Man kann Menschenrechte nicht wie einen Lichtschalter anknipsen. Michael Vesper

Glaubenssache

Historisch gesehen ist Atheismus die absolute Ausnahme. Die meisten Menschen sind religiös – auch heute noch. Der Hype um Buddhismus und Spiritualismus wird nichts daran ändern, dass der christliche Glaube hierzulande weiter ein Anker für die Menschen bleibt.

Im Verstehen der „Dritten Welt“ oder, wie heute politisch korrekt, im „Eine Welt“-Denken ist die politische Linke traditionell ganz groß. Sie plädiert von jeher gegen „Eurozentrik“ und die kulturelle Arroganz der westlichen Zivilisation. Sozialistische wie ökopazifistische „Internationalisten“ fordern, sich mehr an den ärmeren, naturverbundenen Völkern zu orientieren, statt diesen unseren „entfremdeten“ Lebensstil im kapitalistischen Materialismus als Vorbild zu verkaufen.

Nur um ein Thema macht ihr Schulterschluss-Pathos einen weiten Bogen: Von der ganz selbstverständlichen Religiosität afrikanischer oder südamerikanischer Völker wollen unsere Linken partout nicht lernen. In Ländern wie Brasilien, Mexiko oder auf dem schwarzen Kontinent liegt die Rate der Nichtgläubigen unter 10 Prozent. Der theoretische und praktische Atheismus grassiert, von wenigen, meist zwangsatheistisch erzeugten Ausnahmen abgesehen, vor allem in den wohlstands- und sicherheitsverwöhnten Gesellschaften des „Westens“.

Atheismus ist erklärungsbedürftig

Selbst dort ist der Glaube an Gott aber meistens noch die Regel, dezidierter Unglaube die Ausnahme. Der „Religionsmonitor 2008“ der Bertelsmann-Stiftung identifizierte sogar 70 Prozent der Deutschen als „religiös“, mehr als ein Viertel davon als „hochreligiös“. Selbst wenn man dies dem überdehnten Religionsbegriff der Studie zuschreibt – in Allensbacher Umfragen bezeichnen sich nur 40 bis 50 Prozent der Deutschen als „religiöser Mensch“ –, gilt im historischen wie globalen Maßstab: Gottesglaube ist der Normalfall, sein Gegenteil somit erklärungsbedürftig. Im geografischen und kulturgeschichtlichen Weitwinkel erscheint der Atheismus als verwegenes anthropologisches Experiment, der Mensch als „unheilbar religiös“.

Das Terrain, das die christliche Hochreligion bei uns aufgibt, erobert folglich, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, der Aberglaube: Auf ein vierblättriges Kleeblatt „gebe ich immer acht“, weil „es vielleicht eine Bedeutung haben könnte“, sagten laut Allensbach 1973 nur 26 Prozent, im Jahr 2000 schon 42 Prozent der westdeutschen Bevölkerung; ein Zuwachs an Aberglauben zeigt sich auch bei Sternschnuppen (von 22 auf 41 Prozent), einem Schornsteinfeger (von 23 auf 35 Prozent), einer „schwarzen Katze von links über den Weg“ (34 Prozent der Ostdeutschen), der Zahl 13 (von 17 auf 22 Prozent) und bei „ein Hufeisen finden“ (von 13 auf 21 Prozent). Ihr Horoskop lasen oft oder „manchmal“ 1977 erst 46 Prozent, 2001 dagegen 77 Prozent – wovon fast ein Drittel bekennt, schon „nach dem Horoskop gegangen“ zu sein.

Alternativen? Gibt es nicht

Die als Kompensation der Entchristlichung vermutete „Alternativreligiosität“ von New Age, Buddhismus oder Spiritismus stellt in Deutschland quantitativ und qualitativ – hinsichtlich der sozialen Relevanz – „keine wirkliche Alternative dar“ (D. Pollack). Die kirchlichen Verluste werden bisher nicht durch Zugewinne anderer Religionen ausgeglichen. Dass Religiosität eine anthropologische Konstante ist, heißt nicht, dass sie jederzeit und überall gleich vital bleiben müsste. Zeiten der „Gottesfinsternis“ kann es insbesondere bei reduzierten Kontingenzerfahrungen geben, da Religion „Kontingenzbewältigungspraxis“ ist (H. Lübbe).

Bei einem Verlust existenzieller Sicherheiten kann sich das Blatt schnell wenden: Harald Schmidt berichtete von seinem Zivildienst, oft sei der Pfarrer „von sogenannten Atheisten schreiend ins Krankenhaus geholt worden, wenn der Tumor im Endstadium war. Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen.“

Leserbriefe

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    P. Feldmann – 20.09.2011 - 09:15

    Lieber Andreas Püttmann, dieser gute (und leider dem Format entsprechend kurze) Artikel wird hier Einigen schwer im Magen liegen. Eine Tatsache, die ich – allein aus professionellen Gründen – wirklich erfreulich finde.
    mfG PF

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    Ihr Name – 20.09.2011 - 22:44

    Stimmt! Einmal mehr ein lesenswerter Beitrag von Andreas Püttmann. Sehr gut!

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    Stefan Winckler – 20.09.2011 - 22:58

    Der Anonymus hier neben mir hat gar keinen Grund, uns seinen Namen vorzuenthalten. Im Gegenteil, der Christ, der moderate Konservative, der bürgerliche Mensch braucht sich vor niemandem zu verstecken. Eher schon die winzige Minderheit der aggressiven Atheisten der Humanistischen Union, Giordano-Bruno-Stiftung usw. Es kommt für die Christen darauf an, das Gemeinsame zu betonen, mit Weisheit und Tapferkeit in die geistigen Auseinandersetzungen zu gehen und den Schwächeren Geleitschutz zu geben. Das ist Rittertum heute!

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    Stefan Winckler – 20.09.2011 - 22:58

    Der Anonymus hier neben mir hat gar keinen Grund, uns seinen Namen vorzuenthalten. Im Gegenteil, der Christ, der moderate Konservative, der bürgerliche Mensch braucht sich vor niemandem zu verstecken. Eher schon die winzige Minderheit der aggressiven Atheisten der Humanistischen Union, Giordano-Bruno-Stiftung usw. Es kommt für die Christen darauf an, das Gemeinsame zu betonen, mit Weisheit und Tapferkeit in die geistigen Auseinandersetzungen zu gehen und den Schwächeren Geleitschutz zu geben. Das ist Rittertum heute!

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    Blähbauch – 20.09.2011 - 11:37

    @ P. Feldmann: Wenn mir Dinge schwer im Magen liegen, gehe ich einfach zur Toilette. Artikel, in denen mir “Gläubige” wie der Herr Püttmann mittels statistischer Berechnungen “beweisen” wollen, was Glaube ist, wer gläubig und nicht, nehme ich dann zur Beseitigung der Geschäfte.

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    P. Feldmann – 20.09.2011 - 12:49

    “statistisch” gesehen ist der Mensch ein exponentieller Zerfallsprozess.
    Da passt ja IHre Verdauungsproblematik auch ganz gut rein.
    mfG

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    Stefan Winckler – 20.09.2011 - 22:25

    Pfui!

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    Rolf Kohl – 20.09.2011 - 11:37

    Nun, der prozentuelle hohe Anteil von Christen in Afrika und Südamerika lässt sich nicht auf den Glauben zurückführen, sondern auf den Hunger der Menschen dort. Bin ich Christ, bekomme ich etwas zu Essen, eventuell noch ärztliche Hilfe für meine Kinder, wenn es noch besser kommt können sie Lesen und Schreiben lernen. Das ist Überlebenstaktik und kein Glaube. Und die, die für die Armut in diesen Ländern verantwortlich sind, haben Sonntagmorgen einen Ehrenplatz im Haus des Herrn.

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    P. Feldmann – 20.09.2011 - 12:08

    “der prozentuelle hohe Anteil von Christen in Afrika und Südamerika lässt sich nicht auf den Glauben zurückführen, sondern auf den Hunger der Menschen dort” (R.Kohl)
    Ich denke Herr Kohl, Ihr Zitat kann man genauso stehen lassen. Bloß in einem viel wesentlicheren Sinn als Sie das in Ihrem Kommentar verwerten!
    Glaube hat in der Tat etwas mit “Hunger nach Leben” zu tun.

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    Rolf Kohl – 20.09.2011 - 14:32

    @ P.Feldmann
    Sehr geehrter Herr Feldmann,
    wie sie schon darauf hinweisen ist es mein Zitat und ich möchte es nicht von ihnen verfälschen lassen.
    Hunger = Nahrung
    Glaube = lebensverlängernde Vorteile
    und genau das ist die Realität die von Christen so vehemennt bestritten wird.

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    einweitererleser – 20.09.2011 - 15:36

    Deismus und Theismus sind sehr wohl heilbar. Seit Giordano Brunos Zeiten gebiert Atheismus Fortschritt und Fortschritt Atheismus.

    Die einzige langfristige Alternative zum Atheismus ist das Mittelalter 2.0. Schön vom Autor, dass er mir das schon mal schönredet.

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    P. Feldmann – 21.09.2011 - 18:13

    Prima, mit diesem Nexus “Atheismus als Ausdruck von Fortschritt” (A.Comte grüsst ganz herzlich!) haben Sie ja nun auch prima hergeleitet, warum die Neuzeit die ERkenntnisse der NAturwissenschaften v.a. auch zur Umweltzerstörung und zum Bombenbau benutzt.

    Der Atheismus, den Sie so sehr preisen, ist vor allem eines: Eine Verkürzung der menschlichen Dimension und Perspektive. Besser wird die Welt dadurch nicht, eher schlichter und kleinbürgerlicher- in gewissem Sinn auch zynischer.

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    einweitererleser – 22.09.2011 - 13:23

    Nein, nicht bloß Ausdruck von Fortschritt, sondern dessen Wurzel.

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    P. Feldmann – 22.09.2011 - 19:33

    Wenn Sie den Atheismus sehen als “nicht bloß Ausdruck von Fortschritt, sondern dessen Wurzel.”, dann argumentieren Sie schlicht gegen die geschichtlichen Fakten. Die Neuzeit beginnt nicht mit Atheismus und auch keine der ersten beiden Aufklärungen (Antike, Renaissance) sah sich als “atheistisch”.
    Bis ins 18.Jhdt. galten Atheisten und ihr ismus als unvernünftige Sektierer.
    Keiner der Gründungsväter des naturwissenschaftlichen Denkens war Atheist
    das kam alles erst später. Die Fiktion “Wissenschaft vs. Glaube” ist eine späte und bis heute nur wenige überzeugende Variante abendländischen Denkens.
    Insofern ist es zumindest hochspekulativ, was Sie da behaupten.

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    Johannes K. Rücker – 24.09.2011 - 13:42

    Ach ja, der Atheismus gebiert Fortschritt. Welche Fortschritte haben dezidiert atheistische Staaten (Stalins UdSSR, Maos VR China, das kommunistische Albanien – was sich selbst seinerzeit als den ersten atheistischen Staat bezeichnete- , die Roten Kmher eines Pol Pot für Fortschritt der Menschheit gebracht? Die millionenfachen Archipel Gulags wird man kaum als Fortschritt bezeichnen können. Millionen Tote, nur weil sie nicht an das atheistische Paradies dieser Staaten (bzw. ihrer herrschenden atheistischen Klasse) glauben wollten. Das alles sind Ereignisse, die sich nicht im rückständigen “finsteren Mittelalter”, sondern im “fortschrittlichen” 20. Jahrhundert zugetragen haben.

    Und was den (natur-)wissenschaftlichen Fortschritt angeht, so war das Christentum historisch eine wesentliche Voraussetzung. Nicht nur bei der Gründung und Entwicklung der aus Klosterschulen hervorgegangenen Universitäten. Die christlich-jüdische Gottes-und Weltvorstellung hat zu einer Entmystifizierung der Natur beigetragen und erlaubte es, ihre Zusammenhänge und Wechselwirkungen genauer zu analysieren. Werner Heisenberg sagte einmal: “Der erste Schluck aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott”.

    Fazit: Die simple Gleichung Atheismus = Fortschritt stimmt einfach nicht.

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    Orlando Purtel – 25.09.2011 - 00:18

    Die Dummheit mancher Atheisten ist kein Argument gegen den Atheismus. Genauso wie die Dummheit mancher Kommunisten kein Argument gegen den Kommunismus ist. Dumme und fehlbare Christen gibt es ja auch zur Genüge.

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