Eine schuldenfreie Wirtschaft ist beinahe eine Utopie. John Lanchester

„Die Kirche hat der Seele des Papstes Schaden zugefügt“

War Benedikts Rücktritt konsequent, weil er alt und krank ist? Vatikan-Experte Andreas Englisch hat den Rücktritt des Papstes lange erwartet und widerspricht im Gespräch mit Roderick Panchaud und Sebastian Pfeffer der deutschen Lesart: Denn der Papst war einsam und seelisch versehrt.

The European: Herr Englisch, Sie haben die Tage des Rücktritts in Rom unmittelbar erlebt. Wie war die Stimmung in der Stadt?
Englisch: In solchen Situationen wird den Leuten immer klar, dass Rom etwas Besonderes ist. Viele, die über den deutschen Papst gemeckert haben, sind jetzt auch ein bisschen traurig. Es ist eine Zäsur, alle haben das Gefühl, es sei etwas zu Ende gegangen.

The European: Können Sie uns ein typisches Gespräch, eine typische Begegnung mit den Menschen beschreiben?
Englisch: Meine italienischen Freunde haben sich immer darüber lustig gemacht, dass ich sehr pünktlich bin. Jetzt sagen sie: „Deinen Schutzheiligen der deutschen Tugend, den gibt es nicht mehr. Du musst jetzt anfangen, italienischer zu werden – der Papst ist kein Deutscher mehr, die Welt wird wieder freier.“

The European: Also macht man sich über den Papst lustig?
Englisch: Das war die ganze Zeit so. Viele haben über den Akzent gelacht, mit dem Benedikt XVI. gesprochen hat. Sein Lieblingswort „gioia“, Freude, hat er immer derart komisch ausgesprochen, dass die halbe Stadt auf dem Boden gelegen hat vor Lachen. Die Leute sind mit den Kindern zu den Audienzen auf dem Petersplatz gegangen, nur um darauf zu warten, dass er dieses Wort sagt.

„Sein Rücktritt war typisch deutsch“

The European: Der Papst als Deutscher steht also im Mittelpunkt?
Englisch: Ja, vor allem, weil sein Rücktritt in den Augen der Römer so typisch ist. Deutsche werden als unglaublich konsequent wahrgenommen. Konsequenz ist hier aber keine Tugend. Man macht mal das eine und mal das andere und findet: „Das ist doch kein Problem!“ Dass dieser Mann dann so „konsequent“ ist und zurücktritt, anstatt einfach kürzerzutreten und weniger Auftritte zu absolvieren, das wird nicht verstanden.

The European: Kein Wunder also, wenn die Deutschen den Rücktritt mehrheitlich positiv interpretieren?
Englisch: In Deutschland hat kaum jemand das Entscheidende kapiert. Die Deutschen – wie auch Angela Merkel – fixieren sich auf den Gesundheitszustand und sagen, deshalb habe er sich verantwortungsbewusst verhalten. Das ist totaler Blödsinn.

The European: Warum?
Englisch: In Deutschland sind alle nur auf den ersten Grund des Papstes, die Gesundheit, eingegangen. Er hat aber zwei Gründe genannt. Der erste war der offensichtliche, der zweite aber der wichtige, geradezu ein unglaublicher: der Schaden seiner Seele! Johannes Paul II. hätte solch einen Satz nie gesagt. Das ist die wirkliche Geschichte dieses Rücktritts: Die Einsamkeit in der Kirche hat seiner Seele Schaden zugefügt. Der Mann konnte nicht mehr.

The European: Eigentlich ist es doch das Anliegen der katholischen Kirche, sich um die Seelen der Menschen zu kümmern. Wie kann es kommen, dass sie genau darin bei ihrem obersten Hirten versagt?
Englisch: Ganz einfach, weil sich niemand mehr vor ihn gestellt hat. Entscheidungen, die er für richtig hielt, wurden nicht mitgetragen. Das, wofür Ratzinger stand, konnte sich in der Kirche nicht durchsetzen. Die Selbstverständlichkeit „die Kirche steht hinter ihrem Papst“ stimmte nicht mehr. Johannes Paul II. ist auch nicht im hohen Alter Papst geblieben, weil er das so klasse fand. Aber um ihn haben sich alle geschart, als er alt und krank war. Ihm wollten sie das Leben so erträglich wie nur möglich machen. Da war Joseph Ratzinger dabei, da hat er erlebt, wie man einen Papst unterstützen kann. Und er wusste, was es bedeutet, wenn das nicht passiert. Noch mal: Dieser Papst war ein furchtbar einsamer Mann.

The European: Hat er dazu auch selbst beigetragen?
Englisch: Natürlich. Er hat einen einsamen Regierungsstil gepflegt. Johannes Paul II. hatte noch eine Art Diskussionsrunde, um zu regieren. Joseph Ratzinger hat sich in sein Zimmer gesetzt und alles ganz alleine entschieden. Weil er so ist: ein Charakter, der ungern auf Menschen zugeht.

„Gott wählt den Mann aus“

The European: Das war bekannt, Ratzinger wurde gegen seinen Willen gewählt. Ist das nicht abstrus, ihn dann im Nachhinein nicht zu unterstützen?
Englisch: Das ist ein tragischer Moment der Geschichte, das kann man nicht anders sagen. Es war einfach eine Fehlentscheidung.

The European: Wo war die Bruchstelle zwischen Kirche und Papst?
Englisch: Es gab Tausende von Streitereien, im Grunde aber geht es um einen entscheidenden Punkt: der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Ratzinger hielt es für richtig, Geschiedene, die erneut heiraten, von den Sakramenten auszuschließen. Diese Linie wollte er um jeden Preis durchpauken und hat sich darüber mit der deutschen Bischofskonferenz und vielen befreundeten Bischöfen total zerstritten. Als die internationale Bischofskonferenz im Oktober 2012 ebenfalls sagte: „Das wollen wir nicht mehr“, hat Ratzinger gemerkt, dass sich seine Vorstellungen nicht mehr durchsetzen ließen.

The European: Tut die Kirche deshalb offiziell so, als sei nichts Weltbewegendes passiert? Sie behauptet ja, dass der Rücktritt völlig den Regularien entspreche. Warum diese Beschwichtigungsrhetorik, warum nicht Klartext: „Die Kirche steht vor einem Umbruch.“
Englisch: Weil das Geschehene für die katholische Kirche ein Desaster ist. Wissen Sie, dieses ganze „das war ein verantwortungsvoller Schritt und die Kirche geht in die Moderne“ sieht in der Kurie kein Mensch so. Im Gegenteil. Dort sagen sie: „Das ist eine Katastrophe, was der Deutsche da gemacht hat.“

The European: Warum?
Englisch: Ganz pragmatisch gesehen, wird von jetzt an jeder Papst der Frage ausgesetzt sein, ob er sein Amt noch ausführen kann …

The European: … und früher oder später wird von einem Papst der Rücktritt gefordert werden?
Englisch: Natürlich! Das war früher gar nicht denkbar. Ein Papst ist nach der Doktrin der katholischen Kirche nicht von Menschen gewählt. Der Heilige Geist beseelt die Kardinäle – Gott wählt den Mann aus. So einfach ist das. Und deswegen kann er auch nicht einfach gehen, wenn es ihm passt.

The European: Bezüglich der Nachfolge haben Sie kürzlich gesagt: „Es wird einen Krieg geben.“ Beschreibt diese martialische Wortwahl wirklich das, was in der Kirche jetzt vor sich geht?
Englisch: Ja, denn es geht um eine epochale Entscheidung: Kann dieses System, das es tausend Jahre gegeben hat und das darin bestand, einen fähigen italienischen Kardinal zum Papst zu befördern, überleben? Diese Frage stellt sich genau jetzt: Johannes Paul II. hat die Weltkirche geöffnet und revolutioniert, hin zu einer globalen, nicht-italienischen Kirche. Er war als historische Figur aber gewissermaßen eine Ausnahme, die funktioniert hat. Dann kam Ratzinger, der im Grunde nur gewählt wurde, weil man einen Papst wollte, der Johannes Paul II. so ähnlich wie möglich ist. Wenn jetzt wieder kein Italiener Papst wird, muss man davon ausgehen, dass das System der italienischen Kirche aufgehört hat zu existieren.

„Als einfacher Priester wäre Benedikt glücklicher geworden“

The European: Wo glauben Sie, sollte der nächste Papst herkommen?
Englisch: Der kanadische Erzbischof Marc Ouellet ist ein unglaublich guter Mann, hat aber kaum Chancen, sich in der Konklave durchzusetzen. Der wäre eine perfekte Wahl. Sein Gegenspieler ist der ultrakonservative Angelo Scola aus Mailand – und ich fürchte, der wird es.

The European: Ist das Ganze reine Machtpolitik, oder geht es dabei auch um Gott und Glaube?
Englisch: Sie werden es vermutlich nicht glauben, aber die meisten, die da um die Macht balgen, tun das, weil sie davon überzeugt sind, dass Gott es von ihnen verlangt.

The European: Und welche Wirkung hat dieser Machtkampf auf die Kirchenmitglieder?
Englisch: Das wird auf die meisten Katholiken keinen großen Eindruck machen. Das passiert ja seit 2000 Jahren.

The European: Zum Schluss, was bleibt von Benedikt XVI. in Erinnerung?
Englisch: Dass es ihm gelungen ist, mit extremem Einsatz den Missbrauchsskandal einzudämmen. Für die Vorfälle konnte er nichts, er hat sich immer für ein härteres Durchgreifen eingesetzt. Selbst zu den Opfern zu gehen, zu Menschen, die ein völlig zerstörtes Leben haben und sich bei ihnen zu entschuldigen – das war wirklich groß.

The European: Wäre Joseph Ratzinger besser ein einfacher Priester geblieben?
Englisch: Glücklicher geworden wäre er damit ganz bestimmt.

Aus nächster Nähe schildert Andreas Englisch den Wandel des Joseph Ratzinger vom konservativen Präfekten der römischen Glaubenskongregation zum weltoffenen Papst. Das Buch „Benedikt XVI.“ erschien 2011 im C. Bertelsmann Verlag.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Hans Küng: „Ich habe Sympathien für den Menschen Joseph Ratzinger“

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