Ökologie ist kein Badeschlappenthema, sondern eine wirtschaftliche Chance. Karl-Theodor zu Guttenberg

Wir brauchen nicht noch mehr Pizza-Apps

Neelie Kroes will die Niederlande zum attraktivsten Ort für Neugründungen in Europa machen. Das Silicon Valley ist mal wieder das Vorbild, sinnvoll ist das nicht. Ein offener Brief.

Liebe Frau Kroes,

Sie engagieren sich besonders für zwei Dinge: mehr Frauen an den Spitzen von Unternehmen und seit Neuestem auch für mehr internationale Start-ups in den Niederlanden. Beides ist gut und richtig und wichtig.

Ich bin Deutsche und mit einem Niederländer verheiratet. Die Niederlande und Deutschland – beide Länder könnten einiges voneinander lernen. Nun wollen Amsterdam und die Niederlande zu „Europe’s West Coast for Awesome Start-ups“ werden, wie zu lesen ist. Da staunen wir Deutschen. Das ist gleich ganz groß gedacht. Und das sogar gleich vom selbsternannten Maßstab der Welt aus gedacht: dem Silicon Valley. Für dieses Denken bewundern wir die Niederländer und schielen neidisch rüber. Einmal mehr fühlen wir uns darin bestätigt, dass überall groß gedacht wird, außer bei uns. Zumindest sind wir davon so tief überzeugt, dass man sich unterstehen möge, uns vom Gegenteil überzeugen zu wollen. Die Energiewende ist die Ausnahme – damit haben wir uns sozusagen selbst überrascht, eine Art Betriebsunfall.

Das Silicon Valley – der selbsternannte Nabel der Welt

Nun soll Ihr Ziel sein, Berlin und London den Rang als „Start-up Magneten“ abzulaufen. Neue Jobs braucht das Land. Das Start-up Delta soll es richten. Diese Hoffnungen ruhen überall auf der Förderung von Jungunternehmen.

Wer wissen will, womit diese neuen Start-ups, als das holländische „Start-up-Ökosystem“, in einigen Jahren massenhaft neue Jobs schaffen sollen, stößt auf folgende mögliche neue Arbeitgeber: einen weiteren Online-Payment-Service, einen weiteren Pizza- und Kebap-Bestellservice, eine Art „Hochsee-Installationssystem“, um noch den letzten Tropfen Öl auch unter schwierigsten Bedingungen aus der Erde zu holen, einen weiteren Reisevermittler für die billigsten Ferienangebote, einen weiteren Ticketservice für Events, eine weitere Online-Auktionsplattform und eine weitere App für Produktrabatte. Kurz: Mehr vom Gleichen. Alles, was der Konsument zu tun hat, damit das Start-up-Delta-Business läuft: Pizza bestellen, mit der Rabatt-App das kaufen, was er schon hat, und Discount-Urlaube auf fernen Inseln machen, bevor der steigende Meeresspiegel sie für immer schluckt. In etwa so ähnlich hat es Rutger Bregman im niederländischen De Correspondent anschaulich zusammengefasst.

Derweil bohren wir noch den letzten Tropfen Öl aus der Erde, sodass auch das Billig-Wegfliegen nichts mehr nützen wird. Außer jemand will noch mit auf den Mars. Kurz gesagt: Wir haben dann überall Start-up-Ökosysteme, aber das eigentliche ist den Bach runter gegangen.

Liebe Frau Kroes, ich bin wie Sie eine große Verfechterin weiblicher Unternehmerinnen und Managerinnen. Aber warum lassen wir dann nicht die Start-up-Monokulturen der boy’s-networks in London, Berlin oder anderswo ihre Pizza-App-Unternehmen und Discount-Reisen als die heißesten Start-ups des Planeten feiern und wenden uns anderem zu?

Es mag sein, dass in diesen homogenen Männer-Clubs die Apps für Pizza oder Produktrabatte überlebenswichtig sind. Eines ist sicher: Der Rest der Welt hat andere Probleme. Wie auch George Packer im „New Yorker“ in seiner Analyse des Silicon Valley treffend zusammenfasste.

Genau hierfür könnten die Niederlande und, ja, auch bitte viele weibliche Gründerinnen, neue Geschäftsmodelle bauen und den Rest der Welt inspirieren. Wo sind beispielsweise all die niederländischen Vordenker der Kreislaufwirtschaft im Start-up Delta?

Noch mehr Start-up-Monokulturen

Stattdessen brennt die Website ein nichtssagendes Wortfeuerwerk von „smart, clean, fin, high“ und „tech“ bis „agro“ und „food“ ab, dass einem schwindelig wird. Ich lese weiter: Amsterdam setzt im Gründungsökosystem auf „creative, mobile, Internet, High Tech Systems, Sharing Economy und FinTech“. Kurz auf das Gleiche wie London und alle anderen: Klone.

Und wenn die Sharing-Ökonomie an der europäischen Westküste nur heißt, wir räumen Uber & Co. den Weg frei und vernichten schnell alle europäischen Errungenschaften gewachsener sozialer Sicherungssysteme, dann, kann ich nur sagen, heißt es bald „Rien ne va plus“. So viele gute Jobs wie dann verloren gehen, wird kein Discount-Reiseanbieter je schaffen. Immerhin können wir dann in unserer Freizeit als Uber-Fahrer noch was dazuverdienen.

Das Start-up Delta verspricht „When it works in the Netherlands it works anywhere on the planet“. Stimmt! Bisher sind Berlin, Amsterdam und London eigentlich nur in einem richtig gut: Um die Wette klonen, was sich ein paar Jungs an der Westküste ausdachten, die Apps und Egg Freezing für unternehmerische Innovation halten.

Will das Start-up Delta wirklich auch nur auf noch mehr Wachstum des immer Gleichen auf einem begrenzten Planeten setzen? Die Sache wird schiefgehen. Genauso wie die Klon-Strategie in Europa und den Niederlanden. Gerade die Niederlande haben als Handelsnation stets mit neuen Ideen aus der Krise gefunden. Beschränkt sich holländischer Gründer- und Handelsgeist heute darauf, die beste europäische Kopie der amerikanischen Westküste sein zu wollen?

In Deutschland, dem Minimal-Wachstumsmotor der Europäischen Union, ist längst eine gesellschaftliche Debatte darüber im Gange, wie wir Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln können – ganz einfach, weil der Mars keine Option ist.

Gründer mit Antworten hierauf werden in Berlin nicht gefördert. Das aber hätte Zukunft. Nicht eine weitere Discount-App. Neu kopiert in Amsterdam.

Das holländische Start-up Delta will die klügsten Köpfe anziehen. Die gründen aber keine Klone für mehr Pizza und Kebap. Die gründen für die Probleme des Rests der Welt. Auch Zukunft genannt.

Wollen wir das groß denken?

Ich freue mich, von Ihnen zu hören.
Ihre Anna Handschuh

Dieser Beitrag ist auch auf Niederländisch auf www.duitslandnieuws.nl erschienen.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Oswald Metzger, The European, The European.

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