Wie könnte die lang und hart erarbeitete Emanzipation von einem einfachen Roman à la „Rosemunde Pilcher trifft Vladimir Nabokov“ gefährdet sein, der verblümt wie das Tagebuch einer Pubertierenden die Gelüste und Sex wiedergibt? 540 Seiten verschnörkelte Schlägereien mit Zuckergussglasur und einer so bildhaften Darstellung einzelner Szenen, sodass auch jeder Kleingeist sich in die Situationen einfühlen kann. Ein Fest für jedes innere Luder und jede verklemmte Latte-Macchiato-Mutti, deren wilde Zeit im Schlafzimmer schon lange vorbei oder mit einer dicken Staubschicht versehen ist. Dass die Amerikanerinnen prüde sein sollen, wissen wir ja bereits, aber dass sich auch die deutschen Damen von solchen Frivolitäten mitreißen lassen, wer hätte das gedacht.
Überstunden bei der Domina
Wie mögen sie sich nur fühlen, wenn ihre Augen über Worte wie „Penis“ oder „Vagina“ huschen? So etwas Verbotenes aber auch! Doch wären diese Frauen auch emanzipiert genug, um ihrem Bärchen als Betthüpferl Rohrstock und Knebel in die Hand zu drücken und in ihm den Mr. Grey zu wecken?
Könnten diese Frauen außerhalb von „Shades of Grey“ wahre Emanzen sein, die im Job ihren Mann stehen und die verbale Peitsche rausholen? Warum eigentlich nicht – Männer in hohen Positionen sind schließlich auch zu Ausschweifungen wie diesen fähig. Und so findet sich so mancher Chef bei der Domina seines Vertrauens in Lack und Leder zum Überstundenmachen wieder.
Das Klischee vom geschlagenen Mann versuchte Ex-Domina Nora Schwarze im Interview mit einem Boulevardblatt rigoros zu widerlegen. Die 29-Jährige finanzierte sich auf der Horizontalen ihr Studium. Aber wird hier das starke Geschlecht infrage gestellt, bloß weil er ab und an gerne Hündchen spielt? Nein. Lebt Frau dagegen das aus, wovon rund 92 Prozent der befragten Frauen laut einer Studie der Seitensprungagentur „Lovepoint“ träumen, lässt sich sanft knebeln und schlagen, wird sogleich die Emanzipation infrage gestellt.
Feuchtgebiete und andere Sümpfe
Und wie steht Mama des Feminismus, Alice Schwarzer, zu all dem? Sie scheint ganz gelassen, findet die Tatsache, dass eine Frau über den männlichen Sadismus und ihre weiblichen Fantasien schreibt, sogar emanzipiert. Warum eigentlich all die Aufregung um ein Buch, das in Zeiten von Feuchtgebieten und anderen Sümpfen verbaler Verstopfung auf den Markt kommt – wo man eigentlich geglaubt hatte, Themen wie diese seien bereits abgehakt?
Doch der von der Presse getaufte Sadomaso- oder Softpornoroman belehrt uns eines Besseren, führt uns buchstäblich die Verklemmtheit unserer Gesellschaft vor Augen. 40 Millionen verkaufte Exemplare, die uns einen neuen Trend bescheren: Schlagen ist in! So meldet der „Spiegel“, dass Sexshops in London die Peitschen ausgehen. Ich freue mich schon auf die nächsten literarischen Ergüsse dieser Ausnahme-Schriftstellerin. Ob sich die Fans genauso mitreißen lassen, wenn es um Sex im Scherbenmeer oder Anzünden von Extremitäten geht? Was bleibt mir bis dahin noch anderes zu sagen als: „Hit me baby one more time …“
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