Mainstream ist eigentlich nur uncool, wenn du Alternative sein willst. Rea Garvey

„Alles wird für etwas gut sein“

Floskeln werden in unschönen Momenten des Lebens gerne genutzt. Leider. Denn für was soll das Ende von The European gut sein? Ein Ärgernis über alles, was ärgert.

Wir Menschen sind wirklich gut in vielen Dingen: die Umwelt verschmutzen, Kriege führen, bedrohte Tierarten ausrotten. Doch was wir wirklich gut können: uns das Leben schön reden. Kaum begegnet uns etwas Negatives, holen wir Glückskeks-Sprüche hervor und schon scheint uns wieder die Sonne aus dem Arsch. Freund oder Freundin weg? War doch eh nicht gut genug! Gekündigt? Ach, da findet sich was Besseres! Jobangebot nicht bekommen? Das sollte für was gut sein! Ja, für was bloß?!

Selbst bei vielen Krankheiten schrecken die Meisten vor stupiden Ansagen nicht zurück. Gilt ja schließlich alles dem Trostspenden, auch wenn ich das bei so manchem bezweifle. Viele scheinen das, was sie in traurigen Momenten des Lebens von sich geben, wahrhaftig ernst zu meinen. Noch schlimmer: Wenn Vergleiche gezogen oder noch extremere Beispiele dem eigenen Schicksal gegenüber gestellt werden. Tut mir ehrlich leid, dass ich mich nicht besser fühle, wenn über 80-Jährige ähnliche Krankheitsepisoden durchlaufen, wie sie mir widerfahren sind. Und nein, ich fühle mich kein Stück besser, wenn dem Greis durch seine Schicksalsschläge extreme Glücksgefühle überkommen, denn er weiß ja das Positive aus der Situation zu ziehen.

Glauben Sie ernsthaft, in jedem Scheißmoment steckt ein Funken Glück? Etwas, das ich daraus schöpfen kann, was mich stärker, ja, sogar zufriedener macht? Eine lächerliche Lüge, die wir Menschen uns in schwarzen Zeiten auferlegen, meine ich. Stumpfes Einreden von „Es kann schon besser werden!“. Bloß nicht schlecht fühlen und das auch noch zeigen, nein, dass scheint in unserer Gesellschaft einfach nicht erlaubt.

Gephotoshoppe der eigenen Gefühlslage

Nicht umsonst gibt es nur „Likes“ auf ach-so-gute-Laune-Postings, Hasstiraden oder Gejammere gewinnen keine Sympathien. Es sei denn, sie sind als „Neugierigmacher“ verpackt, beinhaltet nur kurze Satzfetzen, wie „Oh nein, nicht schon wieder“ oder „Hätte ich das nicht getan…“ Das animiert nämlich so manchen zur Nachfragerei, was wiederum Neugierde und Schadenfreude gleichermaßen befriedigt. Das, was wir machen ist nichts anderes, als bloßes Gephotoshoppe der Gefühlslage. Sich bloß nichts anmerken lassen, das scheint das Motto vieler zu sein. Keine Tränen erlaubt. Und so trainieren wir uns für nahezu jede Lebenslage, den Job und manchmal sogar für die eigene Familie, ein weiteres „Ich“ an, bis wir irgendwann vergessen, wer wir wirklich sind.

Doch ich möchte nicht lachen, wenn mir zum Weinen zu Mute ist und so spreche ich es offen aus: Ich habe geweint, als ich „The European muss schließen“ las. Unendlich traurig für die wirklich lieb gewonnene Redaktion, mitfühlend für all das Herzblut, das hier zunichte gemacht wurde. Aber natürlich auch zutiefst getroffen über das Ende der eigenen Kolumne, dem Sprachrohr meiner zynischen Seele. Na, kramen Sie schon ihre Glückskeks-Weisheiten wieder hervor? „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich die nächste“.

„Life is a Pigsty“ singt Morrissey nicht umsonst. Das Leben kann unglaublich ungerecht zu dir und anderen sein und ich sehe darin nichts Gutes, sondern lediglich das, was es nun mal ist: ungerechte Scheiße. Ihr Lieben, ich wünsche euch alles Gute und hoffe sehr, dass Ihr für all euren Einsatz das erntet, was ihr wirklich verdient habt. „Man soll gehen, wenn es am schönsten ist“ – zu diesem Moment wird es wohl nie kommen.

Ihr habt mir so viel gegeben und dafür danke ich euch sehr. Ich hoffe auf eine Fortsetzung, auf ein Happy End, wie man es nur aus erlogenen Filmen kennt. Ich finde für das, was euch, nein, uns, hier gerade widerfährt, einfach nicht die richtigen Worte, weil es sie nun mal nicht gibt. Und so wische ich mir die nächsten Tränen aus dem Gesicht, in großer Gewissheit, es werden nicht die letzten gewesen sein.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alissia Passia: Kein Herz für Hotpants

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Kolumne

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von Harry Tisch
10.09.2011
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