Geld regiert die Welt, da kann man nix machen - Daran glaube ich nicht. Franz Müntefering

Was, wenn nicht die Kunst, kann unangenehme Diskussionen entfachen?

Sie hilft Flüchtlingen, macht politische Kunst – und prompt wird sie angezeigt. Amelie Deuflhard erzählt im Gespräch mit Lisa Neal, weshalb sie weitermacht, was Kunst nicht darf und was es mit der ecoFavela auf sich hatte.

The European: Frau Deuflhard, wie kamen Sie auf die ecoFavelas?
Deuflhard: Meine Idee war das eigentlich nicht. Aber mal ganz von Anfang an.

The European: Gerne.
Deuflhard: Ich bekam eine Anfrage von Aktivisten rund um die Gruppe „Lampedusa in Hamburg“, ob ich nicht 40 Flüchtlingen ein Matratzenlager bereitstellen könnte. Das lag außerhalb meiner Kapazitäten. Aber ich wollte ein kleineres Projekt mit einer symbolischen Wirkung machen. Da kam die Gruppe Baltic Raw auf die Idee, aus dem hölzernen Nachbau der Roten Flora, der bereits im Garten des Kampnagel-Theaters stand, ein Winterquartier für sechs Flüchtlinge zu machen. Wir wollten nicht nur eine Unterkunft bieten, sondern den Bau zu einer sozialen Skulptur machen.

The European: Wie muss man sich eine soziale Skulptur vorstellen?
Deuflhard: Das ist eine Skulptur, die nicht zum Anschauen gedacht ist. Es ist vielmehr eine Skulptur, die zum Benutzen und Bewohnen einlädt. Der Nachbau, ab dann ecoFavela genannt, war unsere soziale Skulptur, die von den Flüchtlingen und Interessierten bespielt wurde. Soziale Skulpturen laden zur Auseinandersetzung mit einem sozialen Problem oder Missstand ein. So haben wir versucht, die Flüchtlinge in künstlerische Projekte und in die Nachbarschaft mit einzubinden.

The European: Hat das denn funktioniert?
Deuflhard: Auf jeden Fall. Es gab sehr viel Zuspruch von ganz unterschiedlichen Seiten. Am Anfang kamen die Leute einfach und boten ihre Hilfe an. Unser Publikum spendete, Künstler aus unserem Umfeld haben Deutschkurse angeboten oder haben die Flüchtlinge in ihre Projekte integriert.

Es gab nie den Anspruch, dass wir eine feste Bleibe für die Flüchtlinge etablieren

The European: Und was ist mit der ecoFavela passiert?
Deuflhard: Das Projekt wurde wie geplant im Mai beendet. Es war von Anfang an nur auf sechs Monate angelegt, immer gedacht als eine temporäre Intervention. Es gab nie den Anspruch, dass wir eine feste Bleibe für die Flüchtlinge etablieren. Die ecoFavela war unser Vorstoß in der Debatte, in der Flüchtlingsunterbringung auf gemeinschaftliches Wohnen zu setzen.

The European: Bei dem Projekt scheinen Kunst und Politik miteinander zu verschmelzen.
Deuflhard: Es war natürlich ein Kunstprojekt. Dennoch muss man sagen, dass soziale Skulpturen genau an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik stehen. Sie polarisieren und funktionieren gleichzeitig in diesen beiden Welten.

The European: Warum ist die Flüchtlingsproblematik in der Aktionskunst so präsent?
Deuflhard: Es geht um brisante Fragen, die sich eigentlich jeder zu stellen hat. Was, wenn nicht die Kunst, kann unangenehme Diskussionen entfachen? Es ist ja nicht bloß eine aktuelle, sondern auch eine Zukunftsfrage, wie wir mit Flüchtlingen umgehen.

Und Kunst darf sich in alles einmischen

The European: Die Kunst mischt sich gerne in die Politik ein, wenn aber die Politik sich in die Kunst einmischt, ist der Aufschrei groß.
Deuflhard: Die Kunst ist frei, das ist eines unserer Grundrechte. Die Politik darf sich nicht einmischen, solange etwas Kunst ist. Und Kunst darf sich in alles einmischen, solange es dabei Kunst bleibt, denn: Auch Kunst kennt Grenzen.

The European: Nämlich?
Deuflhard: Dort, wo man anfängt, anderen Menschen wirklichen Schaden zuzufügen und sie ihrer Freiheit zu berauben; da sind die Grenzen. Man kann zum Beispiel nicht einen Menschen für ein Kunstprojekt umbringen. Überschreitet man solche Grenzen, dann darf sich die Politik einmischen, aber nur dann. Da schmeckt es sehr bitter, wenn ich daran denke, dass ich von einem Parteivorstand wegen dieses Projekts angezeigt wurde …

The European: Sie spielen auf die Anzeige von AfD-Politikerin Karina Weber an. Was ist der aktuelle Stand?
Deuflhard: Die Anzeige lag sechs Monate lang „unbearbeitet“ bei der Hamburger Staatsanwaltschaft. Anfang Mai wurden Vorermittlungen aufgenommen. Der eine Anzeigenpunkt zur „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ wurde fallen gelassen. Der war auch völliger Quatsch, denn ich bekomme öffentliche Gelder, um Projekte zu produzieren, bin also exakt meinem Auftrag nachgekommen.

Der zweite Punkt wegen „Beihilfe zum Verstoß gegen das Aufenthaltsrecht für Ausländer“ wird sich sicherlich auch bald erübrigen. Man muss dazu sagen, ich habe bisher noch nichts von der Staatsanwaltschaft gehört. Mein Anwalt fragt da ab und zu mal nach, nur daher kenne ich den Stand.

Mit der Anzeige der AfD haben sich die Sorgen verstärkt

The European: War die Anzeige ein Affront der Politik gegen die Kunst?
Deuflhard: Es war jedenfalls kein Knick für das Projekt. Denn es hat die Wahrnehmung auf das Projekt stark verändert, sowohl von uns, den Bewohnern, den Künstlern und von der Stadt.

The European: Inwiefern?
Deuflhard: Als ich das Projekt beantragte, hatte ich eher Sorge, dass es politische Interventionen geben könnte oder die Polizei kommen würde, um die Flüchtlinge zu kontrollieren. Ich habe die Flüchtlinge nicht nach ihren Papieren gefragt, das empfand ich nicht als meine Aufgabe. Mit der Anzeige der AfD haben sich die Sorgen verstärkt. Nicht nur dass die Polizei kommen könnte, sondern auch, dass es Übergriffe aus der rechten Szene geben könnte. Heißt, das Projekt wurde riskanter, aber gleichzeitig stieg das öffentliche Interesse.

The European: Also war die Anzeige eher ein Affront gegen Sie persönlich?
Deuflhard: Es ist schon absurd. Ich wäre nicht auf die Idee gekommen, dass man mich persönlich wegen eines Kunstprojekts für illegale Unterbringung und Schlepperei anzeigen würde. Jeder weiß, dass alle Städte im Moment händeringend nach Flüchtlingsunterkünften suchen.

Ob es also ein positives Zeichen ist, dass mehr politische Kunst stattfindet, ist fraglich

The European: Aber Sie werden weiter an Projekten mit Flüchtlingen arbeiten?
Deuflhard: Na klar! Ich bin zwar weder Sozialarbeiterin noch politische Aktivistin, aber in meinem Feld, der Kunst, kann ich etwas tun. Ich beschäftige mich schon seit über zehn Jahren mit den Grenzen von Kunst und Aktivismus. Derzeit sehe ich in Bezug auf die Flüchtlingsthematik zwei große Themen: das eine ist Wohnen und das andere ist Arbeit. Denn Flüchtlinge haben es – trotz Aufenthaltsgenehmigung – unglaublich schwer, Wohnraum und Arbeit zu finden. Da gibt es in unserer Gesellschaft noch sehr viel verdeckten Rassismus.

The European: Gibt es heute eigentlich mehr politische Kunst als noch vor zehn Jahren?
Deuflhard: Mein persönlicher Eindruck ist, dass es heute mehr politische Kunst gibt, sowohl international und besonders in Deutschland. Man denke nur an das Zentrum für politische Schönheit …

The European: Woran liegt das?
Deuflhard: Eine Reihe von Künstlern hat sich zunehmend politisiert, Tendenz steigend. Was im Umkehrschluss allerdings auch bedeutet, dass es immer mehr Probleme gibt, in welche sich Kunst einmischen will. Ob es also ein positives Zeichen ist, dass mehr politische Kunst stattfindet, ist fraglich. Aber ich kann die Kunst auch nur begrenzt steuern, denn ich arbeite mit dem, was die Künstler einbringen.

The European: Wie geht es denn den Flüchtlingen der ecoFavela, wo leben sie jetzt?
Deuflhard: An unterschiedlichen Orten. Überwiegend leben sie nun in WGs. Es gibt viele Wohngemeinschaften, die einen Flüchtling bei sich aufnehmen und die Miete übernehmen. Über Crowdfunding-Projekte werden Gelder gesammelt und Unterkünfte für Flüchtlinge bezahlt. Mehrere der ehemaligen ecoFavela-Bewohner haben ein dreijähriges Visum bekommen. Viele der Aktivitäten, die sie im Rahmen der ecoFavela angefangen hatten, werden fortgeführt. Es ist zwar noch weit entfernt von einer kompletten Integration, aber es geht weiter.

The European: Was für Fortschritte können Sie noch ausmachen?
Deuflhard: Das Besondere an der „Lampedusa – Gruppe“ ist, dass sie sich nicht als stimm- und sprachlose Masse in ihren Heimen aufhalten. Sie machen etwas, sie melden sich zu Wort und haben eine politische Stimme entwickeln können. Die Gruppe fordert eine andere Behandlung und wir unterstützen ihre Forderungen. Sie wollen die Entscheidung über ihr Schicksal nicht anderen überlassen.

The European: Das klingt nach einem vorbildlichen Weg. Am Projekt ecoFavela wurde allerdings kritisiert, dass es nur dazu diente, das Kampnagel Theater noch bekannter zu machen.
Deuflhard: Kampnagel ist seit Jahrzehnten europaweit bekannt. Wir müssen keine soziale Notlage für unseren Nachruhm ausnutzen. Das war nicht das Anliegen und so etwas haben wir auch nicht nötig. Jedes wirklich interessante Projekt, was wir produzieren, macht Kampnagel natürlich bekannter. Sollen wir deshalb anfangen, schlechte Projekte zu machen?

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit Dieter Wedel: „Die Tarnkappe ist eine erotische Erfindung“

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