Die Sehnsucht nach Freiheit hat die Angst der Menschen schrittweise besiegt. Joachim Gauck

Der Geist von Köln

Wer die Verbrechen in der Silvesternacht verstehen will, muss die Geisteshaltung verstehen, die sie ermöglicht hat.

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Wie konnte das passieren – fragen sich das Land und die zivilisierte Welt. Ich kann die Verwunderung nur begrenzt nachvollziehen. Angela Merkel hatte erst im September angekündigt, dass die Flüchtlingskrise Deutschland verändern wird. Hat jemand daran gezweifelt, dass sie es ernst meinen könnte? Zudem müssen unzählige Frauen das, was an Silvester in der Öffentlichkeit des Kölner HBFs geschah, bereits seit Monaten in den Asylbewerberheimen erleiden. Darüber wird nicht mehr berichtet, aber dass die Zustände von dort irgendwann auf den Rest des Landes überschwappen mussten, erscheint nur logisch.

Das Denken analysieren

Viel wurde darübergeschrieben, was konkret in der Silvesternacht passiert ist, warum es genau dann passieren konnte und was für konkrete politische Konsequenzen daraus folgen könnten. Wichtiger, da fundamentaler, scheint es mir zu sein, das Denken zu erkennen, das zu Köln geführt – und damit meine ich nicht das Denken der Männer, die dort ihr Unwesen trieben.

Vor einigen Wochen beobachtete ich in der Münchner U-Bahn folgende Szene: Eine junge Frau begleitete ein halbes Dutzend männliche Asylbewerber, die dem Aussehen und der Sprache nach zu urteilen aus Ostafrika stammten, zu deren Unterkunft. Die Männer waren von der Begleitung durch eine weiße, unverhüllte Frau offenbar so angetan, dass sie ihre Freude durch ein kleines Spiel ausdrückten: Einer von ihnen stellte sich in der mäßig gefüllten U-Bahn eng neben die Begleiterin, näherte sich ihrem Gesicht immer mehr bis auf Haaresbreite und verharrte dann dort, so dass sie zweifellos in den Genuss kam, seinen Atem auf ihrer Haut zu spüren. Abstand wurde erst dann wiederhergestellt, als die Bahn eine Bremsung vollführte und die Passagiere kurzfristig aus dem Gleichgewicht gerieten. Dies wiederum wurde aber sofort genutzt, um der Begleiterin durch Körperkontakt zur Hilfe zu eilen. Die unbeteiligten Männer aus der Gruppe beobachteten die Grenzen austestende Mutprobe ihres Landsmannes mit großen Augen und breitem Grinsen.

Eigentlich erschien mir dies als eine gute Gelegenheit, die Herren freundlich, aber bestimmt über gewisse Sitten und Gebräuche unseres Landes aufzuklären. Von diesem Vorhaben ließ ich jedoch wieder ab, als ich der Reaktion der Begleiterin auf die sexuell konnotierte Belästigung ihrer Person gewahr wurde: Es gab keine. Weder stieß oder schob sie den Belästiger weg, noch entzog sie sich seiner Nähe. Sie machte ihm auch nicht durch Blicke oder Worte klar, dass sein Verhalten unangemessen war. Nun könnte man vermuten, dass ihre Reaktion aus Angst vor körperlichen Reaktionen anderer Gangart ausblieb. Allerdings bat die Begleiterin auch weder mich, noch sonst jemanden in der U-Bahn um Hilfe, weder mit Worten, noch mit Blicken. Stattdessen starrte sie stumm auf ihr Smartphone. Sie ließ die Belästigung einfach über sich ergehen. Erlöst wurde sie vorerst, als die Bahn den Bestimmungsort der Asylbewerber erreicht hatte und sie mit ihnen ausstieg. Darüber, welche Szenen sich dann erst im Heim, also abseits der Öffentlichkeit, zwischen Betreuerin und Betreuten abspielten, möchte ich nicht spekulieren.

Linke sehen sich weiterhin als die guten Menschen

Der Anblick dieser Entwürdigung machte mir klar, dass es nichts gab, was ich hätte tun können – man kann jemandem seine Würde nicht zurückgeben, der sie ohne Zwang und ohne Widerstand schon aufgegeben hat. Außerdem hatten mir linke Parteien und Kommentatoren in den vergangenen Monaten oft genug erklärt, dass ich mich als Nicht-Linker sowieso nicht glaubwürdig für die Rechte der Frauen einsetzen könne, da es mir am notwendigen moralischen Unterbau fehle („Es ist Zeit, den verlogenen angeblichen Ängsten vor “Jungen Männern mit Bedürfnissen” klar entgegen zu treten.“, Zitat Frank Stauss). Denn schließlich lehne jeder Nicht-Linke die Homo-Ehe ab und sehe die Vergewaltigung in der Ehe nicht so kritisch. Von daher ich habe mich also sogar buchstabengetreu an den mir zugedachten Moralkodex zugehalten. Dieser Kodex dient zwar nicht der Würde der Frau, aber immerhin privilegiert er die Linken dazu, sich weiterhin als die guten Menschen zu sehen und zu lieben.

Unsere Gesellschaft bahnte Weg für Köln-Mob

Was aber ging wohl im Kopf der erwähnten Begleiterin vor? Eine weitere junge Frau, jetzt ebenfalls in der Flüchtlingshilfe aktiv, berichtete mir von ihren Erfahrungen in einem Entwicklungsland. Dort hatte ein Einheimischer sie, wie es eine gängige Masche ist, geschickt emotional manipuliert, um dann Geld und auch andere Gefälligkeiten von ihr zu erhalten. Sprich, sie war Opfer eines Vertrauensmissbrauchs übelster Sorte geworden. „Aber“, so sagte sie dann, „die machen das ja nur, weil sie arm sind und daran bin ich durch den Klimawandel auch mitschuldig.“ Diese Umkehrung der eigenen Opfer- in die Täterrolle erfolgte durch eine Frau, die sonst aus dem Effeff erklären konnte, warum weiße Hetero-Kapitalisten für die Übel der Welt verantwortlich waren.

Aus diesen beiden Begegnungen sollen keine Allgemeinaussagen über Asylbewerber oder über Hilfe leistende Bürger abgeleitet werden. Sie machten mir allerdings eines deutlich: Es ist nicht der Mob vor dem Kölner Hauptbahnhof, der das Land demütigt und an den Rand des Kollapses bringt. Er ist nur das Produkt derer, die ihm aus unserer Gesellschaft heraus den Weg bereitet haben – derjenigen, die unsere Gesellschaft für ihren Wohlstand und ihre von Frauen und Männern erkämpften Werte verachten und die auch für sich selbst als Teil dieses Landes Verachtung empfinden. Stolz und Zufriedenheit erleben sie nur dann, wenn es ihnen gelingt, auch die Würde anderer zu sich hinunterzuziehen, damit sie nicht allein die unverdiente Strafe für die unverdiente Schuld empfangen müssen. Bekanntlich fühlt sich jeder Sünder in der Gesellschaft anderer Sünder sofort wohliger. Deshalb kann dieser Menschenschlag gar nicht anders, als darüber zu spekulieren, ob die Opfer von Köln, die auch ihre Opfer sind, nicht vielleicht doch Täterinnen gewesen sein könnten. Es geht ihnen dabei offensichtlich nicht um das Wohlergehen von Frauen oder von Flüchtlingen – es geht ihnen ausschließlich um sich selbst.

„Schaut bloß nicht auf die Täter“

Wenn man diese lebensverachtende und entwürdigende Geisteshaltung erst einmal erkannt hat, fällt einem auf, wie klein, ängstlich und schwach sie doch eigentlich hinter ihrer häufig anzutreffenden narzisstischen Fassade der Arroganz und Selbstgerechtigkeit ist. Als man das Land den Vertretern dieser Moral überschrieben hat, was erwartete man damit Gutes zu bewirken? Gerade jetzt zeigen ihre Relativierungen, ihr Verschweigen und ihre Aufrufe, das Hauptaugenmerk bloß nicht auf die Täter zu richten, im Grunde doch eines: Hinter ihren #aufschreien standen nie irgendwelche universellen und überlebensfähigen Werte, die sie verteidigen würden oder könnten. Es war ihnen niemals ernst damit. Umso schlimmer, dass sie jemals ernst genommen wurden.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Sebastian Kurz, Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), Vera Lengsfeld.

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