Wir sind digitale Immigranten. Zeynep Tufekci

Der Triumph der Bücherwürmer

Je komplexer die moderne Welt wird, desto wichtiger sind Geisteswissenschaftler. Wir müssen Orchideenfächer jetzt fördern.

Orchideenfächer werden sie genannt, die sogenannten kleinen Fächer. Sie sind in unserer Hochschullandschaft rar – viel rarer als Ingenieur- oder Wirtschaftswissenschaften, als Jura oder Medizin. Dafür blühen sie umso kräftiger. Gerade jetzt. Man muss sich nur einmal das „Centrum für Nah- und Mitteloststudien“ an der Philipps-Universität in Marburg anschauen. Sein Forschungsfeld ist riesig: Es geht um die Geschichte der gesamten arabischen Welt, ihre Gesellschaft, ihre Kultur und ihre Sprache, in einem Raum, der von Marokko bis Irak reicht, von Syrien bis Mauretanien, und in einer Zeit, die vierzehn Jahrhunderte bis heute umfasst.

Als sie im vergangenen Jahr den Leibniz-Preis erhielt, den wichtigsten Forschungsförderpreis in Deutschland, hat die Marburger Arabistin Friederike Pannewick festgestellt: „Spätestens seit dem 11. September und dann unter neuen Vorzeichen im Zuge des sogenannten Arabischen Frühlings wurde die öffentliche Wahrnehmung der Probleme und Chancen der arabischen Welt und zugleich ihrer engen Verflechtung mit Europa geschärft.“ Das gilt mehr denn je. Auch der neueste Konfliktherd, die militärische Auseinandersetzung in Mali, grenzt an die arabische Welt.

Die globalisierte Welt verstehen

Orchideenfächer faszinieren und haben eine starke Ausstrahlungskraft, ganz gleich, ob es sich um Arabistik, Slawistik oder Tibetologie handelt, um Afrikanistik oder ein anderes Fach. Doch werden sie nur an ganz wenigen deutschen Universitäten angeboten und nur von wenigen Professoren gelehrt. Es muss darum unsere Aufgabe sein, sie zu sichern und weiterzuentwickeln – etwa, indem man sie in sogenannte Regionalstudien integriert, so wie mit der Arabistik in Marburg geschehen. Ohne fundiertes Wissen über andere Regionen können wir uns in der globalisierten, immer kleiner werdenden Welt nicht zurechtfinden, können wir zum Beispiel die Wanderungsbewegungen – auch zu uns – nicht verstehen.

Das ist der Grund, warum das Bundesbildungsministerium sechs neue universitäre Kompetenzzentren für Regionalstudien fördert. An der Universität Bayreuth lautet das Thema Afrika („Zukunft Afrika: Visionen im Umbruch“), in Bielefeld geht es um den amerikanischen Kontinent („Die Amerikas als Verflechtungsraum“), an der Universität Duisburg-Essen wird über China, Korea und Japan gearbeitet („In East School of Advanced Regional Studies“), in Göttingen geht es um die aufstrebenden asiatischen Mächte Indien und China („CETREN – Netzwerk für transregionale Forschung, China und Indien“) und in Frankfurt um die Beziehungen zwischen Afrika und Asien, wozu auch das wirtschaftliche Engagement Chinas in Afrika gehört („Afrikas asiatische Optionen“). Hinzu kommen die Nah- und Mitteloststudien in Marburg. Damit werden endlich auch Süd-Süd-Dialoge erforscht und regionale Diskurse in den Blick genommen, die in Europa bisher kaum beachtet wurden. Dabei sind gerade sie für unsere Zukunft so wichtig.

Vom Bundesbildungsministerium gefördert werden diese Zentren in ihrer zunächst vierjährigen Laufzeit mit insgesamt 22,5 Millionen Euro. Sie sind einzigartige, wahrhaft interdisziplinäre Forschungsstätten. Die Hochschulen können mit ihnen ihre Kompetenzen bündeln, und die Fächer können zeigen, dass sie über den eigenen Tellerrand hinausschauen. Vor allem aber wird es den Sprach- und Literaturwissenschaften möglich, sich endlich stärker mit den systematischen Disziplinen wie beispielsweise den Geschichts- und Politikwissenschaften zu verzahnen. Das Spektrum an wissenschaftlicher Expertise wir so breiter.

Vielfältige Berufsperspektiven

Die Förderung der Regionalwissenschaften ist Teil unserer Strategie, die Wissenschaft zu internationalisieren. Sie geht einher mit dem neuen Rahmenprogramm zur Förderung der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Wir verfügen in diesen Fächern über einen reichen Schatz an Wissen. Es ist eine große Tradition, die wir stärken wollen – und zwar, indem wir mit ausländischen Wissenschaftlern zusammen forschen. Sie sollen gerne zu uns kommen. Zudem sollen in wichtigen Weltregionen Stätten der gemeinsamen Forschung und des Austausches entstehen, zusammen mit den Gastländern. Bis zu fünf Internationale Kollegs sind als Foren gleichberechtigten wissenschaftlichen Diskurses zwischen Forschenden geplant. Dabei stehen Regionen in Asien, Süd- und Mittelamerika und Afrika im Blickpunkt, mit denen wir bisher vor allem in der Technologie zusammengearbeitet haben.

Geistes- und Kulturwissenschaften können beitragen zu Verständnis und Verständigung in der globalisierten Welt. Sie helfen mit, die Welt zu erklären. Sie bewahren uns vor Vorurteilen. Darum brauchen wir Ökonomen mit Regionalkompetenz, Sozialwissenschaftler mit interkulturellem Wissen und Kulturwissenschaftler mit politischem Gespür. Wer Regionalwissenschaften studiert, hat vielfältige Berufsperspektiven. Fundiertes Wissen über fremde Regionen ist im Handel ebenso gefragt wie in der Diplomatie, im Recht ebenso wie in der Entwicklungshilfe, dem Umweltschutz oder dem Katastrophenmanagement. Mit dem neuen Rahmenprogramm Geisteswissenschaften nimmt das Bundesbildungsministerium den Philosoph Odo Marquard beim Wort. Er hat gesagt: „Je moderner die moderne Welt wird, desto unvermeidlicher werden die Geisteswissenschaften.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Erik Bertram, Ties Rabe, Horst Hippler.

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