Mir sind Kopftuchmädchen lieber als Arschgeweihmädchen. Peter Gauweiler

„Beim Sex soll alles von alleine klappen“

Wie kommen Frauen zum Orgasmus? Warum halten Dänen uns Deutsche für Leder-Fetischisten? Sex mit Liebe oder einfach vögeln? Lars Mensel und Julia Korbik sprechen mit der Sexologin Ann-Marlene Henning.

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The European: Frau Henning, Sie haben zwei Aufklärungsbücher geschrieben, eins für junge und eins für ältere Leser. Der Begriff „Aufklärung“ klingt aber erst einmal angestaubt …
Henning: Richtig. Die meisten Leute fragen: Was müssen Erwachsene denn noch wissen? Ich habe das Buch geschrieben, weil ich eine volle Praxis habe – mit Erwachsenen, die wenig wissen. Menschen, die Probleme haben, weil sie grundlegende Dinge über Erregung und ihren eigenen Körper nicht verstehen.

The European: Woher diese Unkenntnis?
Henning: Die meisten glauben, gute Sexualität sei angeboren und es gäbe nichts, was man lernen muss.

The European: … weil man es im Verlauf der Zeit selber lernt?
Henning: Ein kleiner Teil, nämlich der Erregungsreflex, ist angeboren. Schon kleine Kinder haben deswegen Gefallen daran, sich zu entdecken und berühren, „weil es so schön im Bauch kitzelt“. Dann wird man älter und fast jeder kommt irgendwann darauf, Geschlechtsverkehr zu haben. Aber ob man es gut oder schlecht findet, ob es wehtut oder ob man einen Höhepunkt erlebt – all das ist nicht angeboren. Es kann von alleine ganz gut klappen – tut es aber bei vielen nicht.

The European: Wir sind also nicht so aufgeklärt, wie wir selbst gerne glauben möchten.
Henning: Genau. Man weiß, dass es Swinger Clubs gibt, kennt Rotlichtbezirke und denkt, S/M müssten alle ausprobieren. Aber grundlegende Dinge darüber, wie man guten Sex hat und dass dahinter nicht nur ein Leistungsgedanke, sondern ein Spüren des Körpers steckt – das fehlt vielen Menschen.

The European: Welche Rolle spielen soziale Zwänge dabei?
Henning: Gerade ist mein erstes Buch „Make Love“ in England erschienen. Und dort wird ganz seltsam darüber berichtet: Große Zeitungen schreiben darüber, aber ohne ins Detail zu gehen oder unsere Fotos zu zeigen. Das Thema Sex ist tabu! Hier in Deutschland wurde das Buch reichlich besprochen – weil es um Jugendliche ging. In „Make More Love“ geht es um Erwachsene, um uns selbst, und schon ist das Thema wieder tabu. Die Talkshows sind verhalten, die sagen ab oder buchen um, weil andere Gäste sich nicht trauen, mit mir dort zu sitzen.

The European: Warum?
Henning: Ein Beispiel: Ein dänischer Sender filmt gerade für einen Thementag über Deutschland. Die These: „Ist es nicht viel besser, deutsch zu sein?“ Dazu interviewen sie Trendforscher, Politiker und eben mich zum Thema Sex. Die Dänen haben ein Bild von den Deutschen als Lack-und-Leder-begeistertes Volk, das Bondage und freien Sex zelebriert. Aber komischerweise haben die angeblich so sexuell aktiven Deutschen die höchste Online-Porno-Klickzahl in Europa. Sie sitzen also mehr vor dem Computer, als dass sie richtigen Sex haben! Und möchten dazu ungern über sexuelle Probleme sprechen: Sie gehen nicht zum Arzt, wenn es um „dort unten“ geht.

The European: Aber Moment: Alle schauen Pornos, die Werbung ist voller halb nackter Menschen und Sex ein Dauerthema im Fernsehen. Wieso sind Sex und Körperfunktionen noch immer so ein riesiges Tabu?
Henning: Das ist eine weltweite Scham, mit ganz wenigen Ausnahmen. Religionen spielen eine große Rolle – nicht, weil diese selbst sexuelle Handlungen verbieten, sondern weil es einige wenige Leute gibt, die Religionen nutzen, um Menschen zu kontrollieren. Denken Sie an all die Verbote, Sünden oder angeblich medizinischen Bedenken bezüglich Sex.

„Ein Drittel aller Frauen kann überhaupt nicht kommen“

The European: Stichwort Mut: Die sexuelle Revolution ist ein halbes Jahrhundert alt, Kindern wird nicht mehr beigebracht, Masturbation mache blind. Woher also die Scham?
Hening: Denken Sie an die viktorianische Zeit, denken Sie an Freud und die damals gepredigte Lehre. Das ist erst drei Generationen her. Meine Mutter ist 1943 geboren. Noch Jahre danach konnte der Mann den Job der Frau kündigen und wer „hysterisch“ war, konnte den Uterus zwangsentfernt bekommen. Ich bemerke trotzdem eine Verbesserung: Mittlerweile gibt es zum Beispiel im Fernsehen die Tendenz, Aufklärungsformate zu senden, ernsthafte Zeitungen berichten, Talkshows laden ein, neue Ausbildungen zum Sexualtherapeuten stehen im Programm der Hochschulen.

The European: Gerade zum Thema weibliche Sexualität kursieren immer noch viele Vorurteile, Freud sei Dank. Hat sich da was getan?
Henning: Viele Frauen würden sagen, dass sie ihre eigene Sexualität ausleben können. Aber wenige wissen beispielsweise, dass sie eine Innenwahrnehmung der Vagina haben und anders zu kommen lernen können als – salopp gesagt – mit dem Rubbeln der Perle. 80 bis 90 Prozent der Frauen können allein durch Penetration gar nicht kommen. Kein Wunder, wenn Frauen weniger Lust auf Geschlechtsverkehr haben, wenn sie eigentlich nichts spüren, sobald penetriert wird.

The European: Gar nichts?
Henning: Doch, sie spüren vielleicht den Druck und die ­Bewegung, aber nicht genug, um sexuelle Erregung wahrzunehmen. Und ein Drittel aller Frauen kann überhaupt nicht kommen.

The European: Das heißt, trotz der vermehrten Auseinandersetzung mit der weiblichen Sexualität, ist der Weg noch sehr weit.
Henning: Mein Lieblingsbeispiel: Ich hatte eine Biologielehrerin als Klientin, die glaubte, sie bräuchte keine Aufklärung. Wollte aber lernen, zu kommen. „Wissen Sie denn Bescheid über Ihre Klitoris und Vagina, deren anatomisch-physiologischen Gegebenheiten?“ Sie grinste und sagte „Na klar“. Also habe ich sie gefragt, wie groß eine Klitoris ist. Und sie fing an, ganz genau zu beschreiben, und überlegte, ob sie groß wie eine Erbse oder eine Haselnuss ist. Da wusste ich, dass sie Aufklärung braucht. Aufklärung für eine Frau, die Jungs und Mädchen in der Schule zum gleichen Thema unterrichten soll.

The European: Sie haben die Werbung und Pornos im Internet angesprochen. Was wird von Männern sexuell erwartet?
Henning: Ich würde am liebsten sagen: die Armen! Dadurch, dass der Penis von Anfang an sichtbar und greifbar ist, dadurch, dass Männer so hohes Testosteron haben, passieren viele Dinge ganz von selbst. Männer können problemlos kommen, haben Spaß daran. Aber vielleicht funktioniert es zu automatisch. Wenn man als Mann nichts vom Körper und der Erregung versteht, bekommt man spätestens in der Andropause – den männlichen Wechseljahren – Probleme. Und dann muss er aber immer noch können und wollen. Immer seinen Mann stehen, sowohl sexuell wie auch psychologisch. Das wird für die meisten schwierig.

The European: Sie schreiben: „Die Frage ist nicht, ob Erektionsstörungen kommen, sondern wann …“
Henning: Ja, ein Mann, der seinen Körper und dessen Möglichkeiten nicht kennt, sondern nur schnell und mechanisch reibt oder stößt, wird irgendwann Probleme bekommen. Am Anfang, als Jugendlicher, geht ja alles wie von alleine, aber spätestens nach der Andropause, wenn das Testosteron weniger geworden ist, bekommen diese Männer Probleme. Sie fangen an, noch schneller und härter zu reiben. Sie kämpfen quasi um ihre Erregung und um ihre Erektion. Und brauchen immer mehr Druck. Und wenn sie dann mit einer Frau Sex haben, die ihren Beckenboden nicht nutzt, dann geht plötzlich gar nichts mehr. Wir haben uns unsere sexuellen Praktiken selbst beigebracht – auch Dinge, die für die Sexualität mit Partnern nicht förderlich sind.

„Männer und Frauen leiden in gleichem Maße unter den Wechseljahren“

The European: Sie haben gesagt, dass es ab 50 bergab geht. Nun ist „Make More Love“ auch ein Buch übers Älterwerden, über Sex in der zweiten Lebenshälfte. Wie verändert sich Sexualität im Alter?
Henning: Schwer zu sagen. Im Prinzip gibt es zwei große Gruppen. Erstens: Paare, die merken, dass sie ein Problem haben. Die nehmen das Tempo raus, fangen an, ein paar Bücher zu lesen und sich mit dem Thema zu beschäftigen: Was kann ich noch tun? Einige gehen zur Sexualtherapie und es entwickelt sich eine neue, andere und, wie ich manchmal höre, lustvollere Sexualität. Zweitens: Paare, die sich schämen oder zurückziehen und den Sex erst mal oder sogar für immer einstellen.

The European: Was passiert dann?
Henning: Sehr oft kommt es zu Untreue. Statistiken belegen, dass Männer und Frauen ungefähr gleich oft untreu sind. Andere Paare stellen einfach den Sex ab – für immer. Dagegen habe ich überhaupt nichts, schließlich muss nicht jeder Sex haben. Aber meistens kommen ja die Paare in die Praxis, bei denen einer mehr oder weniger Sex möchte als der andere.

The European: Untreue kann also ein Lösungsansatz sein?
Henning: Es gibt Fälle, wo jemand eine Krebserkrankung hat. Oder geistige Alterserscheinungen wie Alzheimer. Oft ist Sex dann nicht möglich. Da würde ich jederzeit befürworten, dass der andere sich um sein Sexualleben kümmert. Oft schlägt es sogar der kranke Partner ernsthaft vor. Viele möchten ja noch für den Partner da sein, aber ihre Sexualität leben sie eben woanders aus. Ich bin nur kein großer Fan davon, wenn man untreu wird, weil man sich nicht traut, mit seinem Partner oder seiner Partnerin über Probleme zu sprechen.

The European: Mit dem Älterwerden verändert sich auch der Hormonhaushalt. Welche Auswirkungen hat das?
Henning: Ich glaube, dass Männer und Frauen in gleichem Maße unter den Wechseljahren leiden. In den Medien sieht es ja meistens so aus, als wären die Frauen mehr betroffen: Schwitzen, sich unwohl fühlen im eigenen Körper. Aber den Frauen geht es nach dieser Phase oft besser als vorher. Sie spüren ihr bleibendes Testosteron wie nie zuvor, kennen ihren Körper besser und schämen sich weniger. Viele Frauen haben das Gefühl, dass es jetzt mal um sie geht und nicht nur um andere. Sie haben mehr Energie und Drive – und auch mehr Lust.

The European: Sie schreiben in „Make More Love“, dass das Gehirn bei der Erregung eine zentrale Rolle spielt. Wie verändert sich das durch das Altern?
Henning: Alles geht ein bisschen langsamer. Wenn man mehrmals hintereinander Geschlechtsverkehr hat, braucht man eine längere Pause, der Weg zum Orgasmus dauert länger. Aber genauso gibt es Erkenntnisse der Hirnforschung, dass das Gehirn zwischen 40 und 60 seine Höchstphase hat, wenn es um Querverbindungen geht. Wir sind also gar nicht so alt im Gehirn, wir sind schlauer – nur etwas langsamer. Und bezogen auf den Sex: Das Gehirn ist absolut flexibel und dynamisch und jede neue Erfahrung macht einen bleibenden Eindruck. Man kann also weiter umstellen und Genuss lernen.

The European: Das macht doch hoffnungsvoll.
Henning: (lacht) Ja, ich selbst bin ja davon betroffen. Ich hatte eine tolle Zeit als Teenager und junge Erwachsene – keinerlei sexuelle Probleme. Aber den besseren Sex habe ich jetzt. Damals wusste ich einige Sachen einfach nicht besser. Hätte ich es wissen wollen? Gemusst hätte ich nicht, es war ja nett. Aber ich habe Mädchen bei mir in der Praxis, die 25 sind und nicht kommen können. Und junge Männer die darunter leiden, dass sie zu früh kommen. So früh, dass sie gar keinen richtigen Sex haben können. Die wollen gerne wissen, wie ihr Körper funktioniert und was sie verändern können.

The European: Warum wollen Leute Dinge nicht wissen?
Henning: Tja, eine gute Frage. Ich glaube, weil es anstrengend ist, wenn man selber was tun muss. Das soll doch alles von alleine klappen!

„Andere Körper mit Lust verbinden“

The European: Zum Ende wollen wir noch drei Sex-Weisheiten auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Erstens: Sex ist mit Liebe besser.
Henning: Jein. Es hängt davon ab, was ich möchte. Ein Quickie oder endlich mal wieder Sex haben, kann sehr gut sein. Aber was mich zum Beispiel betrifft: Je älter ich werde, desto lieber wäre mir ein Kontakt als – Entschuldigung – reines Vögeln. Wichtig ist, dass der andere authentisch da ist, dass ich ihn spüren kann und dass es nicht nur ums Performen geht. Es geht um Kontakt zu dem Menschen.

The European: Zweitens: Sex ist Kopfsache.
Henning: Man könnte sagen: Ja, weil jede Bewegung, die wir machen, vom Kopf gesteuert wird. Ansonsten ist er natürlich Herzenssache. Aber wenn die Synapsen es nicht bringen, nicht kennen oder nicht meinen, dann ist auch kein Genuss da. Sexualität und die damit verbundenen Gefühle sind gelernt. Das sieht man zum Beispiel bei Menschen, die missbraucht wurden. Wenn jemand gelernt hat, dass Sex wehtut, weil es mit dem Vater, dem Onkel, dem Opa oder der Mutter geschehen ist und Dinge­ mit einem gemacht wurden, die man nicht wollte, dann fühlt man während des Sex meist ­negative Emotionen wie Angst oder Trauer. Man hat gelernt, dass Sex wehtut.

The European: Drittens: Guten Sex kann man lernen.
Henning: Definitiv! Wer über den eigenen Körper Bescheid weiß, und gelernt hat, auch einen anderen Körper mit Lust zu verbinden, hat beste Voraussetzungen geschaffen. Der Rest ist dann ein „aufeinander eingehen“ und körperliche Kommunikation ohne Worte.

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 1/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Zwei Jahre nach der großen „Aufschrei“-Debatte ziehen wir eine ernüchternde Bilanz: Es hat sich kaum etwas geändert. Schlimmer noch, der Kampf um die Emanzipation der Frau wird noch immer mit Argumenten aus dem 19. Jahrhundert geführt. Grund genug, diese historische Debatte nachzuzeichnen.

Zudem: Drei Gedanken, die 2015 unseren Wohlstand retten. Ein Königshaus für Europa. Warum Armen und Reichen Deutschland scheißegal ist. Haltung in der Politik. Dazu Gespräche mit Jeffrey Sachs, Petra Pau, Jeremy Rifkin

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