Papst Benedikt hat ein waches Gespür für das, was eine Gesellschaft lebenswert macht und im Innersten zusammenhält. Robert Zollitsch

Papiertiger

Der Schutz von digitalen Büchern ist schwierig. Aber noch schwieriger scheint der Schutz der Privatsphäre von den Nutzern. Den Verlagen kommt eine wichtige Rolle hierbei zu.

Es war einmal, lange bevor das elektronische Papier erfunden wurde. Da verblüffte ein Berliner Autor sein Publikum mit einer Anekdote über New Yorker Bibliotheksangestellte, die im Dienst Schusswaffen tragen. Nicht beim Wandeln zwischen den Regalen, aber im Außendienst, wenn sie bei säumigen Ausleihern an der Haustür klingeln.

Napsterisierung

Nur eine Räuberpistole? Zusammen mit dem E-Book-Trend scheinen neuerdings die rauen Sitten aus Alphabet City auch in unser Leseland einzuwandern. Die Umsätze mit gedruckten Medien bröckeln, und die Buchbranche schießt sich auf die Leser ein. Statt ihr Geld brav in die Buchhandlung zu tragen, klicken sich die elenden Subskribenten durch dubiose Download-Portale auf der Suche nach kostenlosen Raubkopien.

Glaubt man einer aktuellen Studie zur digitalen Content-Nutzung, wurden hierzulande im Jahr 2010 knapp 14 Millionen elektronische Bücher illegal heruntergeladen. Bei 23 Millionen E-Book-Downloads insgesamt sind das zwei Drittel der Gesamtmenge. Hat also die „Napsterisierung“ der Gutenberg-Galaxis begonnen? Verleger und Bouquinisten rufen schon: „Haltet den Dieb!“ So etwa Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Bei der Vorstellung der oben genannten Studie im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse postulierte Skipis: „Ohne Aufklärung und gegebenenfalls Sanktionen für illegales Verhalten funktioniert der E-Book-Markt auf Dauer nicht.“

Das „Piraten-Dilemma“

Mit auf dem Podium saßen Vertreter des Bundesverbandes Musikindustrie sowie des Lobbyverbandes „Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen“. Gebrannte Kinder des Medienwandels, sollte man meinen. Mit allen Mitteln kämpfte die Unterhaltungsindustrie erst gegen das Kopieren und Brennen von CDs und DVDs, dann gegen das Downloaden von MP3s. Doch was haben Digital Rights Management, einschüchternde Anzeigenkampagnen oder die Androhung von Netzsperren gebracht?

Vor allem wohl eine Erkenntnis, die Matt Mason in seinem Klassiker „The Pirates Dilemma“ so formuliert: „If suing customers [d.h. das Verklagen von Kunden] becomes central to a company or industry’s business model, then the truth is that that company or industry no longer has a competitive business model.“

Tatsächlich ist das Für und Wider in Sachen Kopierschutz bei E-Books ein Streit um Gutenbergs Bart. Bei Musikfiles und Hörbüchern wird der Verkauf en détail längst durch monatliche Flatrates abgelöst. Selbst das Wort „Download“ klingt angesichts von Streaming aus der Rechnerwolke antiquiert. Wohin die literarische Reise geht, zeigt ein Blick auf Amazons neues Fire-Tablet. Elektronische Bücher sind hier nur noch eine weitere drahtlose, tendenziell kostenlose Contentsäule neben Musik und Video.

Privatsphäre schützen!

Anstelle der Urheberrechtsdebatte müssen wir eine ganz andere Diskussion führen – wie kann in Zukunft vernetztes Lesen ohne eine verletzte Privatsphäre stattfinden? Welche Lektüre zu Hause im Regal steht, wusste früher allenfalls die Stasi, die bei Verdächtigen konspirativ Buchrücken fotografierte. Die Bibliothek in der Rechnerwolke registriert nun sogar, wie viele Seiten wir lesen, welche Passagen wir markieren und mit Freunden teilen.

Früher waren Verlage und Buchhandel Garanten für die Informationsfreiheit. Die Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit wäre ohne sie gar nicht denkbar gewesen. Welche Rolle wollen sie zukünftig spielen? Eins sollte klar sein: Pistolen im Halfter passen zu Gutenbergs Erben genausowenig wie die Kragenspiegel der Tscheka.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Simon Rosenberg, Ulrik Deichsel, Volker Oppmann.

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