Aufruf zum Asozialsein

von Andreas Kern23.05.2015Gesellschaft & Kultur

Jan Korte ist Mitbegründer des „transform“-Magazins. Darin fordert er ein „Recht auf Faulheit“. Über ein Blatt, das die Welt nicht braucht.

Forrest Gump würde sagen, Nachrichtenlesen ist wie eine Pralinenschachtel: Du weißt nie, was du als Nächstes bekommst. Mit einer ganz besonderen Praline wartet „Zeit Online“ derzeit auf seiner Karriereseite auf: “ein Interview mit einem gewissen Jan Korte”:http://www.zeit.de/karriere/2015-05/magazin-gutes-leben-crowdfunding, laut beigestelltem Infokasten Mitbegründer eines „transform“-Magazins. Der gute Herr Korte – nicht identisch mit dem gleichnamigen Bundestagsabgeordneten der Linkspartei – fordert ein Recht auf „das gute Leben“ (das irgendwie alle wollen – das jeder Einzelne aber anders definiert) und vor allem ein „Recht auf Faulheit“! In Kortes Magazin gibt es denn auch Tipps zum Blaumachen, eine Krankmeldung zum Ausschneiden, einen Aufruf zum Widerstand im Arbeitsamt und – als besonderes Schmankerl – ein Interview mit dem schönen Titel „Der Arbeit den Krieg erklären“. Ganz toll!

Na gut, nach Rosa Luxemburg ist Freiheit auch immer die Freiheit der Andersdenken. Aber irgendwie möchte man Meister Korte schon fragen, ob er das, was er sagt und drucken lässt, eigentlich ernst meint. Für den Fall einer Ja-Antwort wäre die Folgefrage nach dem Paralleluniversum, in dem er die meiste Zeit seines 29 Lenze währenden Lebens verbracht hat, naheliegend.

Die meisten Menschen, zumindest die, die auf dem Planeten Erde leben, haben andere Sorgen. Stellen wir uns ein fiktives Ehepaar vor: er Busfahrer, sie Friseurin, zu Hause haben sie zwei Kinder, die sie versorgen müssen. Das Paar träumt sicher auch vom „guten Leben“. Deren Traum sähe wohl ganz anders aus. Eine Reise nach Mallorca, ein eigenes Haus, ein größeres Auto, eine gute Schule für die Kinder – das alles stünde möglicherweise auf der Agenda. Für Herrn Korte wäre das wohl alles bäh! – viel zu piefig, mainstreamig und angepasst.

So läuft das nicht

Aber, junger Freund, mindestens 50 Prozent der Menschen arbeiten nicht, weil sie so karriereorientiert sind, wie Sie es annehmen, sondern weil sie schlicht und ergreifend das Geld brauchen, das sie für ihre Arbeit bekommen. Hier dürften Sie entgegnen: Vater Staat soll dafür sorgen, dass jeder faul sein kann. Strom kommt ja schließlich aus der Steckdose – und Geld nimmt man entweder den Reichen ab – oder man druckt es! Aber so läuft es nicht. Der Faulheitstraum ginge spätestens dann zu Ende, wenn das Geld der anderen zu Ende geht. Irgendwie muss ein System aber am Laufen gehalten werden – und irgendeiner muss die Rechnungen bezahlen, die so oder so geschrieben werden.

Kommen wir einfach zu unserem fiktiven Paar zurück, für das es auch Schöneres gibt, als täglich acht Stunden am Lenkrad zu sitzen oder im Stehen Haare zu schneiden. Was würde passieren, wenn diese Menschen auch ihr „Recht auf Faulheit“ einforderten? Es kämen nicht nur ein paar Leute weniger von A nach B – während andere vielleicht unfreiwillig langhaarig herumlaufen müssten. Vor allem blieben zwei Kinder mit ihren Zukunftschancen auf der Strecke, deren Lebenstraum vielleicht nicht faul zu sein ist, sondern die lieber – wie das Filmkind von Ingo Naujocks in der Versicherungswerbung – einmal „Spießer“ mit Haus und Garten werden möchten. Aus all diesen Gründen sollte man Ihr Magazin, Herr Korte, de facto „als Anleitung zum Asozialsein“ abtun.

Unsere Gesellschaft lebt davon, dass sie arbeitsteilig organisiert ist. Krankenkosten, Renten sowie Sozialleistungen können nur bezahlt werden, weil die entsprechenden Kassen durch die Steuermittel, Gebühren sowie Beiträge von – aus Ihrer Sicht wohl dummen oder karrieregeilen – arbeitenden Menschen gefüllt werden. Aus diesem Grund ist unter anderem die Lebenserwartung höher als jemals zuvor in der Geschichte, muss sich niemand bei Verlust seines Arbeitsplatzes vor dem Absturz ins Bodenlose fürchten. Ist das nicht doch ein anerkennenswerter gesellschaftlicher Fortschritt?

Ohne Moos nix los

Lieber Herr Korte, bitte denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal auf dem Zahnarztstuhl sitzen oder von der Rente Ihrer – hoffentlich noch lebenden – Oma ein Eis bezahlt bekommen: Viele „Idioten“, die täglich arbeiten gehen und ihre Zeit am Schreibtisch oder in einer Fabrikhalle verschwenden, zahlen diese Benefits. Übrigens, in unserem Staat gibt es längst ein „Recht auf Faulheit“. Niemand zwingt Sie, zu arbeiten oder ein neues Magazin zu gründen. Es ist Ihre private und persönliche Entscheidung. Sie müssen nur bereit sein, die Konsequenzen Ihres Handelns selbst tragen. Fair enough!

Denken Sie an Gunter Sachs. Als Millionenerbe war er locker in der Lage, den Jet-Set zu genießen und seine Begleiterinnen je nach Laune oder angesagter Haarfarbe zu wechseln. Wenn ihm das Dolcefarniente zu langweilig wurde, versuchte er sich als Fotograf, Astrologe oder sonst irgendwie als Künstler. Aber wie gesagt, Herr Korte, der Sachs hatte das nötige Kleingeld. Andere, nicht so vom Erbglück gesegnete Menschen, sollten Sie nicht in Versuchung zum Nichtstun führen.

Ok, ein Harald Schmidt hat nach über einem Jahrzehnt täglicher Late-Night-Unterhaltung auch ein „Recht auf Faulheit“ für sich in Anspruch genommen – und die Showzügel schleifen lassen. Ein Lothar Matthäus kann ebenfalls ausgiebig faul sein – zumindest, was den nicht partnerschaftlichen Teil seines Lebens betrifft. Allerdings verzichtet „Loddar“ ja eher unfreiwillig auf Arbeit; offenbar denkt gerade kein halbwegs erfolgreicher mitteleuropäischer Verein daran, die Trainerkünste des einstigen Ausnahmekickers für sich nutzbar zu machen. Aber, Herr Korte, auch die Herren Schmidt und Matthäus dürften sich diese Auszeiten leisten können, immerhin haben sie früher etwas geleistet.

Es gilt im richtigen Leben seit Urzeiten eine Erkenntnis, die Gretchen in Goethes Faust treffend auf den Punkt gebracht hat: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Ach wir Armen!“ Auch ein Jan Korte samt „transform“-Magazin wird daran nicht viel ändern.

Im „Zeit“-Interview gibt Meister Korte ja indirekt zu: Ohne Moos nix los! Ohne Geld auch kein famoses „transform“-Magazin. Minimum 5.000 Euro braucht er, um ein paar Tausend Exemplare davon drucken zu lassen. Bezahlen sollen es Freunde und Spender – am besten per Crowdfunding im Internet. Nur: auch dieses Geld fällt nicht wie Manna vom Himmel. Entweder ist es erarbeitet, ererbt, geschenkt oder gestohlen. Seinen Ursprung hat es aber auf jedem Fall in einer – von Korte so negativ konnotierten – wirtschaftlichen Transaktion.

Nur sollten wir Herrn Korte den Spaß mit seiner Zeitschrift lassen. In einer Demokratie gibt es alle Male das Recht, Unsinn von sich zu geben. Zu hoffen bleibt indes, dass sich die Aufmerksamt für die weltfremden Faulheitsbotschaften in Grenzen hält. Aber spätestens, wenn die Zeiten in Deutschland wirtschaftlich wieder rauer werden, sind Kortes Erzählungen nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem sie zu gedruckt sind. Dann kann er endlich – ganz ohne Magazin – richtig faul sein.

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