Energie darf kein Luxusgut werden. Winfried Kretschmann

Eine kurze Geschichte des Sozialismus

Das Konzept mag schön klingen, es widerspricht jedoch der menschlichen Natur: Sozialismus finden immer nur die Leute toll, die nicht in ihm leben müssen.

Mit 19 Jahren nahm ich an meiner ersten Betriebsweihnachtsfeier teil. Wie es sich gehört, wurde reichlich aufgetischt. Dennoch strebten einige Gäste dem Buffet mit solch einer finsteren Entschlossenheit entgegen, als gäbe es nur für das erste Dutzend genug Speis und Trank. Als einer der Letzten an der Tränke bekam ich dennoch ausreichend ab. Ohne dass ein Messias herbeigerufen werden musste, der für die Zuspätgekommenen Wasser in Wein verwandelt.

Dabei wurde mir endgültig klar, was ich schon immer vermutete: Der Mensch, wie er auf dieser Erde existiert, ist für Sozialismus nicht geschaffen. Unbewusst wägt er Nutzen und Kosten ab. Ist der Nutzen für alle gleich, werden die Kosten minimiert. Bekommen alle den gleichen Lohn, wird die Variable „Arbeitskraft“ spärlicher eingesetzt. Ist für alle genug zum Essen da, fährt mancher Zeitgenosse doch die Ellenbogen raus. Man könnte eventuell zu kurz kommen – oder möchte gleicher sein als die Gleichen.

Dass in den vergangenen 25 Jahren keine entscheidende evolutionäre Veränderung des menschlichen Verhaltens stattfand, kann man bei Grillfesten (ähnlicher Ansturm auf die Nahrungsquellen wie bei Weihnachtsfeiern) oder Flugreisen feststellen. Trotz fest gebuchtem Sitzplatz stürmen – zumindest in Mitteleuropa – viele Passagiere die Jets. Dabei wäre es doch viel entspannter, bis zum Schluss mit dem Einstieg ins Flugzeug zu warten.

Der Sozialismus hat nirgendwo den Praxis-Test überstanden

Diese Erfahrungen stimmen mit dem Ergebnis eines Experimentes überein, das ein Wirtschaftsprofessor in den USA durchführte. Seine Studenten waren überzeugt, dass der Sozialismus erstrebenswert sei, weil er keine Armen oder Reichen, sondern bloß die perfekte Egalität kenne. Darum schlug der Professor vor: Alle Noten würden nun als Durchschnittswert vergeben und jeder Student erhalte dieselbe Zensur. Niemand würde mehr durchfallen oder die Topnote A (sehr gut) bekommen. Nach dem ersten Examen waren die Zensuren mittelprächtig; alle Studenten erhielten ein B. Die Strebsamen, die sich gut vorbereitet hatten, waren unzufrieden. Die anderen glücklich. Beim nächsten Mal stellte sich heraus, dass die Studenten, die vorher kaum gebüffelt hatten, noch weniger taten. Diejenigen, die sich zuvor intensiv vorbereiteten, schalteten einen Gang runter. Die Durchschnittsnote des zweiten Examens war D. Im dritten Durchgang erhielt die komplette Klasse ein F. Alle Studenten waren so weit in ihrer Leistung abgesackt, dass sie eine Ehrenrunde drehen mussten!

Der Professor fragte seine Studenten, ob sie nun den Grund für das Scheitern des Sozialismus verstünden. Die jungen US-Amerikaner hatten wohl ihr Aha-Erlebnis. Viele Sozialismus-Fans weltweit indes stehen treu zur Ideologie. Obwohl diese nirgendwo den Praxis-Test überstand. In den Staaten Mittel- und Osteuropas fielen die roten Kartenhäuser 1989 in sich zusammen. Eine abgewrackte Wirtschaft, Umweltzerstörung großen Stils und verfallene Städte waren nur die sichtbarsten Symptome des Niedergangs.

In den linken Salons hatte man schnell Ausreden bei der Hand: Was zwischen Eisenach und Wladiwostok erprobt wurde, sei gar kein echter Sozialismus gewesen, sondern die Pervertierung einer Idee durch Parteieliten – hieß es. Als ob die autoritäre Herrschaft einer Partei nicht Grundvoraussetzung wäre, um ein widernatürliches System gegen den Mehrheitswillen der Menschen durchzusetzen. Hätten Chruschtschow, Ulbricht & Co. keinen Eisernen Vorhang hochgezogen, die Bürger wären einfach davon gelaufen. Eine Abstimmung mit den Füßen gegen den Sozialismus! Später bedurfte es der Finanzspritzen des Klassenfeindes, um die Zombie-Staaten noch ein paar Jahre am Leben zu erhalten.

Sozialismus ist nichts für diese Welt

Wenn Sozialisten heute träumen, dann meist von karibischen Ländern wie Kuba oder Venezuela – wo operettenhafte Caudillos vom „neuen Menschen“ oder dem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ salbadern. Nur: Das kubanische Arbeiterparadies wollen Jahr für Jahr Tausende verlassen. Selbst wenig vertrauenswürdige Nussschalen erscheinen gut genug, um die riskante Überfahrt über den Atlantik ins Herz des Kapitalismus – die USA – zu wagen. Nun betreibt Raul Castro, der technokratische Bruder des siechen Revolutionsführers Fidel, auch noch eine Annäherung an den Erzfeind. Für Altlinke sicher ein Abgrund von Renegatentum.

Bleibt Venezuela als Ort der Sehnsucht. Echte Venezolaner können solche Schwärmerei nicht unbedingt nachvollziehen. Komisch, den Sozialismus finden immer die Leute toll, die nicht in ihm leben müssen. Vielleicht, weil es der Sozialismus fertigbringt, aus einem eigentlich unermesslich reichen Land, das über die größten Ölvorkommen weltweit verfügt, einen Vorhof zur Hölle zu machen. Eine der höchsten Mordraten der westlichen Hemisphäre, Alltagskriminalität, wo man hinschaut, leere Regale in den Läden und Schikanen gegen kritische Medien – mit alldem müssen die Venezolaner leben. Gegen Andersdenkende und Opposition zieht Staatschef Nicolás Maduro immer hemmungsloser zu Felde: Jeder Ansatz von Protest kann als Aufwiegelung zum Umsturz diffamiert werden und Anlass für eine Verhaftung sein. Nachzufragen bei den Oppositionspolitikern Leopoldo López und Antonio Ledezma.

Dabei hatte der Vater des venezolanischen Sozialismus, Hugo Chávez, alle Chancen, das Land in eine gute Zukunft zu führen. Nach seinem Wahlsieg 1998 hofften viele, dass der frühere Fallschirmspringer mit Hilfe der Petro-Dollars nachhaltig für Wohlstand sorgen würde. Nicht zuletzt Cliquenwirtschaft und die Systemfehler des Sozialismus leiteten indes den totalen Verfall ein. Bei vielen Unternehmen und Landwirtschaftsbetrieben stürzte nach der Verstaatlichung die Produktion ab. Preisbindung für viele Waren puschte den Schmuggel, während die Inflation explodierte. Ein Smartphone neueren Modells etwa soll im Karibikstaat das 47-Fache des Mindestlohns kosten, selbst für Toilettenpapier werden auf dem Schwarzmarkt Mondpreise verlangt. Während das Volk Schlange steht und Milizionäre die Lebensmittelverteilung kontrollieren, machten Funktionäre der ersten Stunde steil Karriere. Chávez’ Vater, ein Dorflehrer, wurde Gouverneur seines Heimatstaates. Einige Brüder und Schwestern des Ex-Obersts gingen als rote Oligarchen in die staatsnahe Wirtschaft. Stellt man sich den Staat Venezuela als riesengroßes Weihnachtsfeierbuffet vor, dann wird es von einer Funktionärsclique geplündert, während für das „normale Volk“ nur Parolen und Brosamen abfallen.

Vom Grundsatz her mag der Sozialismus vielleicht eine hehre Idee sein. Diese taugt jedoch nicht als Blaupause für das zivilisierte Zusammenleben von Menschen. Dennoch klingen die Versprechen des Sozialismus zu verlockend, als dass Idealisten und Träumer davon ablassen könnten. So wird es auch künftig sozialistische Experimente geben, die viel Geld und manche Menschen gewiss die Freiheit kosten werden. Dabei kann schon der Besuch einer simplen Weihnachtsfeier die Erkenntnis bringen: Der Sozialismus ist nichts für diese Welt.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Andreas Kern: Valar Morghulis

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