Jede Organisation ruht auf einem Berg von Geheimnissen. Julian Assange

Was passiert mit meinem Land?

Der Baron ist entzaubert, die Union bloßgestellt. Zu lange hatte sich Merkel hinter Guttenberg gestellt, zu folgelastig sind die Plagiate für das Werteverständnis der CDU. Doch zum Glück regte sich Widerstand: Das Bürgertum darf sich ein solches Polittheater nicht gefallen lassen.

Es ist ein dreifacher Skandal, der die Bundesrepublik in diesen Wochen erschüttert. Erstens: Ein Bundesminister und „Hoffnungsträger“ der deutschen Politik hat sich die Doktorwürde durch geistigen Diebstahl erschlichen und das Vertrauen eines ehrbaren Doktorvaters missbraucht. Solches Verhalten bringt der Volksmund von je her auf den Begriff „Hochstapelei“. Zweitens: Der entlarvte Täuscher zeigt sich nicht sogleich einsichtig, geständig, reumütig und bußfertig, sondern streitet ab („abstrus“), gibt dann scheibchenweise nur so viel zu, wie ihm nachgewiesen werden kann, verschleiert das moralische Vergehen („handwerkliche Fehler“, „Überblick über die Quellen verloren“), heischt Mitleid („junger Familienvater“), entschuldigt sich am Kern der Sache vorbei und beansprucht viel zu lange, sein Spitzenamt weiter ausüben zu dürfen. Selbst die Rücktrittserklärung kommt nicht ohne Selbstmitleid aus, übt subtil Medienschelte und instrumentalisiert gefallene Soldaten.

Parteisoldaten statt kritischen Geistern

Der schlimmste Teil des Skandals aber ist – drittens – die Reaktion von CDU und CSU. Beide Unions-„Schwestern“ agieren so, wie man es von Familienclans in primitiven Gesellschaften kennt: Der Übeltäter aus den eigenen Reihen wird gedeckt, seine Schutzbehauptung geglaubt oder komplizenhaft übernommen und der ausgelöste Konflikt ins Freund-Feind-Schema eingeordnet. Selbst Skeptiker, denen das moralische Skandalon bewusst ist, ordnen sich der Gruppensolidarität unter und demonstrieren ein konsequent „parteiliches Bewusstsein“ zumindest dadurch, dass sie mit ihren Bedenken nicht zitiert werden wollen. Feigheit und „Parteisoldatentum“ scheinen insbesondere im Politikertypus der jungen Generation zu dominieren.

Neben moralischer Abstumpfung und karrierebeflissener Anpassung sticht außerdem die Umfragehörigkeit ins Auge. Solange die vox populi und ihr Zentralorgan „Bild“ den Minister stützen, folgt auch die Partei der Devise: „Right or wrong, my Guttenberg!“ Den Vogel schießt dabei die Bundeskanzlerin ab: Sie, die vor dem EU-Parlament die „Toleranz“ zur „Seele Europas“ erkor, demonstriert jetzt, wohin die Verwirrung im Grundsätzlichen dann praktisch führen kann: zu moralischem Relativismus, ja fast schon Nihilismus, interessegeleitetem Euphemismus, populistischem Opportunismus und einer dem Ernst der Sache völlig unangemessenen Flapsigkeit („Habe ja keinen wissenschaftlichen Assistenten eingestellt“…).

Ein Schaden für die politische Kultur

Was bleibt, ist ein erheblicher Schaden für die politische Kultur, für die Verbindlichkeit ethischer Maßstäbe und für jene Parteien, die sich programmatisch und rhetorisch gern auf ihre christliche Wertorientierung berufen. Nebenbei haben diese „bürgerlichen“ Parteien auch dem Bildungsbürgertum ein bemerkenswertes Signal gegeben durch ihr Bündnis mit „Bild“ – gegen die „FAZ“ – und mit jener Partei der Geistlosen, die einer Parole wie „Scheiß auf den Doktor“ Beifall klatschen.

Angesichts der erschreckenden moralischen „Entkernung“ des Profils von CDU und CSU wäre es jetzt Aufgabe der Zivilgesellschaft und ihrer geistigen und wertorientierten Eliten, zu einem „Aufstand der Anständigen“ zu rufen. Hoffnung machen mir die Anrufe zweier CDU-Mitglieder: Der eine berichtet, das von seiner Partei aufgeführte „Schmierentheater“ habe ihn geradezu physisch krank gemacht; er wurde als Multiplikator über Facebook im Internet-Widerstand aktiv. Die andere fragte bestürzt: „Was passiert eigentlich gerade mit meinem Land?“, und verschickte im Freundeskreis per SMS ein SOS für die politische Kultur. Nicht nur im fernen Arabien haben Facebook & Co ein neues Zeitalter kritischer demokratischer Öffentlichkeit eingeläutet.

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 02.03.2011 - 18:13

    Sehr geehrter HERr Püttmann,
    ich sehe noch ein ganz anderes Debakel in der Sache aufleuchten:
    die wissenschaftlichen Prüfer haben sich nicht auf Vernunft und kritische Recherche verlassen, sondern auf “guten Glauben”! Und Sie stützen das hier sogar, indem Sie betonen, dass"das Vertrauen eines ehrbaren Doktorvaters missbraucht" worden sei.
    Meine Arbeit hat man geprüft und bei einer Promotion mit summa cum laude erwarte ich, dass eine Arbeit sehr kritisch geprüft wurde!
    Hier liegt in meinen Augen der wirkliche Skandal.
    Betrüger gab es schon immer, sympathische und weniger sympathische. Aber dass Wissenschaftler "auf guten Glauben " entscheiden und handeln, DAS ist ein wirklicher Dammbruch.
    Bei Politikern lässt man diese Unschärfe ja schon eher zu und diese nutzen sie weidlich immer schon aus!
    Insofern sehe ich keinen Zuwachs an Schaden, den Sie an der Politik beklagen könnten.

    Der eigentliche Skandal, der hinter dem Skandal steht ist aber noch ein ganz anderer. Nämlich die Tatsache, dass sich seit je die Wissenschaft mit ihren Titeln kidnappen lässt als Motor gesellschaftlichen Ansehens und Fortkommens! Nun können wir beide (und alle anderen dürfen mitmachen) raten, wie viele Karriere-Riegel- Doktoren es prozentual sind.
    mfG PF

  • Theeuropean-placeholder
    Ihr Name – 03.03.2011 - 21:04

    sehr gut!

  • Theeuropean-placeholder
    W. Krüger – 02.03.2011 - 19:02

    @Herr Püttmann

    Ich schätze eigtl Ihre sonst sehr substanzreichen, ausgewogenen und treffenden Analysen, Herr Püttmann. Diesen Artikel finde ich jedoch recht unfair.

    In der Bewertung der Affäre kann man unterschiedlicher Meinung sein. Und ebenso können Teile des guttembergschen Politikstils – insbesondere in den letzten 2 Wochen – zusagen oder missfallen.

    Die persönlichen, auch emotionalen Äußerungen von zu Guttemberg mag man als unpassend in der spröden deutschen Politiklandschaft ansehen. Es mag auch etwas Eitelkeit dabei sein, jedoch können wir ihm die Empathie, den teilweise auch selbstlosen Einsatz für andere, z. B. die Soldaten, nicht absprechen.

    Hat er nicht oft den richtigen Ton getroffen? Z. B. gegenüber den Angehörigen der getöteten Soldaten? Zeigte sich in seinen Reden nicht auch viel Querdenkerisches und Unkonventionelles? Was er sich trotzdem getraute selbstbewusst auszusprechen?

    Diese Direktheit, Ehrlichkeit – auch eigene Entscheidungen rückgängig zu machen und zu hinterfragen – schätze ich eher, als dass ich ihm Wankelmütigkeit vorwerfe. Aus der Sicht der Medien konnte er jedoch nur verlieren: entweder reagierte er zu schnell oder zu langsam.

    Er hat seine Eigenheiten, aber alle diese negativ auszulegen ist wenig fair.

  • Theeuropean-placeholder
    akrobat – 02.03.2011 - 20:12

    An RCB,
    ich sehe da viel schwärzer.K.T. wird-angesichts der geringen Halbwertszeit polit.Skandale zurückkommen u.
    das eher als uns allen lieb ist.Er hat ja schon bei seinem Abgang,nachdem seine lispelnde Impresaria wohl gegen
    seinen Willen das weiße Handtuch in den Ring geworfen
    hatte,an seiner Dolchst0ß-Legende gestrickt.
    Zum Schluß ein Zitat aus dem Hofblatt des Freiherren
    (B.Z.,02.03.11;S.4).Ein gewisser Herr S.Roock,Hauptfeldwebel seines Zeichens u.38 Jahre alt,beteuert,nie einen besseren VM erlebt zu haben u.
    fährt fort:“Zu Guttenbergs Nachfolger wird es sehr schwer haben.”
    Richtig,gewiß doch,aber mit einer kleinen Einschränkung:…wenn er so weitermacht,wie sein
    edler Vorgänger.

  • Theeuropean-placeholder
    Marc Voigt – 02.03.2011 - 20:31

    Sehr geehter Herr Püttmann,

    sie schreiben doch eigentlich wie ich recht neutral und fair gegenüber den Menschen die Ihre Fehler eingestehen?

    Erstaunlich ist Ihre mehr als einseitige Meinung, haben Sie schon mal zuletzt den koruppt zum Teil Waffenfinanzierenden Teil Gaddafhis unserer Regierung überprüft?

    Ich weiß da kommt laa…aanges schweigen.

    Lg Grüße an Thyssen/Krubs und auch Siemens und all die Toten die da eliminiert wurden.

    Sorry aber wäre ich ein Führerschwein wie die dortig Vorstandsvorsitzenden die ohne Skrupel Waffensysteme entwickeln lassen und das auch noch auf Kosten Deutschland`s? solte man sich mehr als nur schämen.

    Sicher von Deutschland geht kein Krieg aus. Es reicht ja aus wenn die Technologie in Deutschland zum Abschlachten entwickelt wird.

    Lg an Waffenschieber

    Schäuble

  • Theeuropean-placeholder
    Marc voigt – 02.03.2011 - 21:04

    Die genaue Quellenangabe ist noch leicht nachzuvollzien. Man muß nur Schäubles vorlieben kennen.

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