Nichtwähler sind die eigentlich Staatsfrommen. Bodo Hombach

Frauen reduzieren sich selbst

Ob Musikvideo, rote Teppiche oder „Belfies“, die Kehrseite einer Frau macht sich überall breit. Mal brüllen alle „sexistisch“, mal werden freizügige Musikerinnen als Vorzeige-Feministinnen gefeiert. Über das empfundene Unverständnis der Feministen-Logik.

Halbnackte Frauen, spritzender Champagner und coole Gangster-Posen – die Basis für nahezu jedes Rap-Video der vergangenen 20 Jahre. Sexistisch sei diese Darstellung der Frau, als Objekt der männlichen Begierde herhalten zu müssen und auf die primären Geschlechtsmerkmale reduziert zu werden.

In den letzten Jahren jedoch scheint die Musikerin von heute das Kritisierte für sich selbst gezielt einzusetzen und das soll plötzlich nicht mehr sexistisch sein, da dies ja das Selbstbewusstsein einer Frau demonstriere.

Dank dieser verqueren Logik wird auch Beyoncé zur Vorzeigefeministin, die auf ihrer aktuellen Tour vor einem plakativen Feministen-Schriftzug innehielt und die Bedeutung dessen vom Band abspielen ließ. Dass sie dabei einen Hauch von Nichts trug und sich selbst somit auf ihren Körper reduzierte, schien von nun an nicht mehr zur Debatte zu stehen. Ihre Texte und ihr Bankkonto stünden schließlich für allumfassende Unabhängigkeit, ihre Mutterrolle für Power.

Frauenrechte und Gratwanderungen, so dünn wie G-Strings

Solch eine Art von feministischer Grundhaltung käme nach dieser Logik doch dann auch Nicki Minaj zugute, die in ihrem bereits wund geklickten Musikvideo zu „Anaconda“ mehr Po und G-String zeigt als alles andere. Da werden selbst die ermüdenden Texte, die von Bitches und Brötchen sprechen, zur Nebensache. Oder – etwa nicht? Wo fängt Sexismus an und wo hört Frauenrechtlertum auf? Warum ist es kritisierend und abwertend, wenn Männer Frauen als Objekt deklarieren und wie wird genau dies zum Top-Feministen-Beispiel, wenn die Damen es selbst tun? Eine schmale Gratwanderung, so dünn wie der G-String von Nicki Minaj, die sich mir nicht erschließt.

Warum regte sich alle Welt über die überzogen provokative Wandlung einer Miley Cyrus auf, wenn sie doch, laut der Theorie vieler, mit ihrem prallen Bankkonto, der knappen Kleidung und den sexuellen Posen einfach nur ihre Frau steht? Gibt es eine Art Emanzipationsbarometer, der darüber entscheidet, warum Frau drüber ist und wann nicht?

Unabhängigkeit und Gleichberechtigung unterschreibe ich ebenso, nur würde ich mich nie eine Feministin schimpfen. Warum? Weil dem Echo nach meine Texte zu sexistisch sind. Doch sind nicht gerade jene, die am lautesten „Sexismus“ brüllen, die, die mit ihrer „Alles, was gegen meine gesetzte Norm ist, ablehnen“-Einstellung am sexistischsten sind?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alissia Passia: „Alles wird für etwas gut sein“

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