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Rainer Zitelmanns Autobiographie

Die Lektüre dieses Werkes ist für verschiedene Lesergruppen gleichermaßen gut geeignet. Linke, Feministinnen und Kapitalismusverächter können sich in ihrem Feindbild bestätigt fühlen. Denn hier schreibt ein durch Kraftsport gestählter mittelalter weißer Mann ganz ungeniert darüber, was er von den Linken hält.

In Deutschland sind Journalismus, Wissenschaft und Wirtschaft oft strikt voneinander getrennt. Rainer Zitelmann war in seinem bisher erst sechzigjährigen Leben als Historiker, Publizist, Immobilienunternehmer und Buchautor tätig. Der FDP-Politiker Hermann Otto Solms bezeichnet Zitelmann in seinem Vorwort zutreffend als einen Reisenden. Und man hat nicht den Eindruck, dass diese Reise schon zu Ende sei. Wer weiß, welchen Themen er sich in Zukunft mit Leidenschaft widmen wird.

Manch einen potentiellen Leser wird der Titel „Wenn Du nicht mehr brennst, starte neu“ vielleicht abschrecken. Wieder so ein Selbstoptimierungs-Ratgeber, der morgen auf dem Grabbeltisch landet, wird sich der eine oder andere denken. Doch damit würde man dem Buch Unrecht tun. Zitelmann schreibt anschaulich und spannend, auch wenn manche das Ego des Autors stören mag, das mindestens so groß ist wie sein gestählter Bodybuilder-Bizeps. Allerdings wird auch der Kritiker anerkennen müssen, dass Zitelmann durchaus etwas vorzuweisen hat.

Bücher und Artikel gegen links

Der in Frankfurt geborene Sohn des Schriftstellers Arnulf Zitelmann startete politisch gesehen ganz links. Heute ist er der seltene Fall eines Nationalliberalen, der kein Blatt vor den Mund nimmt und keiner Kontroverse aus dem Weg geht. Der Autor korrespondierte nicht nur als kleiner Junge mit Willy Brandt, sondern wurde mit dem Buch „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“ auch zu einem international anerkannten Historiker. Durch die deutsche Wiedervereinigung zunehmend politisiert, wurde er schließlich Cheflektor für die Verlage Ullstein und Propyläen und brachte dort mit Titeln wie „Deutsche Irrtümer. Schönfärber und Helfershelfer der SED-Diktatur im Westen“ von Jens Hacker die linksliberale Seele zum Kochen. Denn dass jemand, der aus der konservativen oder nationalliberalen Ecke kommt, das Deutungsmonopol der Linken angreift, das mögen diese gar nicht. Reflexhaft wird derjenige, der sich auf die Kunst des intellektuellen Angriffs mit Florett oder Säbel versteht, in die rechte Ecke gestellt. Dieses Schicksal widerfuhr selbstverständlich auch Zitelmann. Autonome fackelten sogar sein Auto ab.

Wenig erfolgreich war denn auch sein Versuch, die Tageszeitung „Die Welt“ zumindest im Bereich der „Geistigen Welt“ wieder mehr nach rechts zu rücken. Zitelmann gibt offen zu, dass er dabei auch Fehler gemacht hat. Sein Versuch musste schließlich auch deshalb scheitern, weil selbst in einer nach außen hin als konservativ geltenden Tageszeitung – und das Flaggschiff des Springer-Verlages wird immer noch als konservativ empfunden, obwohl viele Redakteure von der ganz linken „tageszeitung“ zu ihr gekommen sind – weil die eigenen Leute nicht mitzogen. Zitelmann schreibt, dass bei einer geheimen „Bundestagswahl“ der „Welt“ herausgekommen war, dass sich 60 Prozent Rot-Grün wünschten. Zitelmann selbst, den man damals gerne als „neuen Rechten“ titulierte, ist bis heute Mitglied der FDP und unterstützt die Liberalen auch finanziell.

Als Zitelmann merkte, dass er nicht mehr wie bisher beruflich für die Wissenschaft und den Journalismus brannte, startete er als Immobilien-Journalist durch. Innerhalb weniger Jahre brachte er es zum Multi-Millionär, wobei sein Konto bei seinem Ausscheiden aus dem politischen Journalismus noch in den Miesen gestanden hatte.

Mit 59 Jahren verkaufte er schließlich sein erfolgreiches PR-Unternehmen und schrieb eine zweite Doktorarbeit über die „Psychologie der Superreichen“. Inzwischen betätigt er sich wieder als Publizist und schreibt Kolumnen, meist für das Internet bei „Wallstreet-Online“ oder „The European“.

Die Lektüre dieses Werkes ist für verschiedene Lesergruppen gleichermaßen gut geeignet. Linke, Feministinnen und Kapitalismusverächter können sich in ihrem Feindbild bestätigt fühlen. Denn hier schreibt ein durch Kraftsport gestählter mittelalter weißer Mann ganz ungeniert darüber, was er von den Linken hält, dass er sehr gerne sehr viel Geld verdient und dies auch deshalb gerne tut, weil er der Meinung ist, dass wohlhabende Männer anziehender auf schöne Frauen sind, für die er ein Faible hat. Man mag dies abstoßend finden. Doch niemand wird dem Autor eine ziemlich schamlose Ehrlichkeit und Geradlinigkeit absprechen können. Diejenigen, die eine Art Ratgeber für ihr persönliches Leben suchen, werden hier auch fündig. Denn Zitelmann hat ein paar eigens erprobte Erfolgsregeln parat. Und nicht zuletzt der politisch interessierte Leser wird die Kapitel mit besonderem Genuss lesen, in denen Zitelmanns Anfänge als Wissenschaftler, Lektor und meinungsfreudiger Journalist ausgebreitet werden. Eins ist diese Autobiographie bei all ihren Schwächen nie: langweilig.

Rainer Zitelmann: Wenn Du nicht mehr brennst, starte neu. Mein Leben als Historiker, Journalist und Investor. FinanzBuch Verlag: München 2017, 293 Seiten. 24,99 Euro. ISBN: 978-3-95972-031-1.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Nicolas Afflatet , Carsten Linnemann , Wilfried Porth.

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