Der Krieg ist und war nie aus der Welt. Christopher Clark

„Einfach am Ball bleiben“

Soziale Netzwerke werden auch in der Karriere immer wichtiger. Inanna Fronius und Alexandra Schade sprachen mit Angela Rittig über den Einfluss sozialer Netzwerke auf die Arbeitswelt und das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen.

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The European: Netzwerke spielen eine immer prominentere Rolle in unserem Leben. Schaffen wir es nicht mehr ohne?
Rittig: Wir hatten immer Netzwerke. Die Frage stellt sich glaube ich nicht ganz so. Ob wir es ohne nicht schaffen? Wir hatten immer Netzwerke und haben uns auch immer auf die verlassen. Wenn Sie jetzt die Online-Netzwerke ansprechen, dann…

The European: …dann habe ich plötzlich viel größere Möglichkeiten? Plötzlich habe ich nicht mehr nur ein Netzwerk um mich herum, sondern ich habe ein Netzwerk in Australien, in Asien und kann das anzapfen.
Rittig: Ich höre von vielen Menschen, dass die sagen, dass sie den Kontakt zu vielen Leuten verloren hätten, in Australien, in Asien, wenn sie keine sozialen Netzwerke hätten, über die sie diese Kontakte aufrecht erhalten können. Von daher glaube ich an eine friedliche Koexistenz und, ich will es nicht Befruchtung nennen, aber dass beide doch sehr voneinander profitieren.

“Frauen sind oft viel aktiver in Netzwerken”

The European: Aber berufliche Netzwerke: ohne ein berufliches Netzwerk, und auch online ein berufliches Netzwerk, kann ich wahrscheinlich nicht mehr existieren in der Arbeitswelt.
Rittig: Sie haben einfach klare Nachteile ohne ein berufliches Netzwerk. Das heißt: Es ist sehr wahrscheinlich, dass Sie einen Job finden werden über Kontakte, die Sie haben. Über 50 Prozent aller Jobs werden über Kontakte vergeben. Ihr Arbeitgeber wird zufriedener sein mit ihnen. Es gibt eine Untersuchung, die herausgefunden hat, dass Arbeitgeber mit Mitarbeitern zufriedener sind, die sie über soziale Netzwerke gefunden haben bzw. über Kontakte. Dann kann man dazu noch sagen, dass, gerade wenn man die Frauenperspektive betrachtet, dass man Schwierigkeiten haben würde, ohne ein Netzwerk gegen Männernetzwerke zu bestehen.

The European: Warum fällt es Frauen so schwer zu netzwerken? Was machen wir falsch? Was machen wir anders als Männer?
Rittig: Das ist interessant. Eigentlich sind wir Netzwerkprofis. Wir sind super im Netzwerken. Wenn man sich beispielsweise die Aktivitätsraten anguckt auf Facebook – Frauen sind viel viel aktiver auf Facebook.

The European: Bei sozialen Netzwerken.
Rittig: Das ist ein soziales Netzwerk. Und genau das ist der Punkt. Das sind private Inhalte, die da geteilt werden, während, wenn wir dann auf Xing gucken, fällt da auf, dass Frauen zum Beispiel nur ein Drittel der Mitglieder ausmachen. Sie sind weniger aktiv auf der Plattform. Sie laden weniger Leute ein, haben weniger intensive Kontakte zwischen den Kontakten. Und daran sieht man, dass Frauen nicht avers sind gegen Online-Angebote, sondern dass sie die einfach entsprechend ihrer persönlichen Prioritäten nutzen, nämlich stärker privat und weniger beruflich.

“Man muss am Ball bleiben”

The European: Wo ist der Punkt, wo ein Netzwerk aufhört, nützlich zu sein und ein Eigenleben entwickelt? Wann entwickeln Netzwerke ein Eigenleben, wo es schwierig wird, wo die Leute ausgegrenzt werden und ganz klar die Türen zu sind?
Rittig: Das Problem ist, dass, wenn man Kontakte nicht pflegt und kein Netzwerk hat, man unsichtbar wird für Leute, die entscheiden: über Beförderungen, über Gehaltserhöhungen, über jemanden, der vielleicht für eine neue Position in Frage kommt, usw. Man muss da einfach am Ball bleiben und dran bleiben und nicht abends, wenn man vielleicht denkt: „Oh, war ein harter Tag, bin müde, ich geh‘ jetzt nicht mehr mit dem Kollegen auf ein Bier “ – es ist dann halt meistens nicht nur auf ein Bier, sondern da werden wichtige Dinge besprochen, die das Unternehmen angehen und die dann für das Meeting bereits vorentschieden sind am nächsten Tag. Also, am Ball bleiben einfach.

The European: Was empfehlen Sie jungen Frauen? Wie kann man effizient netzwerken? Einfacher weniger schüchtern sein? Sollte man soziale Netzwerke auch beruflich nutzen?
Rittig: Unbedingt. Unbedingt. Das müssen wir. Und wir müssen auch lernen, dass wir das tun; dass da nichts dabei ist.

The European: Also keinen Cut machen zwischen sozialen Netzwerken und beruflichen Netzwerken und sagen: „Das eine ist das eine und das andere das andere, das kombiniere ich nicht“?
Rittig: Sagen wir so: Ich denke, dass es völlig legitim ist, ein privates Netzwerk auch dazu zu nutzen, beruflich voran zu kommen. Was soll schlecht daran sein, jemanden zu bitten, nur weil ich mit ihm befreundet bin, mir einen Kontakt zu vermitteln, der meiner Karriere förderlich sein kann? Ich glaube, da tun sich Frauen immer noch schwer. Frauen denken, sie können diese Freundschaft jetzt nicht ausbeuten oder für solche Zwecke nutzen. Und da müssen wir einfach über unseren Schatten springen. Ich fürchte, da wird uns nichts anderes übrig bleiben.

“Warum machen wir uns so viele Gedanken?”

The European: Haben Sie einen goldenen Netzwerktipp? Etwas, was Frauen auf jeden Fall beachten sollten beim Netzwerken?
Rittig: Ja, sich einfach zu trauen und nicht zu denken: „Oh Gott, was denkt der jetzt von mir, wenn ich ihn frage, ob wir uns auf einen Kaffee treffen können, weil seine Präsentation gut war und das zufällig mein Arbeitsthema ist?“ Dann treffen Sie sich einfach auf einen Kaffee mit dem. Da muss keine Freundschaft draus werden, aber das ist wieder jemand, der sie auf dem Radar hat und der sich für Ihre Expertise möglicherweise interessiert. Warum machen wir uns da so viele Gedanken drum? Ist es nicht einfach nett jemandem zu sagen: „Ich finde Ihre Arbeit toll. Ich finde Sie interessant. Lassen Sie uns darüber sprechen." Da müssen wir einfach progressiver werden.

The European: Noch eine Frage: Was macht ein gutes Xing-Profil aus?
Rittig: Da gibt es mehrere Punkte. Ganz wichtig ist natürlich, dass man ein aussagefähiges und aussagekräftiges Foto hat, was idealerweise auch in einem beruflichen Kontext zu verwenden ist und da vielleicht jetzt nicht das Urlaubsfoto einzustellen. Unsere Auswertungen haben ergeben, dass Profile mit Foto öfter angeklickt werden, weil Sie natürlich ein viel interessanteres Bild von sich selbst vermitteln. Und jetzt nach dem Relaunch vor ein paar Wochen ist es auch möglich, die Seite persönlicher und individueller zu gestalten. Also wir haben jetzt viel mehr Möglichkeiten, Tagclouds zum Beispiel einzubinden und solche Geschichten. Viel stärker kreativ und individueller zu werden – das würde ich empfehlen.

Das Interview entstand im Rahmer der DLD Women 2011. The European ist Medienpartner der Veranstaltung.

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