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„Solange wir Spaß haben, ist unser kulturelles Erbe egal“

Wieso sollte man Retro definieren, wenn es doch ständig im Wandel ist? Und braucht es überhaupt Innovation, fragt sich ­Punk Kabarett-­Sängerin ­Amanda Palmer.

The European: Frau Palmer, Sie haben 2000 die Dresden Dolls gegründet – eine Band, die nach ­eigener Aussage „Brecht’sches Punk Kabarett“ spielt und sehr von den 1920er-Jahren inspiriert ist. Was reizt Sie an der Vergangenheit?
Palmer: Als wir diese Band gründeten, war Nostalgie nicht unser Anliegen. Ich wollte nie, dass Leute zu unseren Konzerten kommen, weil sie denken, dass man da einen Hauch des Brecht’schen Berlins spüren kann. Brecht inspiriert mich und Punk und Kabarett waren die einzigen Wörter, die mir einfielen, um das zu beschreiben, was wir auf der Bühne veranstalten.

The European: Haben Sie einen persönlichen Bezug zu dem Wort Retro?
Palmer: Es mag paradox klingen, aber Retro ist ständig im Wandel. Das Retro der 1990er-Jahre ist ein anderers als das heutige. Ich weiß nicht, wie man ­Retro in der Weimarer Republik definiert hat, aber ich bin mir sicher, dass auch damals die Vergangenheit stilisiert und romantisiert wurde. Das ist Retro: das Verlangen nach einer vergangenen Zeit, die man sich im Kopf so zurechtrückt, wie es einem passt. Heute wünschen sich viele in die 1980er-Jahre zurück. Ich kann mich an damals erinnern und glauben Sie mir, die waren nun wirklich nicht besonders toll. Damals war ich ein unglücklicher Teenager, der sich in die 1960er-Jahre zurückwünschte. (lacht)

The European: Sie kennen dieses Verlangen nach der Vergangenheit also?
Palmer: Absolut! Menschen brauchen das auch. Wir romantisieren die Vergangenheit oder die Zukunft, weil es so kompliziert und unbefriedigend ist, im Hier und Jetzt zu leben. Vielleicht ist Fortschritt das Problem: Unsere Ideen und Herzen können mit der Geschwindigkeit des Lebens nicht mithalten. Wir hinken dem Leben hinterher, wir leben mit einem konstanten Jetlag. Deshalb fühlt es sich so gut an, in Gedanken die Zeit anzuhalten und in Nostalgie zu schwelgen. Wir glauben, dass wir dadurch die Realität verlangsamen können. Als Teenager stellte ich mir öfter vor, wie es wäre, in einer düsteren Bar im Berlin der Weimarer Republik zu sitzen und den Leuten beim Streiten über Politik zuzuhören. Das war ein Fantasiegemälde in meinem Kopf und das wollte ich mit meiner Musik anderen Leuten zeigen.

The European: So viel zum Kabarett. Wie steht es um Punk?
Palmer: Ich romantisiere Punk nicht so sehr wegen der Musik, sondern wegen der „Scheiß drauf“-Mentalität, die sehr weit vom Mainstream weg ist und sich nicht an beschissene Radiosongs klammert. Diese Mentalität ist auch heute noch wichtig. Es geht also um die Gegenwart, wenn auch mithilfe der Sprache der Vergangenheit.

The European: Es ist ironisch, dass der Leitspruch der Punk­bewegung „No future“ war, obschon gerade die Innovationskraft des Punk dafür sorgte, dass es eine Zukunft gibt. Heute glauben viele, wir ­hätten kulturell den „No future“-Punkt tatsächlich ­erreicht, weil uns nichts Neues mehr einfällt.
Palmer: Ich weiß nicht, ob ich da zustimmen kann. Es gibt immer noch Innovation, man muss nur etwas genauer hinschauen. Musik war stets Frage und Antwort auf die Prozesse der jeweiligen Zeit. Heute leben wir im Internet-Zeitalter und Musik beschäftigt sich stark mit den neuen Begebenheiten wie Downloading oder Streaming. Der Weg zum Ruhm ist schwerer geworden und deshalb bevorzugen es viele Künstler, auf das zu setzen, was schon früher Erfolg hatte.

The European: Retro als Zufluchtsort in stürmischen Zeiten?
Palmer: So kann man es sehen. Es ist aber auch leicht, sich in schlechter Popmusik zu verlieren, die seit Jahrzehnten exakt gleich klingt.

The European: Das Radioprogramm langweilt Sie?
Palmer: Das hängt natürlich vom Sender ab. Es gibt aber sogar im Hauptprogramm interessante Künstler wie Lady Gaga. Sie klingt nach Madonna mit mehr Beats. Sie fasziniert mich, weil sie exemplarisch zeigt, wie schnell der Zyklus geworden ist, wie schnell sich gewisse Dinge heute ändern müssen.

The European: Was zum Beispiel?
Palmer: Wenn du heutzutage die Aufmerksamkeit der Leute haben willst, reicht es nicht mehr, dein Aussehen alle sechs Monate zu verändern. Du musst es alle sechs Tage ändern. Das ist auch Innovation, aber eine sehr künstliche.

„Wer heute Gegenbewegungen finden will, muss tief graben“

The European: Glauben Sie, dass wir einen gesunden Umgang mit der Zeit haben? Es scheint manchmal, als würden wir entweder in Nostalgie schwelgen oder uns die Zukunft augenblicklich herbeiwünschen.
Palmer: Wir haben ein sehr ungesundes Verhältnis zur Zeit. Es ist ungesund, nur in der Vergangenheit oder in der Zukunft zu leben und die Gegenwart komplett auszublenden. Das heißt aber nicht, dass wir das ganze Retro-Ding verteufeln sollten.

The European: Hält es uns denn nicht davon ab, innovativ zu sein?
Palmer: Kunst – in welcher Form auch immer – existiert nicht der Innovation wegen. Kunst berührt uns, stimmt uns glücklich, nachdenklich oder traurig, spendet uns Trost. Dafür muss sie nicht innovativ, sondern nur authentisch sein. Schauen Sie sich doch den Anfang der Musik an: Leute saßen abends zusammen beim Feuer und der Dorfmusiker spielte Lieder, um sie zu unterhalten. Es ging darum, ein gemeinsames Erlebnis zu haben, die Musik diente einem utilitaristischen Zweck: der Zufriedenheit der Menschen. Die Musik war ein Ritual. Da wäre niemand aufgestanden und hätte den Musiker angeschnauzt: „Hey, du hast das verdammte Lied schon gestern gespielt, lass dir was Neues einfallen!“ Bei Retro ist es ähnlich. Was ist das Problem mit Retro, wenn es jedem gefällt?

The European: Wir sollten nicht auf Innovation pochen?
Palmer: Nein, das steht ja auch nicht im direkten Verhältnis zu Retro. Nur weil man etwas Altes mag, heißt das ja nicht, dass man die Innovation tötet. Man kann innovativ und retro zugleich sein. Nehmen Sie beispielsweise die 1960er-Jahre: Heute betrachten wir sie als äußerst innovativ und fortschrittlich, doch damals gab es viele Bands, die so taten, als seien sie eine Band aus den 1950er-Jahren. Nostalgie ist fester Bestandteil der Popkultur und deshalb vollkommen in Ordnung. Außer man glaubt tatsächlich, es ginge nur um Innovation.

The European: Innovation führte aber stets zur Entstehung ­
neuer Sub- oder Gegenkulturen. Ist Retro folglich nicht das Ende solcher Bewegungen?

Palmer: Es ist schwierig, eine Gegenkultur in einer Gesellschaft aufzubauen, die die Gegenkultur derart kommodifiziert hat und sie nach Ausverkauf aussehen lässt. Die Jugend von heute ist irritiert, weil sie nicht mehr weiß, wogegen eine Gegenkultur überhaupt noch ist. Vielen Bewegungen ist das Revolutionäre verloren gegangen. Wer heute noch Gegenbewegungen finden will, muss tief graben. Es gibt noch Gegenkultur, aber dieser wird nicht viel Beachtung geschenkt – wieso auch?

The European: Den Hippies der 1960er- oder den Punks der 1970er-Jahre schenkte man recht viel Beachtung.
Palmer: Weil es große, bedeutende Bewegungen waren. Heute gibt es nur noch kleine Gruppierungen und manche davon interessieren die Masse, weil sie teilweise schräge Vögel anziehen. Aber der Großteil der Gesellschaft interessiert sich nicht für diese Bewegungen. Das Internet hat das noch schlimmer gemacht.

„Instagram mit seinen Retrofiltern ist die perfekte Metapher für unseren Zeitgeist“

The European: Wie das? Simon Reynolds sagte, dass es gerade kleineren Bewegungen hilft, Aufmerksamkeit zu erregen.
Palmer: Schon, aber es gibt immer noch eine riesige Diskrepanz zwischen den Mainstreamtrends und diesen Nischentrends, was die Berichterstattung angeht. Die, die bereits viel Aufmerksamkeit haben, kriegen immer mehr, die anderen immer weniger davon. Die „Beliebers“ werden immer über die Nischenfans triumphieren – leider. Das Internet macht Megastars noch größer. Es ist ja keine Alternative zu den Hauptmedien, sondern ein Teil von ihnen. Und Medien berichten darüber, worüber ­jeder spricht, und nicht über obskure Minderheiten.

The European: Das Internet fungiert Ihrer Meinung nach als Türsteher der Kultur?
Palmer: Das Internet verflacht, vertuscht und versteckt vieles. Instagram mit seinen Retrofiltern ist eine perfekte Metapher für unseren Zeitgeist: Wir glauben, dass alles schöner aussieht, wenn man einen Retro­filter darüber legt. Der Retrofilter vertuscht die Mängel der Realität.

The European: Wie wird man in 20 Jahren auf diese Zeit ­zurückblicken?
Palmer: Als absolut wirres Kuddelmuddel. Aber man wird diese Zeit auch als Wendepunkt ansehen, als Anbruch des Internetzeitalters – so wie man heute die 1880er-Jahre als Anbruch des Industriezeitalters betrachtet. Man wird zurückblicken und denken: „Da fing jeder an durchzudrehen, weil das Internet zu viel Veränderung mit sich brachte.“

The European: Wird es nicht schwerfallen, zu beurteilen, was 2010er und was 1990er ist, weil der Retrotrend die Grenzen verwischt?
Palmer: Schwer zu sagen, aber ich glaube, es wird nicht so schwer, wie man vielleicht annimmt. Man weiß im Voraus nie, was bleibt und was verschwindet. Aber ich bin optimistisch, dass unsere Zeit eigene Trends hervorgebracht hat, an die man sich erinnern wird. Ich müsste aber Hellseherin sein, um zu sagen, was das sein wird. Selbst wenn man diese Zeit nicht für eigene Trends in Erinnerung behalten wird – was soll’s? Solange wir Spaß haben, ist unser kulturelles Erbe egal.

Übersetzung aus dem Englischen

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Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 3/2015 des gedruckten „The European“.

Unsere Titeldebatte: Wir haben jeden Bereich unserer Gesellschaft liberalisiert, nur die Drogenpolitik nicht. Der Ruf nach einer Revolution wird lauter.

Weitere Debatten: Schafft Deutschland die Industrie 4.0? Wie man sich an unsere Zeit erinnern wird. Geht die AfD zugrunde? Dazu Gespräche mit Noam Chomsky, Christopher Lauer, Wim Wenders.

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