Der intrinsische Erkenntnisdrang der Forscher mag einem abgeklärten Journalisten fremd sein. Andrea Kamphuis

Grexit jetzt!

Der Austritt Griechenlands aus dem Euro gilt als Worst Case. Dabei sollte dieser als Chance begriffen werden – für Griechenland, für Europa.

Katharsis ist ein griechisches Wort. Schon in Aristoteles’ Tragödien kam dieser Begriff, der „Reinigung“ bedeutet, vor. Grexit ist keine griechische Wortschöpfung – doch bietet das Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone die Chance zu einer eben solchen Katharsis. Einer Reinigung – wenn auch unter Schmerzen – für Griechenland, aber auch für die Gemeinschaftswährung selbst. Es wäre die Gelegenheit, die inzwischen fast vergessenen Stabilitätskriterien von Maastricht wiederzubeleben.

Schon die Aufnahme Griechenlands in die Euro-Zone war eine Zangengeburt – und eigentlich ein ordnungspolitisches „No-Go“. Bevor die Hellenen das neue Geld erhielten, wurden offensichtlich Statistiken aufgehübscht, politischer Druck ausgeübt und reichlich christliche Barmherzigkeit erwiesen. Wäre es nach Maastricht gegangen – die Antwort an Athen hätte klar „oxi“, „nein“ heißen müssen.

Glücklich sind aber weder Griechen noch der Rest der Welt mit der Entscheidung gewesen. Für niedrige Zinsen kamen die Hellenen mit dem Euro an den Kapitalmärkten leichter zu Geld. Die Folge: Ein verschuldetes Land verschuldete sich noch mehr – und feierte noch 2004 üppig teure Olympische Spiele in Athen. In der Zwischenzeit wurden Produkte „Made in Greece“ unerschwinglich, genau wie der Urlaub in Attika. Beim türkischen Nachbarn war das Sonnen in der Regel wesentlich günstiger.

Die griechische Krankheit und ihre Symptome

Die wahren Probleme des Landes ging niemand an – im Gegenteil. Der Staat blieb Beute der beiden großen Parteien PASOK und Nea Dimokratia. Dabei hatten Sozialisten und Konservative – clanartig organisierte Organisationen, die jahrelang unter der Herrschaft der Familien Papandreou und Karamanlis standen – das Land zum kranken Mann der Europäischen Union gemacht. Eine nicht wettbewerbsfähige Wirtschaft, keine funktionierende Finanzverwaltung, eine überbordende Bürokratie – voll mit willigen Parteisoldaten, hohe Militärausgaben und grassierende Korruption – waren nur einige Symptome der „greek disease“. Diese Mangelwirtschaft befand sich nun in einem gemeinsamen Währungsraum mit hochfunktionalen Volkswirtschaften wie Deutschland, den Niederlanden oder Österreich – sowie mit den großen Industrienationen Frankreich und Italien. Dass es zu Verwerfungen kommen musste, war eine Frage der Zeit. „Et hätt noch immer jot jejange“ gilt nur im Kölner Karneval.

Lieber Grexit als einen Flächenbrand

Von daher sollte Schluss sein mit der Furcht vor dem Grexit. Sicher, es wäre eine schmerzhafte Kur für alle Beteiligten. Aber was ist die Alternative? Die neue Regierung zieht offensichtlich Krawall und pubertäres Gehabe seriöser Arbeit vor. „Geld her, ja! – schmerzhafte Reformen, nein!“, so lässt sich das bisherige Gebaren von Premier Alexis Tsipras und seinem Finanzminister Yanis Varoufakis zusammenfassen. Ein Kurs, der Griechenland sicher nicht wettbewerbsfähiger macht!

Sich vom „chicken game“ des halbstarken Spieltheoretikers Varoufakis erpressen zu lassen, können sich Brüssel und Berlin daher nicht leisten. Spanien stünde als nächster unsicherer Kantonist ante portas. Noch ist die Regierung des Konservativen Premier Mariano Rajoy auf gutem Weg, das Land mit umsichtigen Reformen und einem – zugegebenermaßen herausfordernden – Sparkurs neu zu erfinden.

Der Gründer der Syriza-Schwesterpartei Podemos, Pablo Iglesias, wartet aber nur darauf, seinen rebellischen Populisten-Freunden von der Peleponnes folgen zu können. Wäre die Europäische Union dann in der Lage, den Spaniern ebenfalls einen teuren Ablass zu gewähren?

Lieber ein Ende mit Schrecken

Und wie verheerend wäre das Signal für die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinents? Ein Ende mit Schrecken wäre dem Schrecken ohne Ende doch vorzuziehen. Kein Geringerer als der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan hat den Austritt des Landes aus der Euro-Zone bereits als quasi „alternativlos“ prophezeit. Es gebe keine „einfache Lösung“ der Schuldenkrise, „genau genommen sehe ich nicht, wie sie gelöst werden kann, ohne dass Griechenland die Euro-Zone verlässt“.

Vor allem auf die einfachen Menschen in Griechenland kämen mit dem Grexit neue Härten zu. Tausende würden versuchen, Euro-Bargeldbestände zu sichern. Ein Hinweis darauf ist, dass seit Dezember schon 15 Milliarden Euro aus dem Land abgezogen wurden. Importgüter würden sich massiv verteuern, es droht eine immense Inflation. Es wäre fraglich, in welchem Umfang der öffentliche Dienst noch Löhne zahlen könnte.

Die Chancen des Grexits

Auch das notleidende Gesundheitssystem käme zunächst noch mehr unter Druck. Der Grexit-Schock würde auch viele Investitionen erst einmal unterbrechen, die Produktions- und Lieferketten anhalten und Hellas weiter in die Rezession ziehen. Allerdings wäre die Europäische Union immer noch in der Verantwortung, den Griechen in dieser Situation beizustehen. Nun aber mit einer in die Zukunft gerichteten Perspektive.

Mit dem Grexit hätten die Hellenen die Möglichkeit, langfristig ihre Wirtschaft – ohne die Bürde des starken Euro – neu aufzubauen. Waren wie Käse und Olivenöl wären auf dem Weltmarkt günstiger. Für Touristen wäre der Trip zu den Hellenen preislich wieder attraktiver. Darüber hinaus hätte die Einführung der Drachme die gleiche Wirkung wie Einfuhrzölle.

Es käme zu einer Abwertung, was generell die Wettbewerbsfähigkeit steigert. Vor allem aber hätte Syriza keinen Buhmann in Brüssel oder Berlin mehr, der angeblich zusammen mit höheren Mächten für die Misere verantwortlich gemacht werden kann. Die Zuständigkeiten wären da, wo sie hingehören: in Athen.

Die EU könnte einen Austritt verkraften

Einen Börsencrash in Folge eines Grexits halten viele Experten im Moment für unwahrscheinlich. Zum einen haben sich Länder wie Spanien, Portugal und Irland positiv entwickelt, zum anderen verfügt die Europäische Zentralbank inzwischen über ausreichend Instrumente, um den Kapitalmarkt im Bedarfsfall mit ausreichend frischem Geld zu fluten.

EZB-Chef Mario Draghi hat seine Kreativität in Krisensituationen bereits ausreichend unter Beweis gestellt. Die privaten Kreditgeber sind – anders als noch 2008 – auf ein Scheitern Griechenlands vorbereitet und haben inzwischen umfangreiche Abschreibungen oder Absicherungen vorgenommen.

Auch für Deutschland hätte ein Grexit jetzt wesentlich geringere Gefahren als noch vor einigen Jahren. Nicht nur, weil die EU entsprechende Krisenvorkehrungen getroffen hat. Auch ist Griechenlands Wirtschaft weniger stark mit seinen europäischen Nachbarn verflochten. Die Hellenen führen fast ein Drittel weniger Waren ein als noch 2008, was einem Minus von rund 25 Milliarden Euro entspricht. Banken und Versicherungen haben sich weitgehend aus Griechenland zurückgezogen.

Beim Pokerspiel zwischen Athen und Brüssel liegen alle Karten auf dem Tisch. Sowohl Varoufakis als auch der Euro-Gruppen-Vorsitzende Jeroen Dijsselbloem sollten wissen, was passiert, wenn sie das Blatt Grexit spielen. Angst davor muss insbesondere Europa nicht mehr haben.

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