Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. Bertolt Brecht

„Putin ist wie ein Pilz“

Was kommt nach Putin? Der Historiker und Kreml-Kritiker Andrei Subow hat sich mit den Mächtigen seines Landes angelegt und warnt im Gespräch mit Felix Riefer, dass Männer wie Putin nicht von alleine gehen, sondern von der Geschichte vertrieben werden.

The European: Herr Subow, Sie sagen, dass wir durch aufrichtige Kenntnis der Geschichte die Gegenwart verstehen können. Wie kann uns diese Methode im Umgang mit dem heutigen Russland weiterhelfen?
Subow: Ein solches Vorgehen ist nicht weniger wichtig als der Prozess in Deutschland nach 1945. Damals war die richtige Lesart der schrecklichen Jahre und der Zeit davor bis einschließlich des Ersten Weltkriegs notwendig. Wäre dies nicht geschehen, würden nach wie vor die meisten Menschen in Deutschland, insbesondere die einfache Bevölkerung, sich Illusionen in Bezug auf ihre Vergangenheit machen. Schließlich wirken sich totalitäre und autoritäre Regime sehr stark auf das Bewusstsein der Menschen aus.

The European: Wie überwindet man diesen Zustand?
Subow: Dieses Bewusstsein verschwindet nicht einfach zusammen mit dem Regime. Es wird zum Beispiel durch das Erzählen in der Familie oder durch bestimmte Formulierungen in den Schulen weitergegeben. Deshalb ist es unbedingt notwendig, nicht nur wiederzugeben, wer was gemacht, geschrieben oder gesagt hat – obwohl auch das sehr wichtig ist –, sondern insbesondere die Moral, die dahinter steht, zu kommunizieren.

The European: Wie kann das gelingen?
Subow: In der Geschichte gibt es das „Gute“ und das „Böse“. Ziel der Geschichte sollte sein, das Böse zu überwinden und zum Guten zu streben. Nun versuchen totalitäre Regime jedoch, das Gute zu zerstören und es mit Hilfe von Lügen durch das Bösen zu ersetzen. Die Lüge im Hinblick auf die Gesichte und das Böse in Bezug auf die Wirklichkeit. Von daher brauchen wir einen nüchternen Blick, um geheilt zu werden. In gewisser Weise braucht es eine Art kollektive Psychoanalyse. Nehmen wir Sigmund Freud – er ließ seine Patienten ihre Kindheit Revue passieren, um die Ursachen herauszufinden, die ihre Psyche formten. Ein Historiker arbeitet in gewisser Weise ähnlich – er hilft, die vergessene Vergangenheit zu erinnern und schafft somit die Grundlage, um in der Gegenwart und in der Zukunft gesund zu bleiben.

The European: Sie betreiben eine solche kollektive Psychoanalyse und diagnostizieren ein „Belowescha-Syndrom“. Was meinen Sie damit?
Subow: Ich spiele damit auf einen im Dezember 1991 durch die drei Staatsführer der Russländischen Föderation, der Republik Belarus und der Ukraine –Boris Jelzin, Stanislau Schuschkewitsch und Leonid Krawtschuk – unterzeichneten Vertrag zur Aufhebung des Sowjetvertrages an. Es war der juristisch besiegelte Zerfall der Sowjetunion. Später haben die Parlamente der drei Staaten diese Entscheidung fast einstimmig bestätigt.

„Eine Art postsowjetische Dolchstoßlegende“

The European: Was hat das mit der heutigen Situation zu tun?
Subow: Für einen Großteil der damaligen Gesellschaft entwickelte sich dadurch ein schwieriger psychischer Zustand. Denn für sie fiel ihre Heimat auseinander: die Sowjetunion. Auch viele Menschen in Belarus, Kasachstan, der Ukraine und sogar im Südkaukasus betrachteten die Sowjetunion als ihre Heimat. Natürlich gab es auch Unabhängigkeitsbestrebungen, aber der größte Teil dachte nicht an so etwas. Hieraus entstand schließlich der Wunsch, Revanche zu nehmen und die ehemalige Heimat – so oder so ähnlich – wiederzubeleben. Ich hatte hierfür die Analogie zum Vertrag von Versailles gebraucht.

The European: Der Vertrag von Versailles wurde Deutschland von den Siegermächten des Ersten Weltkrieges aufgezwungen, während der Vertrag von Belowescha freiwillig und einstimmig zwischen den Ex-Sowjetrepubliken unterzeichnet worden ist.
Subow: Korrekt, aber nahezu alle einfachen Menschen dachten, dass es da doch irgendein geheimen Vertrag gegeben habe, den Gorbatschow oder Jelzin unterzeichnet und die Sowjetunion somit gegenüber dem Westen und der NATO verraten habe. Eine Art postsowjetische Dolchstoßlegende: „Wir waren doch so stark, hatten eine Armee und Atomwaffen.“ Mit diesem Komplex spielt im übrigen Putin, wenn er seine antiwestlichen Kampagnen fährt.

The European: Das heißt, Putin setzte auf diesen Komplex, als er die Ukraine angriff?
Subow: In gewisser Weise ist das sein Unheil. Denn so haben viele gedacht. Putin wurde wahrscheinlich falsch beraten. In diesem ukrainischen Gebiet von Charkiw bis Odessa, was er als „Neurussland“ bezeichnet, sind viele komplexe Mentalitäten konserviert und im Gegensatz zur Westukraine fanden sich hier eher Sympathien für Russland. So dachte Putin, dass er nur die Initiative ergreifen müsse und schon würden sich die Menschen erheben und sich seinem neuen Projekt anschließen. Doch es kam ganz anders. Es stellte sich heraus, dass die patriotischen Einstellungen doch sehr stark sind.

The European: Patriotisch bezogen auf die ukrainische Nationalität?
Subow: Ja, diese Gefühle waren durchaus stark und wurde noch stärker durch die Aggression. Wenn vor der Aggression noch Sympathien für Russland vorhanden waren, sind sie durch die Aggression verschwunden, vielleicht für immer. Ich denke, dass Putins Berater falsche Informationen lieferten. Sie sagten ihm was er hören wollte und nicht das, was wirklich geschah. Das ist das Unheil vieler totalitärer und autoritärer Regime.

The European: Damit ich Sie richtig verstehe: Das Belowescha-Syndrom ist ein Phänomen, das sich zunächst auf das ganze postsowjetische Territorium erstreckte, doch im Moment eher in der Russländische Föderation zu finden ist?
Subow: Genau. Vor allem in Russland und – zu viel geringeren Teilen – in Gebieten mit russischsprachiger Mehrheit z.B. in Nord- und Ostkasachstan, wo sich die Menschen verwundbar fühlen und sich nicht mit dem Nationalstaat identifizieren. Sie fragen sich, warum sie nicht Teil Russlands sind. Das finden wir partiell auch in Luhansk und Donezk oder auf der Krim. In solchen Gebieten konnte sich der Patriotismus zum neuen Staat noch nicht entwickeln. Die zahlreichen ethnischen Konflikte nach dem Zerfall der Sowjetunion speisten dort das Belowescha-Syndrom. In Kasachstan wurden die Schlüsselstellen im Staat von Kasachen besetzt, wodurch sich die Menschen in den russischsprachigen Regionen eingeengt fühlen. Wir erinnern uns: In der Ukraine wählte die eine Hälfte so, die andere so…

The European: Hätte man diesen Effekt antizipieren müssen?
Subow: Was man hätte machen müssen, ist, dieses Syndrom gemeinsam zu therapieren, also in Russland, der Ukraine und Kasachstan zusammen. Putin jedoch wühlte in einer noch realen psychischen Wunde im Massenbewusstsein des postsowjetischen Raums. Dieses Spiel hat sich als äußerst schwierig herausgestellt.

„Wir haben einen kooperativen Staat, der an den von Mussolini erinnert“

The European: Sie schreiben, dass eine De-kommunisierung der ehemals kommunistischen Länder nicht stattgefunden hat und dieses Versäumnis maßgeblich das Belowescha-Syndrom speist.
Subow: Zweifellos. Ich hielt im Zusammenhang mit den Prozessen in Russland eine Vorlesung bei der „Nowaja Gazeta" zur Denazifizierung Deutschlands. Die Überwindung der Nazivergangenheit in Deutschland ist eine Erfahrung, die wir unbedingt verinnerlichen müssen. Genauso wie die Erfahrungen der De-kommunisierung Zentraleuropas und der ehemaligen DDR. Sie erinnern sich, dass die Politik der Okkupationsmächte nach 1945 auf den Prinzipien der sogenannten „vier Ds“ basierte – Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung. Trotz einiger Unbelehrbarer hat das funktioniert. Deutschland hat zweifellos seine Nazivergangenheit überwunden.

The European: Ein solches Modell wollen Sie auf die postsowjetischen Länder anwenden?
Subow: Ja, aber das frühere kommunistische Regime ist nicht in allem gleich mit dem deutschen Nationalsozialismus. So grausam das Naziregime auch war, es hat die deutsche Gesellschaft weniger zerrissen als das kommunistische Regime die russische Gesellschaft – und zwölf Jahre sind auch keine so lange Zeit. Von daher ist das erste, was man tun müsste, die Rechtsnachfolge des vorkommunistischen Staates anzunehmen. So, wie es die Staaten Zentraleuropas getan haben.

The European: Spielt nicht auch Putin mit genau dieser Idee der „legal succession“, also der Rechtsnachfolge?
Subow: Nein, Putin spielt mit der „historical succession“ oder der „cultural succession“. Ganz bestimmt ist da keine juristische Komponente. Denn eine juristische Nachfolge würde heißen, dass man die kommunistische Periode als unrechtmäßig anerkennt. Schließlich war es damals schlicht eine Machtergreifung. Hier könnte man zum Beispiel zurück zu der von den Bolschewiken zerrissenen „Russischen konstituierenden Versammlung“ vom Januar 1918. Es gibt natürlich auch Alternativen, die sich die Gesellschaft dann aussuchen könnte. Das Wichtigste hierbei ist, dass die Machtergreifung der Bolschewiki als unrechtmäßig und verbrecherisch anerkannt wird. Danach sollten Lustrationen und eine ganze Reihe anderer Annullierungen – wie sie in Zentraleuropa geschehen sind – folgen. Das steht dem postsowjetischen Staaten mit Ausnahme des Baltikum noch bevor. Auch in der Ukraine wurde keine systematische De-kommunisierung durchgeführt, was ein Grund dafür ist, warum die Reformen so schleppend vorankommen.

The European: Wie würden Sie den russischen Staat bezeichnen?
Subow: Was den juristischen Aspekt betrifft, haben sie sich selbst einen Namen gegeben. Da muss man gar nicht erst in Archiven wühlen. Somit sind wir der Nachfolger der Sowjetunion. Gemeint ist „legal continuity“, nicht „legal succsession“. D.h., die Russländische Föderation stellt den Nachfolger der Sowjetunion dar. Das ist unsere offizielle Position. Was „legal continuity“ bedeutet, versteht ihr Deutschen sehr gut, ihr seid ja sehr rechtsliebende Menschen: Nämlich dass eine Person einfach ihren Namen ändert, aber natürlich dieselbe bleibt. Zum Beispiel eine Frau, die heiratet und den Namen ihres Mannes annimmt. Sie ist dieselbe Person wie zuvor, hat dieselben Verpflichtungen, Schulden etc. Somit ist das heutige Russland der Nachfolger des kommunistischen Russland, das nicht die Nachfolge des vor-kommunistischen Russland angetreten hat. Was die reale Form des Staates betrifft. Stellt das heutige Russland natürlich keinen kommunistischen Staat dar, wir haben Eigentumsrechte – und was für welche. Wir haben einen kooperativen Staat, der wohl am ehesten an den faschistischen italienischen Staat von Benito Mussolini erinnert. Ohne rassische Komponente.

The European: Könnten Sie abschließend noch ihre Analogie mit den Plebejern und den Sowjetmenschen erklären?
Subow: Das ist ein alter römischer Terminus, den ich hier mehr aus der Zeit des imperialen Roms heraus verstehe. Damit waren alle Bürger außerhalb der Herrscherklasse gemeint. Sie wurden gegenüber der Vorzeit deklassiert – „panem et circenses“, „Brot und Spiele“. Die Plebejer sinngemäß verstanden als das Volk oder Unterschicht, waren zu dieser Zeit bereits kein Bürgertum mehr. Genau das finden wir in der Sowjetunion von Beginn an. Das war keine Initiative von Putin. Obwohl der Marxismus verkündete, dass er die Proletarier von den Fesseln befreit. In Wirklichkeit macht er alle Menschen zu Proletariern. Im Kommunismus wurde die vollständige Proletarisierung der gesamten Gesellschaft durchgeführt. Sie wurde enteignet, verlor jedwede Unabhängigkeit gegenüber der Regierung und hörte somit auf, eine verantwortliche Bürgergesellschaft zu sein. Die Regierung stand somit einer von ihr in jedweder Sicht abhängigen Schicht von Nehmern gegenüber.

The European: Welche Versäumnisse gab es?
Subow: Der größte Fehler war, dass wir es in den 1990er-Jahren nicht schafften, eine Schicht besitzender Bürger zu etablieren, die Verantwortung haben und auch einfordern. Stattdessen hat ein kleiner Kreis den Besitz unter sich aufgeteilt. Die Proletarisierung wurde schlicht erneuert. Mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr der Staat der alleinige Geber war, sondern eine Gruppe von wenigen Tausend. Somit wurde die Demokratie bei den Menschen in Russland negativ konnotiert, da die, die sie erschufen, ihnen, den Menschen, nichts gaben. Sie gaben nur sich selbst. Putin geht schrittweise von einer Oligarchie, in der die „Nehmer des Plebs“ mehrere sind, zu einer Struktur des Staatskapitalismus über, in der immer stärker alles von einer Figur abhängig ist.

The European: Sehen Sie einen Ausweg?
Subow: Die größte Schwierigkeit ist im Moment der Übergang vom autoritären Regime zur Demokratie. Denn Regime wie das von Putins verschwinden in der Regel nicht von alleine. Die Geschichte vertreibt sie. Doch sobald dieses Regime untergegangen ist, sollten wir tunlichst die Fehler aus den 1990er-Jahren vermeiden, die zur Diktatur unter Putin geführt haben. Auch das ist eine Aufgabe für Historiker, also die Errichtung einer Demokratie in Russland mit einer komplexen De-Kommunisierung sowie inzwischen auch einer De-Putinisierung. Doch das Wichtigste bleibt die De-Kommunisierung. Vergessen wir nicht: Auf allen öffentlichen Plätzen in Russland stehen immer noch Leninstatuen. Straßen im Namen Lenins, Dscherschinskis und anderer Verbrecher ziehen sich durchs Land. Und aktuell spricht man in völligem Ernst über die Wiedererrichtung von Stalin-Denkmälern. Demnach ist die De-Kommunisierung die Grundlage. Putin ist – bildlich gesprochen – ein Pilz, der auf der alten sowjetischen Myzel gewachsen ist. Wenn wir keine neuen Pilze dieser Art haben wollen, müssen wir eben diese Myzel zerstören. Erst dann können wir auf einer gesunden Grundlage unseren neuen demokratischen russischen Staat errichten.

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