Die Einigung Europas gleicht dem Versuch, ein Omlett zu machen, ohne die Eier kaputt zu schlagen. Paul Lacroix

Der Mittelstand wird verschwinden

Anstatt einer abrupten Veränderung von einem Tag auf den anderen, werden wir eine Beschleunigung der Trends sehen, die bereits in Effekt getreten sind. Beschleuniger hierfür sind Robotik oder Artificial Intelligence. Der Mittelstand wird verschwinden, und es gibt viele Indizien darauf, dass durchschnittliche Jobs mit einem durchschnittlichen Lohn seltener werden.

Wie wird Ihrer Meinung nach unsere Arbeiterschaft in den nächsten zwanzig Jahren aussehen?

Anstatt einer abrupten Veränderung von einem Tag auf den anderen, werden wir eine Beschleunigung der Trends sehen, die bereits in Effekt getreten sind. Beschleuniger hierfür sind Robotik oder Artificial Intelligence. Der Mittelstand wird verschwinden, und es gibt viele Indizien darauf, dass durchschnittliche Jobs mit einem durchschnittlichen Lohn seltener werden. Grund zur Sorge gibt es für Länder – besonders im Falle Deutschlands und der USA – die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine große Mittelschicht entwickelt haben. Und der aktuelle Wahlkampf in den USA zeigt, dass die Leute denken, dass diese ihre Mittelschicht langsam, doch sicher, verschwindet.

Kann man den Aufstieg populistischer Rhetorik auf beiden Seiten des Atlantiks diesem Zerfall der Mittelklasse akkreditieren? Einige sagen, es sei der Rückschlag der Globalisierung und Digitalisierung – stimmt das?

Zum Teil – natürlich ist es komplexer als das. Ich denke, dass die Menschen, die sich vom “System” betrogen fühlen eine große Menge des steigenden Populismus und dem rasanten Aufschwung von Demagogen (wie Trump in Amerika) ausmachen. Sie denken, dass Wirtschaft und Gesellschaft schlechter ist, als dass sie das früher einmal war. Daher ist die Sprache vom „Decline“ und der Rückkehr zum “Great America” für so viele Menschen so attraktiv …

… doch die Schuldigen sind in diesem Fall doch Wall Street und die Banken! Noch nie hat jemand Roboter dafür beschuldigt.

Das stimmt. Aber es ist einfacher, Ausländer für die schwindenden Arbeitsplätze zu beschuldigen, als das der Fall mit Technik wäre. Man kennt die Konsequenzen der Globalisierung, aber der Rückschlag gegen Technik ist noch nicht so ausgereift, als dass er eine öffentliche Debatte verursachen würde. In Amerika (sowie den meisten europäischen Ländern) werden Arbeitsplätze an zwei Enden des Spektrums geschaffen: dem Oberen – für qualifizierte und gut ausgebildete Menschen; und dem Unteren, für Berufe, die wenig Voraussetzungen haben, aber für die noch kein Technikersatz marktfähig ist. Besonders in Amerika gibt es immer mehr Arbeitsplätze am unteren Ende des Arbeitsmarktes – Berufe mit niedrigem Lohn und mit weniger Vorteilen. Sozialversicherung ist so gut wie nicht vorhanden, und hinterlässt deshalb viele Familien in schwierigen Situationen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen hat sich aus der Mitte hin nach unten bewegt. Früher gab es Routinejobs am Bankschalter oder am Fabrikband. Heute haben wir automatisierte Prozesse für beides. Diese Arbeitsplätze werden zudem nicht zurückkommen, denn Software ist billiger und zuverlässiger als Handarbeit. In Zukunft wird Routinearbeit zum Teil nach Oben, aber zum größten Teil nach unten, in den Fertigkeitsbereich, geschehen.

Kompensieren wir für dieses Verschwinden, indem wir neue Industrien schaffen?

Ja, aber es scheint, als helfe das der Mittelschicht nicht viel. Natürlich werden neue Arbeitsplätze geschaffen, die es vorher nicht gab – man nehme Data Scientists und Social-Media-Berater als Beispiel. Aber auch hier ist das Problem, dass diese Arbeitsplätze am oberen Ende des Spektrums geschaffen werden. Auf der unteren Seite entstehen neue Jobs wie zum Beispiel das eines Uber Fahrers. Er oder sie hat einen Job, den es vor einem Jahrzehnt noch nicht gab. Heutzutage ist es schwer, einen Job zu finden und zu behalten, in dem man sich seinen eigenen Zeitplan schafft, und in dem man auch ohne Diplom sein Brot verdienen kann. Ich sage nicht, dass Uber Schuld daran ist, dass heute überall mittelständische Jobs fehlen. Aber lassen Sie uns ebenfalls nicht so tun, als ob wir die gleichen Arbeitsplätze und Löhne sehen, die wir noch vor zwanzig Jahren sahen.

Natürlich. Zudem muss man sagen, dass der Wettbewerb in der Wissenschaft passiert, und nicht unter Fahrern. Eines Tages werden wir selbstfahrende Autos haben…

…Und Uber investiert in selbstfahrende Autos. Natürlich generieren wir noch neue Arbeitsplätze für Menschen, aber in unserer Gründungswirtschaft liegt der Fokus der Unternehmen nicht auf der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Wenn ein Gründer die Möglichkeit hat, sein Unternehmen auf eine skalierbare Art und Weise aufzubauen, wird er das tun. Als Instagram für $1 Milliarde von Facebook gekauft wurde, hatte Instagram weniger als 20 Mitarbeiter. Wir haben viele neue, sehr beeindruckende Unternehmen, die großen Wert schaffen, aber sie tun das mit viel weniger Menschen, als es die Riesen des Industriezeitalters einst taten.

Und das liegt daran, dass Prozesse wie Datenerfassung heutzutage von Maschinen durchgeführt wird. Eine Beobachtung, die ich gemacht habe, ist, dass Medien in Amerika eine Menge an Investitionen generieren. Würden Sie zustimmen, dass Media Entrepreneurship weiterhin eine lebendige Industrie bleibt?

Absolut. Es passiert viel in der Medienbranche, aber der Fokus scheint darin zu liegen, neue Wege zu finden, in denen Medien zu Menschen gebracht werden. Zum Beispiel BuzzFeed, Vice, Bleacher Report. Und dann gibt es auch sehr reiche Tech-Akteure, die Zeitungen kaufen – Jeff Bezos und die Washington Post zum Beispiel.

Wir sehen ständig neue Geschäftsmodelle, die die Medien revolutionieren. Netflix und Amazon Prime in der Fernsehbranche, Spotify und Soundcloud in der Musikbranche. Ist der Journalismus als Nächstes dran? Oder gibt es für ihn kein anderes Modell?

Jeder will Inhalt. Unternehmer versuchen, neue Wege zu finden, Inhalte in einer Art und Weise zu liefern, die wir als Verbraucher überzeugend finden. Zugleich muss man natürlich immer noch einen Gewinn zu generieren. Der Inhalt ist immer noch Kern der Industrie, und für das Generieren automatisierteren Inhalts ist es noch zu früh. Auch wenn wir Algorithmen haben, die Geschichten und Nachrichten der Beliebtheit nach ordnen und generieren, glaube ich nicht, dass dem Journalismus eine Automatisierung bevorsteht.

Wie wirkt sich das auf den Beruf eines Journalisten aus? Schon jetzt funktioniert ein Unternehmen durch das Sammeln, Verstehen und Interpretieren von Daten. Wie gehen wir mit big data im Journalismus um? Hat sie sich in den Mittelpunkt unseres Berufs bewegt?

Big Data ist ein Modell von vielen. Ich bezweifle, dass jeder Leser datenintensiven oder datengenerierten Inhalt konsumieren will. Nehmen Sie wieder den Wahlkampf in Amerika als Beispiel: während Wahlen generell voller Statistiken und Hochrechnungen sind – datengesteuert – gibt es immer noch Experten, die im Fernsehen sprechen und Kolumnen über ihre persönlichen Interpretationen der Ereignisse schreiben. Und während Experten eine historisch bewiesene Fehleinschätzung vorzuzeigen haben (causa Trump), gibt es nach zig Jahren immer noch Nachfrage für politische Meinungen. Aprospos – die Arbeitsplätze, die in der Wirtschaft als Ganzes am meisten gebraucht werden, sind Qualitative. Unternehmerische Fähigkeiten bieten eine neue Grundlage für eine sehr erfolgreiche Karriere – und das sind nicht immer Leute, die einen IQ von 140 oder höher haben.

Wie wirkt sich das auf die American Idendity aus? Wird es Maschinen geben, die unsere Arbeit machen, während wir zu Hause herumsitzen? Wäre ein solcher Trend nicht das Armageddon für die amerikanische Gesellschaft?

Es ist ein großes Problem. Voltaire sagte einst: „Die Arbeit hält drei große Übel fern: Die Langeweile, das Laster und die Not.“ Von diesen drei ist Not ist die am einfachst ersetzbare. Was wichtig ist, ist sich darüber im Klaren zu sein, wie ein gesunder, ausgewogener Lifestyle aussieht, wenn er nicht mehr von einer 40-Stunden Woche dominiert wird. Und leider erschrecken mich die Antworten, mit denen wir bis jetzt aufgekommen sind. Mein Kollege Charles Murray beobachtet zum Beispiel, dass sich die oberen 20% der weißen amerikanischen Mittelschicht in den letzten 50 Jahren nicht stark verändert hat – Leute heiraten heute noch so oft wie früher, lassen sich genauso oft scheiden, haben konstant große Familien, und so weiter. Wenn Sie sich jetzt die unteren 20% anschauen, sehen Sie, dass sich vor 50 Jahren ein Leben in den unteren 20% nicht sehr von dem der oberen 20% unterschied – immer noch innerhalb der weißen Mittelschicht. Seitdem sind alle diese Indikatoren der unteren Mittelschicht stetig abgedriftet – Scheidungsraten sind gestiegen, die Zahl der Ein-Eltern-Ein-Kind-Haushalte ist gestiegen. Drogenkonsum, die Sterberate, egal welche Statistik, sie hat sich ins Negative bewegt.

Aber genau wie wichtig ist denn Arbeit für uns heutzutage, egal in welchem Beruf?

Enorm wichtig. Arbeit ist ein Muss – es ist ein sozialer Status, es gibt einem Identität. Es gibt einem Würde, es bringt den Kontakt zu anderen Menschen. Arbeit ist extrem wichtig. Seit dem ich Arbeit sowohl durch einen soziologischen, als auch einen ökonomischen Winkel betrachte, bin ich selber ein großer Fan von Arbeit geworden. Nicht wegen des Status, sondern vielmehr, weil es mir eine Grundlage für ein gesundes Leben bietet. Und nur weil ich Angst vor dem Verschwinden der Mittelklasse habe, bedeutet das nicht, dass die Unterschicht verhungert – in Amerika leben wir in einer sehr gesättigten Gesellschaft. Aber ich sehe, dass auf uns mehr schlechte als gute Dinge zukommen, Ausgrenzung und Diskriminierung zum Beispiel.

Besteht eine Notwendigkeit, die voranstellenden Probleme in Angriff zu nehmen? Müssen wir unsere Philosophie der Arbeit überdenken?

So wie ich es sehe, bewegen wir uns auf einen Spalt in unserer Gesellschaft zu, in der wir auf eine Wirtschaft zusteuern, die nicht viel Arbeit braucht. In 50 Jahren werden Minen, Fabriken, und Lager vollständig automatisiert sein. Trucks fahren selbst, Felder ernten sich selbst. Wir werden eine extrem automatisierte Wirtschaft haben, die Waren und Dienstleistungen für uns erzeugt, während wir selber diese Idee des “full employment“ nicht mehr brauchen. Ich weiss, dass dieses Argument seit mindestens 200 Jahren existiert; aber ich weiss auch, dass bis vor ein paar Jahren die Technologie nicht vorhanden war, dieses Argument in Realität umzusetzen. Aber wenn ich den technologischen Fortschritt beobachte, den wir allein hier am MIT machen, müssen wir uns gefälligst schnell Ihre Frage beantworten – wie schaut eine gute Gesellschaft in 50 Jahren aus?

Und wir müssen daran denken, dass nicht nur die Low-End-Arbeitsplätze immer knapper werden!

Absolut – wenn Menschen mit Maschinen ersetzt werden, rutschen diese Menschen nicht die Karriereleiter hoch, sondern runter. Und das setzt Low-End-Arbeiter unter Druck, was darin enden wird, dass sowohl Löhne als auch die Arbeitslosigkeit steigt – ein Grund, weshalb ich eine negative Einkommensteuer in Amerika befürworte. Jedoch beschäftigen wir uns bis jetzt nur mit Voltaires Notwendigkeit – es fehlen noch Laster und Langeweile, und mit denen haben wir noch nichtmal angefangen.

Ihr Modell leitete Deutschland durch die letzte Krise – die Idee, dass Menschen Geld zurückbekämen, wenn sie ihre Autos verkauften, rettete die gesamte deutsche Automobilindustrie.

Jedes Mal, wenn eine neue Steuer oder Regulierung in Kraft tritt, wird der Markt gestört. Ich unterstütze Regulierungen, solange es eine Notwendigkeit für das Vorhandensein von staatlichen Interventionen in Märkten gibt. Aber – dies bedeutet nicht, dass wir eine 180-Grad Wende vollziehen sollten und eine sowjetische “jeder bekommt eine Wohnung”-Politik verfolgen sollen.

Einige meiner Zeit habe ich sowohl in Silicon Valley als auch in New York verbracht, und habe beobachtet, dass es einen bestimmten Schwellenwert an Größe oder Wert eines Unternehmens zu geben scheint, nach welchem ein Unternehmen aus dem Valley nach New York City umzieht. Erlebt New York eine Tech-Renaissance?

Es gibt eine riesige Anzahl an interessanten Aktivitäten in New York, besonders in der Medien- und Finanzdienstleistungsbranche. In New York sind die riesig. Dennoch ist es nur ein Bruchteil an Unternehmen im Vergleich zu dem, was es in Kalifornien ist. Die Philosophie scheint hier das Hauptunterscheidungsmerkmal zu sein – in Kalifornien ist alles entspannt, eher Hippie. Der Geist ist mehr auf die Kommune gerichtet, ist spontaner und aufgeschlossener als in NYC.

Ist es diese Einstellung, die Amerika zur Zeit wieder braucht?

Ja. Die Menschen sind überall busy. Besonders im Valley, wo wir die Technologie unserer Zukunft entwickeln, müssen die Menschen enorm hart arbeiten. Obwohl ihr monetärer Lohn nicht ihre Bemühungen widerspiegelt, glauben die Menschen in Kalifornien wirklich an ihre Arbeit.

Herr McAffee, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Katja Mast: „Wir sind nicht das Kaninchen vor der Schlange“

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