. Die Blogosphäre steckt im Verhältnis zu den USA noch in den Kinderschuhen. Das bedeutet, dass es hier ein enormes Wachstums­potenzial für die „Huffington Post“ gibt, denn wir sind eine Art Hybrid: Eine Kombination aus traditionellem Journalismus – für den wir 2012 mit dem Pulitzer Preis für investigative Arbeit ausgezeichnet worden sind – und ­einer Plattform, die Tausende Stimmen zusammenbringt, die ansonsten im Nichts verhallen würden. Mit Herausgeber Cherno Jobatey, Chefredakteur Sebastian Matthes und unserem Partner ­Tomorrow Focus werden wir über die wichtigsten ­Geschichten Deutschlands ­berichten. Gleichzeitig werden wir den ­Menschen ermöglichen, ihre Geschichten selbst zu erzählen. In Wort, Bild und ­Video.

The European: Sind Sie so spät auf den deutschen Markt ­gekommen, weil der Wettbewerb hier härter ist ­als anderswo?
Huffington: Nein. Wir sind erst gestartet, als wir den richtigen Partner gefunden hatten. Das ist schließlich die wichtigste Entscheidung von allen, wenn wir einen neuen internationalen Ableger auf den Markt bringen. Und übrigens ist das für uns auch kein später Start. Neben Deutschland hat die „Huffington Post“ ja auch Ableger in Kanada, England, Frankreich, Spanien, Italien und Japan. Als Nächstes sind Brasilien, Indien und Südkorea an der Reihe. Wenn man also berücksichtigt, wo wir irgendwann einmal erscheinen wollen, ist Deutschland doch recht früh an die Reihe gekommen.

The European:„Spiegel Online“ und „Bild Online“ sind die journalistischen Marktführer im Netz. Die Leserschaft der beiden unterscheidet sich deutlich. ­Welche ist für Sie interessanter?
Huffington: Wir sind nicht auf der Jagd nach speziellen ­Lesern. Unser Ziel ist es, mit unseren Besuchern über jene Geschichten ins Gespräch zu kommen, die die Leute­ bewegen. Dabei wollen wir so viele Menschen wie möglich erreichen. Die deutsche ­„Huffington Post“ wird unermüdlich ­berichten – und das in ­einem ­faszinierenden Moment deutscher und europäischer Geschichte.

The European: Das machen die anderen auch.
Huffington: Neben all dem werden wir uns mit der – wie wir sie nennen – „dritten Metrik“ beschäftigen. Es ist der Versuch, Erfolg neu zu definieren. Denn er umfasst mehr als Geld und Macht, es geht auch um Wohl­ergehen, Weisheit, Neugier, Leidenschaft und Geben. Diese Fragen sind für alle Menschen relevant.

„Die Welt braucht Frauen“

The European: Zum Start beschäftigt die deutsche „Huffington Post“ nur 15 Journalisten, aber 60 Mitarbeiter­ in der Sales- & Marketing-Abteilung. Sieht so das ­Rezept für erfolgreichen Journalismus im digitalen­ Zeitalter aus?
Huffington: Wir werden von unserem Partner Tomorrow ­Focus vermarket. Dieses Modell ist kommerziell erfolgreich und in Märkten wie Frankreich, Spanien und Italien getestet. Wir profitieren so auf drei Arten: Erstens haben wir direkten Kontakt zu den wichtigsten Werbetreibenden des Landes – und das vom ersten Tag an. Zweitens profitieren wir vom Netzwerk unseres Partners und drittens können wir unser Angebot zusammen mit dem unseres Partners vermarkten. Das Resultat ist die maximale Zufriedenheit der Werbetreibenden.

The European: Kritiker werfen ihnen vor, Ihr Geschäftsmodell würde­ klassische Strukturen im Journalismus zerstören. Etwa, weil Schreiber nicht bezahlt werden. Wie ­reagieren Sie auf solche Kritik?
Huffington: Diese Kritiker ignorieren die Fakten, wenn sie uns eine Gratis-Mentalität unterstellen. Die „Huffington Post“ beschäftigt heute mehr als 700 Menschen auf der ganzen Welt und wir halten uns an die klassischen Traditionen des investigativen Journalismus. Aber wir sind eben gleichzeitig auch eine Plattform – offen und zugänglich für alle Menschen, die sich engagieren und mit ihrer Umwelt ­interagieren wollen, um so eine lebendige globale Community zu erzeugen.

The European: Eines Ihrer Lieblingsworte ist „Zeitgeist“. Wie sieht der denn Ihrer Meinung nach aus?
Huffington: Stimmt, das ist mein liebstes deutsches Wort, ich ­benutze es ständig. Ein Aspekt des Zeitgeists ist es, dass die Menschen heute nach Sinn im Netz suchen und nicht – wie zur Anfangszeit des Web – nur nach Informationen. Unser Schwerpunkt der „dritten ­Metrik“ bedient diesen Aspekt des Zeitgeists. Wenn wir Erfolg neu definieren, reduziert sich der Stress und Kreativität kommt wieder zum Vorschein.

The European: In den vergangenen Jahren haben Frauen in Deutschland und dem Rest der Welt für ihre Rechte ­gekämpft. Es gab heftige Debatten um das Familienbild, Unternehmensquoten und Ähnliches. Wie stehen Sie zu dieser Debatte?
Huffington: Das ist eine enorm wichtige Diskussion, die da ­geführt wird. Für mich persönlich und alle meine Mitarbeiter. Es gibt so viele Arten und Wege, wie Frauen – in Politik, Wirtschaft und den Medien – sich zum Wohle beider Geschlechter einbringen können. Auch das spiegelt sich in unserer Frage nach der „dritten Metrik“. Rund um die Uhr arbeiten, Schlafentzug und schließlich Burn-out: Viel zu lange haben Männer Erfolg so definiert.

The European: Was muss sich ändern?
Huffington: Die Welt braucht Frauen, die uns in eine neue Richtung führen. Und mehr und mehr Frauen machen das auch. In dem faszinierenden Buch „The Athena Doctrine“ haben John Gerzema und Michael D’Antonio über einen vielversprechenden Wandel in den Führungsetagen geschrieben. Dort geht es auf einmal um Werte, die traditionell als weiblich betrachtet wurden: Flexibilität, Zusammenarbeit und Fürsorge.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 1/2014

Darin geht es u.a. um Macht: Wer besitzt sie? Wer greift nach ihr? Wir haben dazu mit Francis Fukuyama gesprochen. In weiteren Debatten entwerfen unsere Autoren die Stadt der Zukunft, diskutieren, ob Europas Populisten der Demokratie einen Gefallen tun und streiten darüber, wie politisch Kunst sein muss. Dazu: Interviews mit T.C. Boyle, Arianna Huffington und Jörg Asmussen.

Sie können es hier direkt bestellen.

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