Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft. Gerhard Schröder

„Europa befindet sich zwischen zwei Stufen einer Leiter“

Europäische Politik darf nicht nach Brüssel ausgelagert werden – das ist die These des US-Soziologen Amitai Etzioni. Mit Martin Eiermann sprach er über europäische Öffentlichkeit, modernen Liberalismus und die Suche nach dem Sinn des Lebens.

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The European: Sie sind gebürtiger Deutscher und Wahlamerikaner. Wenn Sie heute über den Atlantik auf die europäische Politik blicken, was denken Sie dann?
Etzioni: Ich schaue mir Europa nicht als Amerikaner an, sondern als ein Soziologe, der sich seit Langem mit der EU beschäftigt. Heute sehen wir dabei zu, wie Europa einen tragischen Fehler begeht: Die Entwicklung geht hin zum politischen Zentralismus, ohne dass gleichzeitig eine europäische Gemeinschaft geschaffen wird. Das Problem ist, dass sich Nationalstaaten nicht einfach Bedingungen von außen aufoktroyieren lassen – es sei denn, sie fühlen sich Strukturen wie der EU loyal verpflichtet.

The European: Europäische Politiker würden Ihnen antworten, dass in der Krise ein entschlossenes Handeln notwendig ist. Es geht darum, das Fundament der EU zu festigen, nicht um demokratische Reformen und die Mitsprache der Nationalparlamente – ansonsten gibt es in einem Jahr vielleicht keine Gemeinschaft mehr, zu der man sich bekennen könnte.
Etzioni: Ich rede hier weniger von einem Demokratiedefizit als von einem Gemeinschaftsdefizit. Die Frage zielt auf Loyalität ab: Um wen sorgen wir uns? Westdeutschland hat in den letzten zwanzig Jahren kontinuierlich den Osten mitfinanziert, ohne dass dies für größere Kontroversen gesorgt hätte. Beide Landesteile sind Teil der gleichen Gemeinschaft. Kein Staat wird ein vergleichbares Opfer für Menschen bringen, die er nicht als Teil dieser Staatengemeinschaft ansieht.

The European: Was schlagen Sie vor?
Etzioni: Die Krise Europas kann nicht durch mehr Zentralismus gelöst werden. Entweder müssen Sie den nächsten Schritt gehen und eine politische Union zimmern, oder Sie müssen Ihre Ambitionen zurückschrauben. Ich bin kein Freund von Schnellschüssen. Die Unterstützung für den Euro geht ohnehin immer weiter zurück; nur ein Drittel der Europäer stand laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage noch hinter der Gemeinschaftswährung. Wenn mir jetzt jemand sagt, dass wir den Status quo um jeden Preis verteidigen müssen, kann ich nur mit dem Kopf schütteln. Das ist so, als ob Sie sagen: „Ich brauche eine Milliarde. Gib mir das Geld!“ Es ist kein rationales Argument, sondern eine schlichte Forderung. Trotzdem ist die EU nicht notwendigerweise verloren. Ein Ansatz wäre, durch Volksbegehren eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen. Nehmen Sie die Zuwanderungspolitik als Beispiel: Verschiedene EU-Staaten haben sehr unterschiedliche Richtlinien. Ich würde daher ein Referendum durchführen: Unter welchen Bedingungen sollten wir Ausländer in die EU aufnehmen? Das Ergebnis wäre verbindlich für alle EU-Staaten. Man könnte ähnliche Referenda auch zur Haushaltskonsolidierung durchführen. Diese Methoden zwingen uns, miteinander zu reden, weil wir gemeinsame Entscheidungen treffen müssen.

The European: Gemeinschaft basiert oftmals auf einer gemeinsamen Geschichte, auf gemeinsamen Werten und Traditionen. Gibt es einen solchen Zusammenhalt auf europäischer Ebene? Bis ins 20. Jahrhundert waren sich viele der heute verbündeten Nationalstaaten spinnefeind.
Etzioni: Ein gemeinsamer Narrativ ist wichtig. Es gibt zwei bestehende Narrative für die EU, aber beide haben ihre Strahlkraft eingebüßt. Die EU ist die erste wirkliche Staatengemeinschaft: Nach Jahrhunderten des Krieges haben die Staaten Europas einen einmaligen, dauerhaften Frieden geschmiedet. Wie beeindruckend! Und Europa hat es geschafft, die Balance zwischen Kapitalismus und sozialen Fragen zu finden. Die Idee der sozialen Marktwirtschaft ist die zweite große Errungenschaft Europas. Darauf müssen wir wieder aufbauen. Momentan stehen wir leider zu sehr unter Zeitdruck für solche Ideen. Wenn ich von Referenda spreche, geht es nicht um die Abstimmungen als solche, sondern vielmehr darum, uns zum Dialog über Politik und Werte zu zwingen. Wichtige Entscheidungen sollten wir nicht den Experten und Politikern in Brüssel überlassen. Wir alle sind ein Teil des Dialogs! Und je mehr wir dazu gezwungen werden, politische Entscheidungen zu treffen, desto mehr müssen wir uns zu europäischen Themen informieren. Auf dieser Basis können sich dann wieder gemeinsame europäische Werte herausbilden.

The European: Sie haben die sinkende Unterstützung für den Euro erwähnt. Wenn man wirklich die Bürger der EU nach ihrer Meinung befragt, dürften die Überlebenschancen für die EU relativ niedrig liegen …
Etzioni: Es ist falsch, entscheidende Fragen aus Angst vor der möglichen Antwort zu vermeiden. Dieser Ansatz trägt aktuell zur Zerstörung der EU bei! Bis zu einem bestimmten Punkt kann die Politik die Menschen durch Sprache manipulieren, aber das ist vorbei. Die Zeit für Spielereien ist vorbei. Jetzt müssen wir uns endlich auf die Menschen einlassen und überzeugend argumentieren. Wenn wir nicht genügend Menschen vom europäischen Gedanken überzeugen können, müssen wir das Rad zurückdrehen. Ich glaube, weniger EU ist aktuell wahrscheinlicher als weitere Integration.

The European: Welche Argumente sind überzeugend? Emotionale Plädoyers für eine europäische Gemeinschaft oder rationale Argumente zu Vor- und Nachteilen der EU?
Etzioni: Das kollektive Interesse Europas ist der Frieden. Man könnte also argumentieren, dass eine Abkehr von der EU zu mehr Nationalismus und Krieg führen würde. Es gibt auch ein wirtschaftliches Argument: Die deutsche Wirtschaft hat enorm von Exporten in EU-Staaten profitiert, und der europäische Markt hat von deutschen Investitionen profitiert. Wichtig ist es, dass wir nicht auf Basis nationaler Gefühle argumentieren, sondern die geteilten Interessen der Menschen innerhalb der EU betonen.

The European: Was ist falsch an nationalen Argumenten, wenn doch viele Menschen den Nationalstaat als Basis der Gemeinschaft ansehen?
Etzioni: Leider sind Nationen immer noch wichtig für unser Denken. Das ganze Gerede vom Ende der Nationalstaaten ist falsch. Aber wir haben einen einmaligen Moment in der Zivilisationsgeschichte erreicht: Als Deutschland im 19. Jahrhundert zum Nationalstaat wurde, war dieser Staat kein Zusammenschluss kleinerer Nationen, sondern basierte auf einem Sammelsurium aus Feudalzeiten. Heute leben wir in einer staatlich geprägten Welt – das große Experiment ist, ob man aus 27 Nationen eine Gemeinschaft zimmern kann. Das ist eine enorme Herausforderung, weil die Idee des Nationalstaates weiterhin so stark ist.

The European: Mit dem Unterschied, dass Sie ein Experiment jederzeit ohne Folgen abbrechen können.
Etzioni: Genau. Ein Abbruch des europäischen Experiments hätte weitreichende Folgen: Wir würden die Grenzen wieder dichtmachen, wir würden die Vorteile des europäischen Binnenraumes aufgeben, wir würden Europas Gewicht in der Welt verringern und weniger fähig sein, als Gegengewicht zu den USA, zu Russland oder zu China zu agieren. Es ist so einfach, die EU aufzugeben und die negativen Konsequenzen einer Kurzschlusshandlung zu übersehen. Wenn ich in einem Flugzeug sitze und der Motor ausgeht, springe ich ja auch nicht einfach ohne Fallschirm aus der Tür.

The European: Lassen Sie uns annehmen, dass wir die europäische Integration zurückdrehen müssen. Wie verändert sich das Gesicht Europas?
Etzioni: Europa befindet sich zwischen zwei Stufen einer Leiter. Es wäre wünschenswert, wenn wir den Schritt nach oben wagen und eine politische Union zimmern. Das ist schwierig – daher ist es wahrscheinlicher, dass wir einen Schritt zurück machen und bei der Situation landen, wie sie vor dem Zusammenwachsen der EU war. Nur stillstehen können wir nicht.

The European: Die Krise Europas ist eng verbunden mit der Schuldenkrise: die Staatsschulden steigen, die Bonität sinkt. Welche Lektionen können wir aus der Finanzpolitik der vergangenen Dekade ziehen?
Etzioni: Wir müssen den Kapitalismus regulieren. Wenn Sie glauben, dass der freie Markt national oder international für das größte Glück sorgt, täuschen Sie sich. Ich vergleiche den Kapitalismus oft mit Atomenergie: Wenn Sie einen sicheren Reaktor bauen, sind die Vorteile wunderbar. Aber sobald eine unkontrollierte Kettenreaktion einsetzt, wird Atomkraft zerstörerisch. Es gibt viele Aspekte unseres Lebens, die nicht von der Logik des Marktes erfasst werden können: Familienverbunde, Kirchen, Clubs, Vereine, Bildung, soziale Bewegungen, ethnische Gruppen, Freiwilligendienste, Altruismus, Sympathie. Die klassische Wirtschaftstheorie hat ein sehr oberflächliches Verständnis der Natur des Menschen. Liberale tendieren dazu, den Menschen als wirtschaftliches Wesen zu sehen. Aber die Wirtschaft ist kein selbsterhaltendes System, sondern Teil eines größeren Kontextes. Der Markt muss in das politische, soziale und moralische System eingebettet werden.

The European: Die Idee der Gruppenzugehörigkeit hat in Europa zu schrecklichen Verbrechen geführt. Die Friedensperiode seit dem Zweiten Weltkrieg war immer auch eine Zeit der liberalen Politik.
Etzioni: Gemeinschaften gibt es überall. Es ist falsch, anzunehmen, dass sie nur im kommunistischen China oder in den linken Demokratien Südamerikas existieren. Meine Kollegen aus der Wirtschaftswissenschaft kritisieren immer, dass deutsche Arbeiter zu wenig flexibel seien, dass sie nur ungern für einen Job umziehen. Sie sagen: Kapital ist mobiler geworden, also müssen die Arbeitskräfte auch mobiler werden. Nein, so funktioniert das nicht. Arbeiter wollen bei ihren Familien bleiben, bei ihren Vorfahren, bei ihren Freunden. Das ist auf der ganzen Welt so. In Südeuropa ist die katholische Kirche eine wichtige soziale Organisation; in Berlin leisten türkische Kulturzentren eine ähnliche Arbeit. Gemeinschaftlichkeit ist also nicht tot. Gruppen können unterdrückerisch werden, aber es gibt keinen Grund, warum sie nicht auch die Menschenrechte akzeptieren können.

The European: Sorgen Sie sich um sinkende Religiosität in Europa? Nicht, weil der Glaube an sich wichtig wäre, sondern weil Kirchen historisch eine wichtige soziale Funktion eingenommen haben?
Etzioni: Ich würde eher von Spiritualität reden. Religion ist eine Art, sie auszudrücken, Humanitarismus oder Neo-Romantik sind andere Möglichkeiten. Ich muss nicht in die Kirche gehen, ich kann stattdessen Goethe oder Kant lesen. Die Kirchen haben lange eine wichtige Rolle gespielt, aber sie sind nicht unersetzlich. Wichtig ist, dass sich der Sinn des Lebens nicht im Konsum erschöpft.

The European: Warum nicht? Das deutsche Wirtschaftswunder war auch ein Sieg der Konsumgesellschaft.
Etzioni: Konsum ist sinnfrei. Sie sind niemals zufrieden mit dem, was Sie haben. Die alte Idee, dass weniger auch mehr sein kann, stimmt immer noch. Bis zu einem bestimmten Punkt führt mehr Reichtum tatsächlich zu einem besseren Leben. Aber danach wird Konsum zum Hamsterrad: Ein neuer Fernseher kommt auf den Markt – den müssen Sie dann kaufen. Warum? Warum brauchen Sie ein neues Handy, oder ein schickes gepunktetes Handtuch? Wir machen uns zu Sklaven der Produktwelt. Einen Sinn gibt das unserem Leben trotzdem nicht.

The European: Was gibt Sinn?
Etzioni: Drei Dinge. Erstens die Beziehungen zu Familie und Freunden. Zweitens, spirituelle Beschäftigungen wie Lesen, Musik, Malen. Und Drittens politischer Aktivismus und Freiwilligenarbeit. Plato hatte recht, als er die Agora als zentralen Punkt des öffentlichen Lebens bezeichnete.

The European: Die Weihnachtszeit ist grade vorbei. Traditionell ist das immer eine Zeit für Spenden, für Altruismus und Wohltätigkeit gegenüber Mitmenschen. Oder, negativ formuliert: Wir kaufen uns frei von moralischen Zwängen.
Etzioni: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Einwanderer in den USA. Ihre Migrantengemeinschaft dort wird Sie aufnehmen, Sie werden Ihnen mit dem Englischlernen helfen und Ihnen sagen, wo Sie einkaufen können und einen Job finden. Wenn Sie traurig sind, finden Sie dort auch Trost. Das ist das, was wir als „soziales Netz“ bezeichnen. Es ist sehr wohltuend für beide Seiten. Ich rede also nicht vom Altruismus, sondern von gegenseitiger Hingabe. Sie helfen anderen Menschen und bekommen im Gegenzug auch Hilfe.

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