Wir sollten mit dem Wort Krieg vorsichtiger umgehen. Tilman Brück

Urlaub ist auch nur Arbeit

Deutsche sind auch auf Reisen höchst diszipliniert. Nur wer eine Freizeit-Agenda aufstellt und sie minutiös abarbeitet, kommt mit seinem Urlaub zu Hause maximal gut an.

Meeresrauschen, weißer Sandstrand – vor dem inneren Auge des deutschen Urlaubers taten sich sogleich paradiesische Bilder auf. Diese symbolisieren die pure Entspannung, eine Auszeit vom Alltäglichen – doch wer sich heute noch solch einem Urlaub hingibt, hat bereits die 60 überwunden oder ist Teil des Spießbürgertums.

Denn Freizeitgestaltungen wie diese sprechen für Langeweile pur. Mehrere Tage am selben Ort zu verbringen – undenkbar. Rastlos, wie im Arbeitsalltag, stellt sich der Globetrotter einer neuen Herausforderung: der Urlaubs-to-do-Liste. Diese birgt gleich mehrere Herausforderungen: sportliche Deadlines, unrealistische Aufgaben und spaßbefreite Motti, die tiefenentspannte Titel wie „No time to lose!“ tragen.

Man muss alles gesehen haben, jeden noch so kleinen Winkel gilt es zu erkunden. Schließlich macht man diesen Urlaub nicht für sich alleine, sondern auch für die Daheimgebliebenen, seine Kollegen, Freunde, Familie und Follower. Diese wollen per Newsfeed über Facebook und Co. regelmäßig informiert werden – eine äußerst anspruchsvolle Klientel, die sich nicht mit Bildern von Sonnenuntergängen bespaßen lässt. Nein, unlängst haben sie sich dem Trend zum Außergewöhnlichen angepasst und eine hohe Erwartung an die Urlaubs­impressionen anderer angewöhnt.

Selfie mit einem Quokka

So geht es für den Abenteurer auf der Jagd nach Klicks und Likes samt Selfie-Stick, GoPro und Tablet in die Tiefen des Dschungels, zum Tauchen ins Haifischbecken oder direkt in die Wüste. Die waghalsigen Erlebnisse erzählen sich schließlich nicht von selbst.

Auch wenn die Motive oft paradiesisch sein mögen, darf der Eindruck nicht täuschen. Denn hinter jedem von ihnen steckt oftmals harte Arbeit. Auch wenn die Natur die schönsten Farben bieten mag, wird jedes noch so perfekte Bild dank Filter und Nachbearbeitungs-App noch optimiert. Stets nach dem Motto „Da geht doch noch was“ werden auch die Freizeitaktivitäten von Tag zu Tag gepimpt, die To-do-Liste abgeackert.

Die von anderen erwartete Urlaubsbräune, die uns gut erholt nach einem mehrwöchigen Trip aussehen lässt, trügt. Sie wirkt wie ein Concealer, der Augenringe, Sorgenfalten und Co. kaschiert. Denn solch ein Urlaub kostet Nerven, auch wenn sich das die wenigsten eingestehen mögen. Liegt dies vielleicht an der Tatsache, dass wir Deutschen das „Urlaubmachen“ von einst verlernten? Die hohe Erwartungshaltung an uns selbst mit in die Freizeit nehmen und immer die besten sein wollen, sei es auch nur beim Selfie mit einem Quokka?

Mit dem Rucksack um die Welt? Ist doch nur Schablonen-Urlaub der neuen Generation

Möchten wir oder können wir nicht mehr umdenken, das Smartphone mal für wenige Stunden unberührt in der Hosentasche lassen, die Facebook- und Skype-App ignorieren? Warum ist uns der Gedanke so fremd, fotografische Impressionen erst am Urlaubsende Freunden und Familie zu präsentieren und nicht täglich mit mehreren Schnappschüssen zu prahlen? Sind die persönlichen Meinungen von Angesicht zu Angesicht weniger wert als die Likes Tausender Facebook-Freunde? Ist ein Urlaub wirklich erst dann gut, wenn er von allen für seine vermeintliche Außergewöhnlichkeit gelobt wird?

Ich werde mir wohl nie einen Trekkingrucksack umschnallen und die Dschungel dieser Welt unsicher machen, um an unaussprechbaren Orten Selfies von mir und Ureinwohnern zu schießen. Was früher als anders galt, ist heute der Schablonen-Urlaub einer neuen Generation, die sogar in der Freizeit jedem Trend hinterherjagt.

Doch es wird sich schon irgendein Start-up gründen, das mit einem Namen wie „Schaltup!“ der Abenteurer-Zielgruppe eine völlig neue Art von Urlaub verkaufen wird. Super hippe, noch nie dagewesene, ultra-abgefahrene Themenurlaube: Relaxen an der Ostsee oder Wassertreten im Schwarzwald. Und schon aalen sich die Hipster auf den einstigen „Rentnerhochburgen“ und stellen sich ihrer wohl größten Herausforderung: Entspannung.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Vera Markert, Marianna Hillmer, Joseph Pearson.

Fleisch

Dieser Beitrag stammt aus der „The European“-Printausgabe 4/2015.

Darin geht es u.a. um die Zukunft des Fleisches. Wir führen eine Debatte darüber, was morgen auf den Teller kommt. Dazu: Eine Bilanz nach sechs Monaten Mindestlohn, die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland, das zweifelhafte Phänomen des Massentourismus und die Digitalisierung des Museums.

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