Soziale Isolation und Ungleichheit sind völlig außer Kontrolle geraten. Kumi Naidoo

Glaubenssache

Historisch gesehen ist Atheismus die absolute Ausnahme. Die meisten Menschen sind religiös – auch heute noch. Der Hype um Buddhismus und Spiritualismus wird nichts daran ändern, dass der christliche Glaube hierzulande weiter ein Anker für die Menschen bleibt.

Im Verstehen der „Dritten Welt“ oder, wie heute politisch korrekt, im „Eine Welt“-Denken ist die politische Linke traditionell ganz groß. Sie plädiert von jeher gegen „Eurozentrik“ und die kulturelle Arroganz der westlichen Zivilisation. Sozialistische wie ökopazifistische „Internationalisten“ fordern, sich mehr an den ärmeren, naturverbundenen Völkern zu orientieren, statt diesen unseren „entfremdeten“ Lebensstil im kapitalistischen Materialismus als Vorbild zu verkaufen.

Nur um ein Thema macht ihr Schulterschluss-Pathos einen weiten Bogen: Von der ganz selbstverständlichen Religiosität afrikanischer oder südamerikanischer Völker wollen unsere Linken partout nicht lernen. In Ländern wie Brasilien, Mexiko oder auf dem schwarzen Kontinent liegt die Rate der Nichtgläubigen unter 10 Prozent. Der theoretische und praktische Atheismus grassiert, von wenigen, meist zwangsatheistisch erzeugten Ausnahmen abgesehen, vor allem in den wohlstands- und sicherheitsverwöhnten Gesellschaften des „Westens“.

Atheismus ist erklärungsbedürftig

Selbst dort ist der Glaube an Gott aber meistens noch die Regel, dezidierter Unglaube die Ausnahme. Der „Religionsmonitor 2008“ der Bertelsmann-Stiftung identifizierte sogar 70 Prozent der Deutschen als „religiös“, mehr als ein Viertel davon als „hochreligiös“. Selbst wenn man dies dem überdehnten Religionsbegriff der Studie zuschreibt – in Allensbacher Umfragen bezeichnen sich nur 40 bis 50 Prozent der Deutschen als „religiöser Mensch“ –, gilt im historischen wie globalen Maßstab: Gottesglaube ist der Normalfall, sein Gegenteil somit erklärungsbedürftig. Im geografischen und kulturgeschichtlichen Weitwinkel erscheint der Atheismus als verwegenes anthropologisches Experiment, der Mensch als „unheilbar religiös“.

Das Terrain, das die christliche Hochreligion bei uns aufgibt, erobert folglich, nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren, der Aberglaube: Auf ein vierblättriges Kleeblatt „gebe ich immer acht“, weil „es vielleicht eine Bedeutung haben könnte“, sagten laut Allensbach 1973 nur 26 Prozent, im Jahr 2000 schon 42 Prozent der westdeutschen Bevölkerung; ein Zuwachs an Aberglauben zeigt sich auch bei Sternschnuppen (von 22 auf 41 Prozent), einem Schornsteinfeger (von 23 auf 35 Prozent), einer „schwarzen Katze von links über den Weg“ (34 Prozent der Ostdeutschen), der Zahl 13 (von 17 auf 22 Prozent) und bei „ein Hufeisen finden“ (von 13 auf 21 Prozent). Ihr Horoskop lasen oft oder „manchmal“ 1977 erst 46 Prozent, 2001 dagegen 77 Prozent – wovon fast ein Drittel bekennt, schon „nach dem Horoskop gegangen“ zu sein.

Alternativen? Gibt es nicht

Die als Kompensation der Entchristlichung vermutete „Alternativreligiosität“ von New Age, Buddhismus oder Spiritismus stellt in Deutschland quantitativ und qualitativ – hinsichtlich der sozialen Relevanz – „keine wirkliche Alternative dar“ (D. Pollack). Die kirchlichen Verluste werden bisher nicht durch Zugewinne anderer Religionen ausgeglichen. Dass Religiosität eine anthropologische Konstante ist, heißt nicht, dass sie jederzeit und überall gleich vital bleiben müsste. Zeiten der „Gottesfinsternis“ kann es insbesondere bei reduzierten Kontingenzerfahrungen geben, da Religion „Kontingenzbewältigungspraxis“ ist (H. Lübbe).

Bei einem Verlust existenzieller Sicherheiten kann sich das Blatt schnell wenden: Harald Schmidt berichtete von seinem Zivildienst, oft sei der Pfarrer „von sogenannten Atheisten schreiend ins Krankenhaus geholt worden, wenn der Tumor im Endstadium war. Ich glaube, ob man Atheist ist, kann man erst auf den letzten Metern sagen.“

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Benedikt Bögle, Harald Jung, Andreas Püttmann.

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