Am Ende hat alles mit Macht zu tun. Andreas Mühe

Die wohltemperierte Gesellschaft

Immer weniger Menschen bezeichnen sich als gläubig - doch was gibt einer Gesellschaft Halt, wenn der Einfluss der Religion sinkt? Der Atheismus kann es nicht. Studien zeigen, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt gerade von religiös geprägten Menschen gelebt wird.

„Wer in Christus ist, ist eine neue Schöpfung“, schreibt Paulus (2. Kor 5,17). Aber was wird davon heute sichtbar, spürbar? Denken, fühlen, leben Christen wirklich anders? 2006 fragte Allensbach: „Wird man durch den Glauben, wenn man ihn ernst nimmt, ein besserer Mensch, oder würden Sie das nicht sagen?“ Im Westen Deutschlands zeigte sich eine knappe Mehrheit (44 zu 42 Prozent) von der moralischen Kraft des Glaubens überzeugt, im Osten jeder Vierte. Jedenfalls sprechen viele Menschen der Religion eine Schlüsselrolle für die Wertorientierung zu. Gregor Gysi bekannte sogar: „Auch als Nichtgläubiger fürchte ich eine gottlose Gesellschaft.“ Und Joschka Fischer schrieb 1992, eine „Ethik ohne religiöse Fundierung“ scheine „einfach nicht zu funktionieren“.

Werte statt Hedonismus

Inzwischen weisen viele empirische Befunde die christliche Religion als wichtige Humanitätsressource aus: Gesetzestreue und Leistungsbereitschaft, Beziehungskompetenz und Familienzusammenhalt, Lebenszufriedenheit und Gesundheit profitieren von einem lebendigen Glauben. Wichtige soziale Werte, Normen und Tugenden finden unter Gläubigen mehr Zuspruch als bei Atheisten oder Agnostikern. 14- bis 29-jährige religiöse Deutsche halten die Hilfe „für Menschen, die in Not geraten“ zu 72 Prozent für „wichtig im Leben“, Nichtreligiöse nur zu 44 Prozent. Bei „Verantwortung für andere übernehmen“ beträgt die Differenz 47 zu 28, bei „sozialer Gerechtigkeit“ 67 zu 52. Nichtreligiöse haben einen Vorsprung bei: „Viel Spaß haben, das Leben genießen“, „Hohes Einkommen, materieller Wohlstand“, „Starke Erlebnisse haben, Abenteuer, Spannung“ und „Risikobereitschaft“ (AWA 2007).

Auch die Vorbehalte gegen Abtreibung, Euthanasie oder embryonale Stammzellforschung schmelzen mit zunehmender Kirchenferne wie Schnee unter der Sonne. Ist die christliche Idee der Gottesebenbildlichkeit des Menschen „der fundamentalste Gleichheits- und Freiheitssatz der Geschichte“ (Paul Kirchhof), dann droht mit der Entchristlichung eine risikoreiche Drift. Normatives Denken verlöre an Halt. Der Glaube an Grundmaßstäbe von Gut und Böse wird von der Hälfe der Kirchgänger geteilt, aber nur von jedem Dritten der kirchenfernen Christen und Konfessionslosen. Die Gegenposition – „Es kann nie völlig klare Maßstäbe über Gut und Böse geben. Was gut und böse ist, hängt immer allein von den gegebenen Umständen ab“ – fand Zustimmung bei 18 Prozent der katholischen und 29 Prozent der evangelischen Christen mit starker Kirchenbindung; unter Kirchenfernen und Konfessionslosen sind es fast 50 Prozent. Entsprechend ist die strikte Ablehnung von Steuerhinterziehung, Versicherungs- und Sozialkassenbetrug oder Schwarzfahren besonders unter Gläubigen verbreitet.

Atheismus macht nicht glücklich

Auch, dass die 2008 in London gestartete atheistische Buskampagne menschliches Lebensglück an eine Abkehr von Gott koppelte, ist irreführend. „Bin sehr glücklich“ bekunden 45 Prozent der „gläubigen Kirchennahen“, aber nur jeweils 31 Prozent der „kirchlich distanzierten Christen“ und „Nichtreligiösen“ sowie 24 Prozent der „Glaubensunsicheren“. Trübe Aussichten auf eine Gesellschaft ohne Gott.
Man täte also gut daran, bei „Klimawandel“ nicht nur an Meteorologie zu denken, sondern auch an die „soziale Temperatur“. Sie wird durch unsere Vorstellungen vom Wahren, Guten und Schönen und damit wesentlich von Religion als zentraler Ordnung bestimmt. In welcher Gesellschaft wir zukünftig leben werden, ist weniger eine Frage muslimischer Zuwanderung als einer Auswanderung aus den christlichen Kirchen.

Leserbriefe

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    Evi Steidel – 20.04.2011 - 11:43

    “Moral” ist meiner Überzeugung nach eine Form vorausschauender Klugheit nach dem Motto: “Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu”.
    Unmoralische Menschen sind einfach dumm, auch wenn sie über bestimmte technische Intelligenz verfügen.
    Nur moralische Regeln und Solidarität ermöglichen eine Zivilisation, die diesen Namen auch verdient. Alles andere ist Barbarei. Und die ist letztlich zum Schaden aller.
    Wozu aber sollte man sich aber in eine Klein-Kindchen-Rolle begeben und sich abhängig machen von einem “Gott”? Der Preis, den man dafür bezahlt, übersteigt bei Weitem den Gewinn.
    Im Übrigen muss man mit allen Befragungen sehr, sehr vorsichtig sein. „Verantwortung für andere übernehmen“ beispielsweise bedeutet auch, denjenigen zu entmündigen. “Hilfe „für Menschen, die in Not geraten“”, bedeutet auch, diese Menschen von sich abhängig zu machen.
    Da sollte sich jeder immer wieder aufs Neue EHRLICH nach seinen eigenen Motiven fragen.
    Deswegen sind solche allgemeinen Fragen und Antworten nahezu wertlos.

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 12:19

    Sehr geehrter Herr Püttmann, danke für einen Beitrag, der eines der geistesgeschichtlichen Schlüsselthemen formuliert.
    In der Aussage stimme ich Ihnen zu, halte aber empirische Befunderhebungen zur Bestimmung der Notwendigkeit eines Gottesglaubens für fehl-leitend. (Es gibt diese Untersuchungen mit genau gegenteiligem Ergebnis auch für den Atheismus u. seine Befürworter.)
    Viel wichtiger sind die theoretischen Gedanken, die Sie ja hier auch anführen. Jeder, der geisteswissenschaftlich tätig ist, macht vermutlich die Erfahrung, dass man mit Vernunft keine inhaltliche Letztbestimmung von grundlegenden Begriffen wie bspw. Freiheit, Menschenwürde etc. vornehmen kann. Man kann diese Begriffe vernünftig nur formal und relational bestimmen. In der Letztbegründung landet man mit Vernunft an einer Definitionsgrenze- man könnte hier auf bspw. Cusanus verweisen mit seiner coincidentia oppositorum. In der Auflösung der Gegensätze verliert sich das begriffliche Vermögen und Vernunft verliert ihren diskursiven Charakter.
    Es mag sein, dass der Einzelne durch Religion ein besserer Mensch wird, aber die Moral ist nur quasi ein NEbenertrag der Religion- die wesentlichere Frage scheint mir doch zu sein: wie will eine Gesellschaft ohne Gott leben? Dies hieße: einen radikalen Bruch mit der bisherigen Menschheitsgeschichte zu vollziehen, denn keiner der gesellschaftl.kulturellen Bestände (die samt und sonders aus einem Glauben an Gott motiviert sind: auch Freiheit, auch Menschenrecht als Maß der Unverzweckbarkeit/ Ausdruck der Gottesebenbildlichkeit) dürfte dann als Resource herangezogen werden. Die französischen Revolutionsideale wären, da kontaminiert, out of area. Selbst die Ideale sogn. atheistischer Ideologien wie des Kommunismus wären fraglich, denn diese schöpfen aus dem Gedanken der Gerechtigkeit u. der christl. Caritas. Es wäre sehr fraglich welchen selbstgenerativen Wert eine so gedachte “gottlose Gesellschaft” haben könnte.
    Meine These ist, dass der westliche Atheismus sein parasitäres Inseldasein (es gibt ihn im wesentlichen nur in den Enklaven Nordamerikas u. Europas) nur führen kann, weil er an einer aprioren religiösen Letztwertbegründung partizipieren kann. Die eigentliche Frage ist damit, ob der Atheismus nicht nur eine Luxusrealität ist!

    Ich denke, das dürfte als Stoff jetzt erstmal reichen.
    mfG PF

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 12:28

    Doch noch eine Bemerkung, die sich einerseits auf das factsheet und dann auch auf das von Frau Steidel o.g. bezieht:

    Die Frage, ob der Mensch- i.S. Sartres – ohne einen Gott “freier” sei, wirft die Frage auf, WAS FREIHEIT ist. Und da ist in der Freiheitsdiskussion die Argumentation etlicher Deterministen hilfreich: Freiheit kann nicht Unbestimmtheit sein, dann wäre sie Beliebigkeit / Zufall.
    Dh. die Bindung an etwas/ Gott stellt Freiheit in keiner Weise prinzipiell in Frage. Die Problematik von Freiheitsbegründung, die politische Freiheit überschreitet, muss man hier aus Platzgründen beiseite lassen.
    (Mit Kant: Freiheit ist theoretisch nicht zu begründen, aber sie ist eine Denknotwendigkeit.)

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    Rolf Kohl – 20.04.2011 - 12:44

    Ich bin Atheist und damit sehr glücklich. Wenn jedem sogenannten Christ das Wort ,,GOTT" im Halse stecken bliebe, wenn es es missbraucht, wäre uns viel erspart geblieben und würde uns noch vieles erspart bleiben. Wer kann es sich denn Heute noch erlauben bekennender und wirklich praktizierender Christ zu sein? Der Heutige Kampf ums Überleben in einer Welt ohne Rücksicht lässt da keinen Platz mehr. Und die Verantwortlichen für diesen Zustand sitzen jeden Sonn und Feiertag in den Kirchen in der ersten Reihe und heucheln den Anwesenden etwas vor. Genau so schaut es in der Politik aus. Da muss es sich der Normalbürger gefallen lassen wie das Christentum ( Gottglaube) schamlos dazu benutzt wird Stimmen zu fangen oder er als Melkkuh der Reichen missbraucht wird. Heute haben Moral und Gott nichts mehr mit einander zu tun. Da beide in einem Atemzug genannt werden um sich zu Bereichern, haben beide Begriffe einen faden Beigeschmack bekommen.

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 14:00

    Begründen Sie so Ihren “A-Theismus”? (“Wer kann es sich denn Heute noch erlauben …Christ zu sein? Der Heutige Kampf ums Überleben in einer Welt ohne Rücksicht lässt da keinen Platz mehr. Und die Verantwortlichen für diesen Zustand sitzen … in den Kirchen in der ersten Reihe”) Das hört sich etwas spätpubertär an. Wie lange waren Sie nicht mehr in einem Gottesdienst? Ich kenne das Klischee, das Sie hier zitieren, nicht einmal aus meiner Kindheit!

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    Rolf Kohl – 20.04.2011 - 18:10

    @P.Feldmann
    Wenn ich mich richtig erinnere, ( der letzte Religionsuntericht ist schliesslich über 40 Jahre her ) nimmt der Christ sein Dasein und seinen Status als gottgegeben hin, weil es ihm seine Religion so vermittelt. Alles soll er mit der gebotenen Demut über sich ergehen lassen weil Gott alles lenkt.Hinter jeder Katastrophe, jedem Verbrechen oder Ungerechtigkeit steht der Wille Gottes. Gott will also grob gesagt ( oder ist es die christliche Religion? ) das der Mensch leidet. Normaler Weise müsste sich die Kirche über jedes tote Kind freuen, kommt es doch ohne Umweg in den Himmel. Ist das der Grund warum die Kirche gegen die PID ist, will man somit die leeren Plätze füllen? Denn viel kann da oben ja nicht los sein, weil a.) immer weniger Menschen bereit sind zu leiden b.)es immer mehr werden die auf die grösste Säule des Christentums, die Nächstenliebe, pfeifen.

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 18:54

    Wenn Ihre Ansichten stimmen würden, wäre Ich als Denkender und kritischer und empfindender Mensch in der katholischen Kirche falsch! Bin ich aber nicht. Und wenn Sie bspw. die Gespräche Ratzingers mit Habermas lesen oder die Schriften Benedikt XVI., dann werden Sie von Ihren Ansichten NICHTS darin finden. Sie können auch Rahner o.ä. lesen- auch dort finden Sie nirgends diesen Geist.

    Andererseits können Sie natürlich jedesmal, wenn das Wort “Demut” fällt, denken, “ich habs ja gewusst”.

    Ich denke, Sie müssen abseits von dem, was Ihnen vor 40 Jahren irgendjemand gesagt hat, suchen.

    Zu Demut können Sie übrigens Meister Eckardt lesen. Da leuchtet dann die Dimension jenes Mutes zum Dienen (die ich mir auch erschließen muss) vielleicht auf.
    Im Übrigen: Dogmatiker sind wie Leuchttürme,- man braucht sie, aber man kann mit ihnen nicht das MEer befahren.
    mfG PF

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    M. Klage – 20.04.2011 - 14:45

    Die ewige Religionsdebatte. Ich als geborener Atheist bin sie wirklich leid.

    Das Problem an Religion ist, dass es stets nur die eine selbst vertretene zu geben scheint. Ich sehe gern die ganze Welt, etliche Religionen, die nebeneinander her existieren. Immer wird die vollkommene Wahrheit der Religion gepredigt. Immer ist Religion nur Gutes. Religion ist in meinen Augen der Ursprung vielen Übels auf der Welt. Das Christentum ist der Begründer des Atheismus, der Islam ist mit auf den Zug aufgesprungen. Fundamentalismus wurde in den USA erfunden.
    Moral und Religion in einen Hut zu stecken kann auch einfach nur ein Witz sein. Im Speziellen das Christentum, wo war die Moral in der Zeit der Kreuzzüge und Hexenverbrennungen. Wo war die Moral während der Aufklärung und der Kolonialisierung. Und bitte, wo ist die Moral, wenn die Kirche Kondome verbietet, wenn Aids ganze Generationen befällt. Hört mir auf Religionen in den Himmel hoch zu loben. Die Welt wäre besser dran ohne Religionen.

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    Ihr Name – 20.04.2011 - 15:40

    Empirisch gesehen ist Moral nichts anderes als der Bezugspunkt für Achtung und Missachtung. Du gibst eine Gegenwartsanalyse der Moral, wenn du fragst, “wo die Moral war/ist”. Hexenverbrennung war höchst moralisch. Sie hilft dem armen vom Teufel besessenen Geschöpf doch noch zu Gott aufsteigen zu können. Es zeigt sich: Moral ist höchst wandelbar und jede Sozialstruktur hat eine sich konservierende Moral. Änderungen dieser Moralvorstellungen sind also der eigentlich interessantere Untersuchungsgegenstand. Ein Untersuchungsgegenstand der offenbar in der Gesellschaft – nicht im Individuum – verortet werden muss.
    Es ist somit auch nicht die Frage, ob die Gesellschaft ohne Religionen besser dran wäre. Religiöse Gesellschaften finden sich selbst gut, genauso wie nicht-religiöse Gesellschaften von ihrem Liberalismus überzeugt sind. Die Einordnung der eigenen Moral als “gut” ist eine der größten Tautologien der Menschheit.
    Relativismus scheint also gut begründet, nur Orientierung bietet er nicht. Die Verortung der Moral in die Religion birgt allerdings auch eine Gefahr: nichts ist anpassungsresistenter als religiöse Dogmen. Sie sind die institutionalisierte Komplexitätsreduktion – wen wundert denn, dass das Pferd mit den Scheuklappen viel “besser” geradeaus läuft. In einer Weltgesellschaft sind die Scheuklappen aber keine Lösung mehr, weil sich Wege kreuzen und man ständig gegeneinander läuft. Vielleicht liegt der Schlüssel also nicht IN sondern ZWISCHEN den Religionen dieser Welt. Eine gemeinsame Spiritualität, die nicht überkommener Mystik entspringt sondern dem kollektiven Bewusstsein unserer Ähnlichkeit und der individuellen Liebe zu sich selbst im Anderen, wäre eine brauchbare und hinreichend aber nicht gänzlich säkularisierte Form der Nächstenliebe. Ob unsere Gesellschaft dies versuchen will, wird sich im moralischen Urteil künftiger Generationen zeigen.

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 15:58

    Ihr Name!
    “Hexenverbrennung war höchst moralisch.”

    Eigenartiger Weise war es aber ein kathol. Geistlicher, der DAS erste Werk gegen die Hexenverfolgung schrieb (Friedrich v. Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631).

  • Theeuropean-placeholder
    – 20.04.2011 - 19:35

    vergessen einzuloggen^^ nun bin ich ansprechbar.
    also p.f., ich finde das ganz und gar nicht eigenartig. die reflexion der moral geschieht an ihrem eigenen sozialen ort, gestützt auf konfligierende werte. wie auch sonst?

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    P. Feldmann – 20.04.2011 - 20:29

    @jpm : ich störe mich nicht an Ihrer intellektuellen Erörterung und auch nicht an der Systematik, mit der Sie aufzeigen, dass eine relativistische Betrachtungsweise sich zwar aufdrängt, dass Sie aber keine Orientierungsmöglichkeit bietet. Ich ziehe in Zweifel, dass jener Satz stimmt (Hexenverbrenng. war damals moralisch). Geschichtlich war es primär ein Reinigungsversuch. Wenn Sie das als “moralisch” ansehen- gut.
    Aber bzgl. “konfligierender Wertevorstellungen” müssen wir dann auch konstatieren, dass es eben zu jener Zeit auch schon
    in der selben Gesellschaft, Religion und Institution ein anderes Wertgefüge gab, das die Wahrheitzirkel der Hexenprozesse und ihren Preis ganz anders bewertete. Kurz: DIE EINE Moralvorstellung gab es schon damals auch innerhalb der Kirche nicht. Dann ja, d´accord!

    Im Weiteren halte ich Ihren Scheuklappenvergleich für so schön wie unrichtig. Denn 1. die darin immanente Gleichsetzung von Religion mit Dogma ist falsch. Dogma betrifft nur die Richtigkeit der Lehre, Religion ist das Ganze und teilweise dogmatisch gar nicht fassbar. Und wie Sie wissen wird um ein Dogma oft Jahrhunderte gestritten. Da ist wenig, was als Scheuklappe taugt, die Dogmen sind Rohmaterial, aus dem Sie kaum eine direkte Weltsicht/ Handlungsanleitung herleiten können. Die anderen Zweige der Theologie betrachten den Dogmatiker oft als kurios.

    Kurios ist aber auch (so verständlich aus Ihrem Gedankengang es auch sein mag) Ihr Schluss eines Einheitsethos als Ersatz der Scheuklappen- Religionen. Dieser Gedanke verkennt vollkommen den Weg-Gedanken jeder Religion. Sie können nicht alle Wege zusammenlegen – versuchen Sie das mal in einer Familie. Der Dalai Lama , auf den man hier ja eher hört als auf den Papst, rät all seinen westlichen Hörern sich in den Weg ihrer Religion zu vertiefen und nicht zu einem halbverstandenen Buddhismus zu konvertieren.
    Der von Ihnen angepriesene Synkretismus wäre, so reizend der Gedanke intellektuell sein mag, Aussagelos und Weg-los: mit diesem Gefährt einer Kunstreligion käme man nirgendwo hin.

    mfG

  • Theeuropean-placeholder
    – 21.04.2011 - 11:32

    Sie haben wohl Recht, dass ich den Weg-Gedanken der Religion in meinem Argument nicht einbezogen habe. Ist es dieser Gedanke, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt befördert? Ich kenne mich im Religiösen zu wenig aus, um dies beurteilen zu können. Nur: wie Sie richtig sagen, kann man auch in einer Familie nicht alle Ziele vereinen. Dann sollten die individuellen Ziele in einer Familie aber doch auch nur soweit Thema sein, als sie Gegenstand der gegenseitigen Wertschätzung sind. Hier liegt die Toleranz, die wir brauchen: Ich verstehe deinen Weg und dein Ziel nicht. Doch ich glaube daran, dass du so glücklich werden kannst, und deshalb lasse ich dich gewähren, wie du mich gewähren lässt. Und wo wir können, da helfen wir uns. Und durchstehen Härten gemeinsam. So funktioniert Zusammenhalt. Zweifelsohne: ein gemeinsames Ziel verbindet, ein gemeinsamer Weg noch mehr. Doch wo dies nicht möglich ist, hilft es nicht, den eigenen Weg anzupreisen und das Abkommen der Gesellschaft von eben dem zu beklagen.

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 21.04.2011 - 14:46

    Ich bin Einverstanden mit diesen Ihren Gedanken!
    Inwiefern Religionen n.m.E.. Gesellschaft begründen habe ich oben dargelegt: der formale Aspekt dürfte in der transzendentalen Letztbegründung von Werten liegen. Der inhaltliche Aspekt ist da schon diffiziler. : Das Auf-dem Weg-Sein meint ja eigentlich, sich in seiner Existenz gültig erfahren zu lernen. Konkret: nicht vor den existentiellen Gegebenheiten wie Tod, Liebe, Vertrauen, Leiden etc. in irgendeine Ideologie (bspw. der Materialismus als Reduktion jedes über Materie hinausgehenden Anspruches des Menschen) zu flüchten.
    Meine Erfahrung ist, dass es auf einer gewissen Ebene eigentlich egal ist, welchem Weg Sie hierbei folgen (wenn er denn das Erkennen der eigenen Existenz überhaupt für möglich hält. )- entscheidend ist die Authentizität und Intensität. (cum grano salis!) Je höher der Grad der Vertiefung, desto bescheidener wird ein Mensch und mit dem Grad der Liebesfähigkeit auch hellsichtiger! Hier ist der Germinationspunkt von VerAntwortung, hier entsteht moralische Kraft aus der Achtung! Alles Gelernte ist nur Vorbereitung.

    Unter diesen genannten Aspekten scheinen mir die 5 Weltreligionen recht gleich gültig als Weg!
    Aber ich denke, es gibt schon einen weiteren Aspekt; den WEGBEGLEITER und das ist für mich als Christ eben Christus als DIE Menschengestalt bzw. als der schöpferische Keimpunkt des Alls.
    Wenn ich von “All”, von “Welt” spreche, so ist das normalerweise ein Endliches (nicht mathematisch gemeint) im Sinne eines Vergänglichen. Wenn dieses All nun in seinem Kern aus dem auferstandenen Christus besteht, so ist das eine nicht zu unterschätzende Aufwertung allen Seins!

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    Peter Modregger – 23.04.2011 - 10:31

    @P. Feldmann

    “Eigenartiger Weise war es aber ein kathol. Geistlicher, der DAS erste Werk gegen die Hexenverfolgung schrieb (Friedrich v. Spee SJ, Cautio Criminalis, 1631).”

    Erstens. Wer hätte denn in diesem historischen Kontext ein Werk gegen die Hexenverfolgung schreiben und veröffentlichen können, dem man nicht das Attribut christlich zu gestehen kann? Der Vorsitzender der säkularen Humanisten? Eigenartig finde ich nur, dass sie diese Tatsache als eigenartig empfinden.

    Zweitens. Die Hexenbulle, welche die Bestrafung (jedoch nicht die Verbrennung) von Hexen legitimierte, wurde 1484 von Papst Innozenz VIII abgesegnet. Wollen sie argumentieren, dass die Kirche ja NUR 148 Jahre brauchte, um so langsam zur Besinnung zu kommen?

    Drittens. Mit ihren rhetorischen Kniff ändern sie implizit die diskutierte Fragestellung von “Hatte die Kirche einen mehrheitlicht positiven oder negativen Einfluss auf die Hexenverbrennung?” zu “Ist die Kirche ausschließlich an allem Schuld?” Finden Sie diesen Trick redlich?

    Viertens. Aber gehen wir mal davon aus, dass die Fragestellung wirklich “Ist die Kirche gut oder böse” wäre. Ihre Antwort darauf scheint zu sein: “Das kann man so nicht beantworten.” Witzigerweise machen Sie das als Kommentar in einem Artikel, in dem Herr Püttmann sich um den Verlust von absoluten normativen Maßstäben sorgt. Verliert Ihr “normativen Denken an Halt”, Herr Feldmann? Ist die Kriche gut oder böse?

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    P. Feldmann – 25.04.2011 - 13:30

    @peter modreger

    Ich verstehe (dies kann aber an einem textlichen Missverständnis meinerseits liegen) nicht ganz die zwingende Logik Ihres Gedankenganges. Ich greife aber zwei Thesen auf, da ich sie im Sinne des Gesprächs für weiter führend halte!

    1-zu ““Ist die Kirche ausschließlich an allem Schuld?” Finden Sie diesen Trick redlich?”
    Da Sie selbst (gegen mein Argument ) in Stellung bringen, dass zu jener Zeit der Gesamtkontext der bekannten Welt im Wesentlichen katholisch war (Wir lassen die Reformation hier mal beiseite- das dritte Schisma war ja schon vollzogen), denke ich, dass wir uns darin einig sind, dass gesellschaftliche Wirklichkeit unter dem Kontext einer Mehrheits- Kirche immer hinsichtlich dessen, was passiert, die Frage aufwirft, ob das Geschehen nun aus der Natur des Menschen oder aus den Lehren der Glaubensgemeinschaft heraus begründbar ist.
    Ich neige zum zweiten Standpunkt!
    Den Sündenbock – Mechanismus finden Sie als anthropologisches Muster. Die kirchl. Lehre sieht Christus als Auflösung dieses archaischen Mechanismus (und Aberglaubens). Das 3.Reich bspw. kann als erklärt a-theististische und anti-christliche Bewegung hier als beredtes Beispiel dienen (und es waren dort ja beileibe nicht nur Juden, sondern auch Homosexuelle, Roma/Sinti, christl.Ordensleute etc.)
    Ich will damit nicht die Kirchengeschichte reinwaschen! die christl. Kirche ist wie jede andere menschliche Gemeinschaft keine perse Loslösung von der menschlichen Natur.

    Daher sehe ich ad 2 “Ist die Kriche gut oder böse?” den Kreis der Frage viel grundsätzlicher, nämlich: IST der Mensch gut oder böse?
    Stellt man die Frage so, so wird vllt. schnell deutlich, dass man hier kein ja oder nein als Antwort erwarten darf. Und vermutlich ist diese Frage für einen säkularen Humanisten genauso brennend wie für einen Katholiken.
    mfG

  • Theeuropean-placeholder
    M. Klage – 20.04.2011 - 16:02

    Dem kann ich weitgehend zustimmen. Ich muss Religion als von mir benutzten Begriff abändern, um meiner Intention besser zu verdeutlichen. Institutionalisierte Religion oder Institutionen von Religionen sind bessere Bezeichnungen. Individuellen Glauben zu verurteilen liegt nicht in meinem Interesse, sofern dieser meinem nicht feindlich gesinnt ist. Mir fehlt gerade auch die Zeit um mich hier ausführlich auszudrücken.

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