Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt. Bertolt Brecht

„Am Ende hat alles mit Macht zu tun“

Andreas Mühe gilt als eines der größten Talente der deutschen Fotografie. Mit Alexander Görlach und Clemens Lukitsch spricht er über pissende Nazis, seine neue Foto-Ausstellung, die Ästhetik der Diktatur und den Film Inglourious Basterds.

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Im Rahmen der „State of The Art Photography“ zeigt das NRW Forum in Düsseldorf Mühes Ausstellung „Obersalzberg“ ab dem 4. Februar. Im Text des Interviews finden Sie eine Auswahl der schönsten Motive.

The European: Herr Mühe, wieso fotografieren Sie „pissende“ Nazis? Wie kommt man auf die Idee?
Mühe: Ich wollte mit dieser Arbeit urdeutsche Landschaften und Landschaftsmerkmale inszenieren und mit einem kleinen Störfaktor versehen.

The European: Warum muss ausgerechnet ein Mann in Naziuniform diese schönen Landschaftsbilder stören?
Mühe: Das Berchtesgadener Land, der Watzmann, der Königssee, all diese herrlichen, archaischen Landschaften, mit denen ich mich in „Obersalzberg“ befasse, befinden sich im kognitiven Gedächtnis der Deutschen und genau das haben die Nazis instrumentalisiert, haben sich der Ästhetik der dortigen Flora und Fauna bedient und sich dort inszeniert.

„Eine Ästhetik, die Diktaturen miteinander verbindet“

The European: Sie haben schon in früheren Arbeiten mit einer Ästhetik gespielt, die Assoziationen mit der Bilderwelt einer Diktatur hervorruft.
Mühe: In meinen ersten Arbeiten habe ich mich vieler Motive bedient. Zum Beispiel habe ich mich mit alten Schwimmhallen aus dem Olympischen Dorf 1936 und dem Seebad Prora auf Rügen beschäftigt. Das hat mich interessiert, da wollte ich hin und vor Ort was machen. Diese Arbeiten haben einer gewissen Ästhetik entsprochen und die neuen Projekte sollen eine Antwort dazu geben. Mir war es wichtig, gewissen Ansätzen auf den Grund zu gehen, um das Problem einmal an den Wurzeln zu packen.

The European: Ist das eine Antwort auf die Frage, woher diese Ästhetik kommt?
Mühe: Das, oder um einen Umgang damit zu finden. Ich möchte mich nicht nur dieser Ästhetik bedienen und sie ausnutzen, sondern ihr wirklich auf den Grund gehen und auch versuchen, sie in ein Verhältnis zu setzen. Dieses Statement möchte ich abgeben.
Bei meinem Werdegang muss man ja immer dazusagen, dass es mit Musikern, Werbung und redaktioneller Fotografie angefangen hat. Für mich war wichtig: Wo kann ich freier arbeiten, wo quatschen noch weniger Leute rein? Und jetzt bin ich mit meinem Schaffen an einem Punkt angekommen, wo ich nur noch meinen Ideen nachgehen möchte und kann.

The European: Diese Form von Ästhetik, mit der wir Nationalsozialismus und Faschismus assoziieren …
Mühe: … vergessen Sie die DDR nicht, auch dort war so etwas zu finden. Wir sprechen von einer Ästhetik, die Diktaturen miteinander verbindet.

The European: … fragt man sich nicht, warum das einem so gefällt? Wie findet man zu so einer Ästhetik und steht dann auch dazu?
Mühe: Es ist eine Ästhetik des Größenwahns. Es ist etwas sehr Kräftiges, oftmals auch sehr Männliches und es lässt eine gewisse Gewaltigkeit zu. Das trifft aber auf alle Diktaturen in dieser Zeit oder auf alle architektonischen Zeugnisse unter solchen Herrschaften zu. Am Ende hat alles mit Macht zu tun. Mein Interesse, Politiker zu fotografieren, hat auch mit Macht zu tun. Wer Macht hat, nutzt seine Instrumente, um so merkwürdige Denkmäler zu setzen.

The European: So etwas lässt ja niemanden kalt.
Mühe: Ich finde zwischen dem ehemaligen Reichsluftfahrtministerium und irgendeiner Stalin-Allee, da gibt es kaum Unterschiede. Der Größenwahn verbindet all diese Ideologien. Da kann man nicht sagen, das eine sei etwas filigraner, das andere dafür martialischer.

„Ich habe keine Scheu, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen“

The European: Versailles und der Petersdom sind auch Zeichen der Macht, unterscheiden sich aber klar in ihrer Ästhetik.
Mühe: Diese beiden Bauwerke entspringen auch nicht derselben Epoche. Es geht hierbei auch um den Zeitgeist. Die haben doch alle geguckt, was macht der Stalin da drüben, was macht der Hitler, und haben versucht, sich gegenseitig zu übertreffen.

The European: Und wie entdeckt man die Ästhetik für sich wieder, ohne die Ideologie dabei mitzutransportieren? Oder geht dies nur, wenn man das Sujet weiter mitverarbeitet? Kann man diese Inszenierungen machen, ohne die ursprüngliche ideologische Verklammerung mitzudenken?
Mühe: Ja, weil wieder Zeit dafür ist. Es ist ja nicht so, dass spätere Machthaber sich dieser Ästhetik nicht auch bedient hätten. Die Auseinandersetzung mit diesem Stoff ist eben noch nicht abgeschlossen und ich habe auch keine Scheu davor, mich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

The European: Ist denn die deutsche Art, Diktaturen zu inszenieren – so, wie Sie diese fotografieren –, in besonderer Weise an Natur gekoppelt? Man spricht immer von den Deutschen und ihrer Liebe zum Wald und zur Natur.
Mühe: Ich glaube, das ist die urdeutsche Seele: die Landschaft, der unendliche Blick, der Wald, das Meer. Entweder hatten wir Glück, dass es Künstler gab, die diese Motive mit bedeutenden Werken geprägt haben oder uns ist eine gewisse Grundsentimentalität zu eigen, die darauf anspringt. Aber es hat nichts mit Diktaturen an sich zu tun.

The European: Finden wir diese Form von Darstellungen denn nicht auch in anderen Ländern?
Mühe: Ich würde einfach sagen, die Deutschen haben dafür ein Faible. Denken wir an die Natur- und Landschaftsdarstellungen alter Meister wie Caspar David Friedrich, da geht dem Deutschen einfach das Herz auf. Wer weiß, welche inneren Sehnsüchte da angesprochen werden. Ob es nun der Watzmann im Hintergrund ist oder der Kreidefelsen auf Rügen, ist eigentlich egal.

„Es war die Visualisierung eines Teufels“

Bei meiner aktuellen Arbeit will ich zeigen, wie der „Führer“ sich mit dem heimatlichen Idyll inszenierte. Es ging den Nazis darum, eine Geschichte zu erzählen. Welche Stationen hat Hitler gemacht? Es hätte nicht zwingend der Obersalzberg sein müssen, aber das ganze Berchtesgadener Land ist eben auch geografisch gut gelegen, wenn man an die Zeiten vor Hitlers Machtergreifung denkt, als sie noch auf der Flucht waren. Nach der Machtergreifung und dem Ausbau des Obersalzbergs geht es eher darum, Hitler als Privatmann darzustellen und Emotionen auszulösen. Es war eine Imagekampagne: Der Gute in seiner Heimat. In Wirklichkeit war es die Visualisierung eines Teufels.

The European: Und wie unterscheidet sich diese Art der Inszenierung von der, die Sie aus der DDR kennen?
Mühe: Ich möchte das lieber alleine stehen lassen. Plump gesagt, der Unterschied ist, die Nazis ziehen sich auf einen Berg zurück, die DDR-Funktionäre hat es in den Wald verschlagen. Die Nazi-Elite war ja fast komplett am Obersalzberg vertreten: Bormann, Göring, Speer … In der DDR wurde dieser Individualisierungskult ja gar nicht zugelassen.

The European: Inwieweit spielen Sie mit diesen signifikanten Merkmalen, die jeder sofort sucht, wenn es um Nazis geht: die Uniformen, die rote Armbinde mit Hakenkreuz?
Mühe: Ich habe das bewusst nicht so plakativ gemacht. Ich möchte das Hakenkreuz gar nicht so stark visualisieren, wie es in vielen Filmen und Bildern heute gerne gemacht wird. Die Proportionen müssen stimmen. Wenn die Protagonisten auf den Bildern zu groß werden, rückt die Uniform viel zu stark in den Vordergrund. Die Menschen sind so sensibilisiert auf das Thema, gerade durch die Verarbeitung in der Popkultur; Tarantinos Film „Inglourious Basterds“ ist da das beste Beispiel. Die Amis und Engländer holen sich auf den Stoff einen runter. Hier in Deutschland ist das bekanntlich ein heikles Thema. Den Synapsen reicht es aus, wenn sie nur die schwarze Uniform und eine rote Binde sehen. Wichtig war mir auch, die Darsteller in meinen Werken nicht zu personifizieren.

The European: Missbrauchen Sie die Landschaft nicht auch für Ihre Bilder?
Mühe: Alle Orte in meiner Arbeit sind geschichtlich angereiht. Da ist nichts frei erfunden. Es sind wichtige Schauplätze, die natürlich für das Berchtesgadener Land auch ein Fluch sind. Hitlers Teehaus stand noch bis vor ein paar Jahren. Trotzdem gibt es einen permanenten Pilgertourismus dorthin. Die Leute laufen mit geheimen Plänen durch die Gegend und suchen nach Plätzen und Gebäuden, die es eigentlich gar nicht mehr gibt.
Die Finnen sind übrigens ganz weit vorne beim Katalogisieren der Landschaft.

The European: Die Finnen?
Mühe: Kurios, nicht wahr?

„Es geht um Deutschland“

The European: Sie haben gesagt, es geht um Macht, Machtdarstellung, Männlichkeit. Ist dieser ganze Habitus einer Diktatur ein unweibliches Phänomen?
Mühe: Frauen sind da einfach anders. Die martialische Landschaft, pinkelnde Nazis, die ein Gebiet gleichsam markieren und beflecken; Frauen passen da nicht so gut hinein.

The European: Könnte Ihre Arbeit eine Kontroverse hervorrufen?
Mühe: Das Thema ist ja immer noch heiß. Es gibt wenige Arbeiten zu diesem Thema, die aus Deutschland heraus entstanden sind.

The European: Welchen Beitrag suchen Sie mit Ihrer Arbeit zu der Debatte um den Nationalsozialismus beizusteuern?
Mühe: Wenn man es ganz banal halten möchte, würde ich sagen, dass es ein Beitrag ist, um die Diskussion über dieses Thema weiter am Leben zu halten. Wir dürfen das nicht wegschieben. Ein Umgang muss erhalten bleiben. Und um das Thema wieder etwas kleiner und für mich persönlich abzustecken – es geht um Deutschland. Von der Ostseeküste bis Süddeutschland gibt es einfach zeitgeschichtlich viel zu beackern.

The European: Wie steht es um Ihr Interesse, Diktaturen außerhalb der deutschen Geschichte zu beleuchten?
Mühe: Da ich nun einmal Deutscher bin, habe ich auch eine entsprechende kulturelle Handschrift. Ich würde nur ungern den Kulturkreis brechen, mich einer anderen Kultur annehmen und versuchen, mich ihrer Sprache zu bedienen.

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