Ich rotiere höchstens, wenn ich Opfer des Rotationsprinzips werde. Oliver Kahn

„Ich zeige keine Leichen“

Die Fotografin Anja Niedringhaus wurde während der Arbeit in Afghanistan erschossen. Mit Anna Polonyi hat sie zuvor über die Macht der Bilder gesprochen und darüber, warum sie immer noch in Kriegsgebiete reist.

Die Kriegsfotografin Anja Niedringhaus wurde 2014 bei der Arbeit in Afghanistan erschossen.

The European: Sie sind eigentlich Kriegsfotografin, aber Ihre Fotos werden in Kunsthallen ausgestellt und auch auf dem Kunstmarkt versteigert. Sehen Sie Ihre Fotos als Kunst?
Niedringhaus: Ich würde nie sagen: Ich mache Kunst. Das ist eigentlich nicht mein Beruf. Aber die Leute sehen das plötzlich aus einem ganz anderen Blickwinkel, nicht aus dem Blickwinkel des Nachrichtenwertes, sondern aus dem der Kunst. Ich finde, heute wird zu viel und zu schnell gesagt, etwas sei Kunst.

„Die Fotos sind eigentlich zu gut und zu schön für Fotojournalismus“

The European: Machen Sie sich Sorgen, dass die politische Kraft der Fotos nicht durchkommt, weil sie auf der Ebene der Kunst wahrgenommen werden?
Niedringhaus: Nein. Es wurde gesagt, dass die Fotos eigentlich zu gut und zu schön für Fotojournalismus sind. Aber ich kann das nicht anders fotografieren. Ich finde, es gibt keinen Wert, wie man im Krieg fotografieren soll. Ich habe zum Beispiel überhaupt kein „Bang-Bang Klapp“: die Leichen, die richtig rohe Gewalt sind gar nicht da. Ich glaube, dass sich die Menschen dann abwenden und sich mit dem Thema nicht beschäftigen. Wenn ich das auf der Titelseite der Zeitung beim Frühstück habe, würde ich weiterblättern, und dann wird genau das Gegenteil erreicht. Das ist einfach zu einfach.

The European: Inwiefern glauben Sie, dass Ihre Bilder irgendetwas an der Lage der Menschen ändern können?
Niedringhaus: Ich glaube, dass die meisten Menschen, die ich fotografiert habe, die Bilder nie gesehen haben. Das heißt aber nicht, dass ich sie missbrauche. Ich habe früher gedacht, man würde durch die Fotos den Krieg sofort stoppen können. Ich hatte dem Journalismus eine viel größere Macht zugetraut. Da bin ich ein bisschen skeptischer geworden. Aber nicht desillusioniert. Ich kann immer morgen abhauen. Die Menschen da können aber nicht gehen. Deshalb empfinde ich das als eine Aufgabe. Es ist nicht so, dass ich es mir ausgesucht habe, aber ich habe damit angefangen, und das Projekt ist noch nicht zu Ende.

The European: Wie lange können Sie sich vorstellen, das noch weiterzumachen?
Niedringhaus: So lange es geht. Und wenn nicht mehr, dann möchte ich den Zeitpunkt wählen und sagen, das ist jetzt ein Punkt, wo ich es übergeben könnte an einen anderen, oder wo ich denke, ich habe damit Frieden gefunden. Das habe ich aber noch nicht.

The European: Wie erleben Sie Ihren Beruf als Frau?
Niedringhaus: Da ist ein Bonus. Nach Ägypten kam man nur ohne Kameras. Man hat mich gefragt, was ich da wolle, und ich habe geantwortet: „Ich möchte die Pyramiden fotografieren.“ Mit dem Satellitentelefon. Zwei Kollegen, die am gleichen Tag ankamen, mussten ihre gesamte Ausrüstung abgeben. Gucken Sie sich an, wie viele Fotografen in Libyen gestorben sind. Das ist keine Zuckerfahrt. Man muss wirklich wissen, warum man es macht. Ich war für drei Wochen in Libyen, und dann reichte es auch. Ich kann lange etwas vertragen. Es gab Kollegen, die nach drei bis fünf Tagen einfach raus wollten. Damals durften die Gaddafi-Truppen noch fliegen. In der Wüste hatten wir gar keinen Schutz. Und man schmeißt sich in den Sand und denkt, dass das nicht wahr sein kann. Man macht an dem Tag auch gar keine Bilder. Nur kaputte Kameras liegen im Sand.

„Mich interessiert Tennis überhaupt nicht“

The European: Sie machen auch Sportberichterstattung. Wie fühlen Sie sich dabei, wenn Sie zurück aus Konfliktgebieten kommen, um über Tennismatches in Wimbledon zu berichten?
Niedringhaus: Ganz oft komme ich direkt aus Krisengebieten nach Wimbledon. Voriges Jahr war ich in Afghanistan, bin abends gelandet, und musste schon nach London fliegen. Am Anfang denkt man, das ist einfache vertane Zeit. Aber man kann nicht sagen, dass nur Afghanistan wichtig ist. Mich interessiert Tennis überhaupt nicht. Aber das ist so eine eigene Welt, wenn man drin ist — dieser schöne Rosengarten, keiner redet über Politik oder Krieg. Und keine Grölerei; da wird ein bisschen geklatscht und wenn es zu laut wird, dann husten sie aus der Royal Box. Man denkt am Anfang, kneif mich, das darf doch nicht wahr sein. Aber am Ende bin ich auch ein bisschen angefixt.

The European: Sport und Krieg haben etwas gemeinsam: Machen Sie diesen Beruf wegen des Adrenalins?
Niedringhaus: Nein, da könnte ich den ganzen Tag Bungee-Jumping machen. Ich glaube, es ist eine wichtige Aufgabe. Wenn ich in diesen Gebieten bin, fühle ich mich wie ein Fisch im Wasser. Ich habe viel mehr Vertrauen zu den Menschen dort. In Libyen war es sehr gefährlich, aber ich habe bei Familien übernachtet, die mich versteckt haben, als die Gaddafi-Truppen kamen. Wer würde so etwas hier machen? Und dann noch westliche Journalisten, die illegal ins Land gekommen sind. Ich möchte nicht sagen, dass jeder Journalist in den Krieg gehen muss. Aber wir haben die Aufgabe, zu berichten. Wir sind nicht da, um zu sagen, ich bin hier der Kriegsheld. Es gibt immer Journalisten, die sich als Hauptperson sehen, und nicht die Leute, über die sie berichten. Ich finde es ganz schrecklich, wohin der Journalismus geht.

The European: Wohin geht der Journalismus?
Niedringhaus: Billig, schnell, Effekthascherei. Man nimmt sich viel zu ernst. Gerade bei den Jungen, wo man sagt: „Ich mache alles. Ich mache Video und Foto und dann schreibe ich noch für euch.“ Es wird auch sehr viel verlangt, wegen des Budgets, aber es kommt nur Murks heraus. Was im Gedächtnis bleibt, ist nicht das Video. Erinnern Sie sich an ein Video aus Vietnam? Nur Fotos. Das rennende Mädchen: von diesem Mädchen gab es Filmaufnahmen. Es interessiert keinen. Deshalb bin ich so stolz, das zu machen, weil ich hoffe, dass einige meiner Bilder für immer bleiben. Eine Stadt wie Sarajevo, welche für fast fünf Jahre eingeschlossen war, darf man nie vergessen. Das kann immer wieder passieren.

The European: War es schwer, in bestimmten Situationen die Kamera draufzuhalten und Fotos zu machen?
Niedringhaus: Klar. Aber wenn es eine ganz gefährliche Situation ist, dann bin ich froh, dass ich die Kamera dabeihabe, weil ich mich dann konzentrieren kann. Sie ist auch ein bisschen ein Schutzschild. Es wäre schrecklich, wenn ich nur etwas zum Schreiben dabei hätte.
Man muss aber versuchen, die Würde der Menschen nicht zu verletzen. Man kann eine Beziehung durch Blicke aufbauen, in einem Bruchteil von Sekunden. Ich will aber nicht, dass die Menschen den Eindruck haben, ich würde sie abschießen. Ich finde das Wort sowieso ganz schrecklich. Ich versuche immer, irgendetwas aufzubauen. Sie sollen das schon wissen, wenn ich sie fotografiere. Ich muss ja auch am nächsten Morgen in den Spiegel gucken können. Manchmal gibt es irre Szenen, aber ich kann das auch mit meinen Augen genießen. Man muss ja nicht alles fotografieren — das ist es nicht wert.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Nawal El Saadawi: „Wir leben in einem Dschungel“

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