Wer glaubt, dass jeder Facebook-Kontakt ein Freund ist, der weiß nicht, was Freundschaft bedeutet. Mark Zuckerberg

„Ideen kann man nicht zensieren“

Die Dokumentation „Ai Weiwei: Never Sorry“ zeigt den Alltag des chinesischen Künstlers Ai Weiwei. Lars Mensel sprach mit der Regisseurin Alison Klayman über den Widerstand gegen die Staatsgewalt, Dreharbeiten in China und die Gefahren des Twitterns.

The European: Es scheint eine gute Zeit für chinesische Aktivisten zu sein: Gerade wurde bekannt gegeben, dem langjährigen Menschenrechtsaktivisten Chen Guangcheng werde die Ausreise aus China gestattet und gleichzeitig können Sie mit Ihrem Film die Menschenrechtslage in China offen beleuchten. Was sagt uns das über die Lage des Landes?
Klayman: Ich denke, dass Ai Weiwei in dem Film die einzig verlässliche Aussage dazu trifft: „China ist unvorhersehbar.“ In der Tat beobachten wir mehrere gegensätzliche Entwicklungen: China hat sich verändert, wie die Aktionen von Ai Weiwei eindrucksvoll demonstrieren, doch hätte ich keinen Film über Chen Guangcheng machen können – niemand hatte Zugang zu ihm. So ist schön zu sehen, dass er nun internationale Aufmerksamkeit bekommt. Gleichzeitig hörte ich gerade von einer Freundin, die in China bei Al Jazeera English arbeitete, dass sie des Landes verwiesen sei. Das komplette Auslandsbüro hat kein neues Visum bekommen und daher schließt Al Jazeera das Büro in Peking.

Manche Dinge stimmen mich hoffnungsvoll, andere pessimistisch – was es umso wichtiger macht, China weiterhin zu beobachten und abzuwarten, wie mit Chen Guangcheng umgegangen wird. Ähnlich könnte es Ai Weiwei treffen.

„Ai Weiwei ist sowohl Produkt als auch Gestalter seines Landes“

The European: Ursprünglich überlegte ich, ob der Film primär über China oder über Ai Weiwei ist – Sie scheinen jedoch zu sagen, dass die beiden untrennbar miteinander verbunden sind.
Klayman: Ai Weiwei kann durch seine Werte und Aktionen bereits eine große Menge Aufmerksamkeit und Wiedererkennung erzeugen. Dann reagiert die Regierung, er antwortet – die zwei schaukeln sich also gegenseitig hoch. Erst diese Dynamik macht den Film aus, denn damit haben sich beide Seiten in den Film hineingeschrieben. Zudem folgt seine Biografie eng den Konturen der chinesischen Geschichte: Durch seinen prominenten Vater konnte er früh die Vor- und Nachteile der politischen Reformen und wirtschaftlichen Entwicklungen erleben – das macht ihn sowohl zu einem Produkt als auch zu einem Gestalter des Landes.

The European: Lassen Sie uns über den Umgang mit diesen Vor- und Nachteilen sprechen. Wie verliefen die Dreharbeiten in China? Sicherlich konnten Sie nicht mit dem Grund einreisen, einen Film über einen der bekanntesten Regierungskritiker machen zu wollen. Hatten Sie je mit der Zensur zu kämpfen?
Klayman: Ich arbeitete als freie Journalistin in China und bekam mein Journalistenvisum zufälligerweise zur gleichen Zeit, wie ich Ai Weiwei traf. Als akkreditierter Journalist darf man in China sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Privaten filmen – sofern der Gefilmte damit einverstanden ist. Ai Weiwei wird laufend interviewt und ich kenne niemanden, der je Probleme damit hatte, auf ihn zuzugehen. Nun versucht die Regierung den Zugang zu ihm zu erschweren, also ist es vornehmlich er selbst, der den Preis für seine kritische Rolle bezahlt. Ich hatte nie Probleme und Zensur gab es nur bei den Dreharbeiten an der Polizeistation oder dem Gericht, wo Ai Weiwei Beschwerde bzw. Klage gegen die Polizei einreichen wollte, nachdem er von ihr verletzt wurde.

The European: Der Film porträtiert die chinesische Regierung als eine Art Mauer, die Ai Weiwei laufend im Weg zu stehen scheint. Wenn er aber clever vorgeht, gibt sie dennoch langsam ein wenig nach – haben Sie die chinesischen Regeln auch so erlebt?
Klayman: Für mich war sehr schnell klar, dass es in dem Film nicht um Zensur oder Sprachlosigkeit geht, sondern um eine Person, die sich gegen das System stellt. Dazu braucht es Mut und Kreativität, doch sobald Druck ausgeübt wird, kann sich etwas bewegen. Wenn man aus Angst vor der Zensur nicht einmal spricht, dann wird sich auch nichts verändern – daher war es mir wichtig, die Gefahren zu zeigen, denen er sich mit seinen Interviews und Blogposts aussetzt und wie uneingeschränkt er dennoch leben konnte; wie er als bekannter Künstler die Welt bereiste. Ich hoffe, dass dies demonstriert, wie die Menschen unter so einem zensierenden und autoritären Regime leben.

Ein Freund verglich die chinesische Gesellschaft zuletzt mit einem Schichtkuchen – Menschen mit einer Mentalität wie Ai Weiwei suchen darin nach kleinen Lücken im System. Ich finde das Bild sehr passend, denn es illustriert, wie wenig Raum es für solche Aktionen gibt.

The European: Wirklich? Im Film sah das ganz anders aus. Ai Weiweis kühne Aktionen schienen ihm mehr Freiraum zu ermöglichen.
Klayman: Das hängt von der Perspektive ab. Chen Guangcheng hat 19 Monate unter Hausarrest gelebt. Ich glaube nicht, dass es sein oberstes Ziel war, das Land zu verlassen. Er wäre lieber geblieben, um weiterhin für die Rechte der Bauern zu kämpfen. Die Journalisten, Aktivisten und Menschenrechtsbeobachter, mit denen ich gesprochen habe, schienen keinen positiven Trend zu erkennen. Während der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts bin ich nicht in China gewesen, aber es schien große Hoffnungen hinsichtlich der Olympischen Spiele zu geben. China schien den Handel akzeptiert zu haben, sich für die Olympischen Spiele mehr zu öffnen. Die Hoffnungen der Menschen wurden enttäuscht – es gibt mehr Raum für Handel und wirtschaftliche Entwicklung, aber nicht für mehr Menschenrechte. Ich könnte meine Aufnahmen durchsehen und Ihnen ein Dutzend Menschen zeigen, die im vergangenen Jahr verhaftet wurden. Die Haft und die Zeit nach der Haft war für Ai Weiwei viel schwieriger, als ich es in „Ai Weiwei: Never Sorry“ zeigen konnte.

„Wie kann man sich als Künstler nicht für Meinungsfreiheit einsetzen?“

The European: Lassen Sie uns über seine Kunst sprechen. Ich war überrascht zu sehen, dass Ai Weiwei die Ideen für seine Kunstwerke hat, es aber andere Menschen sind, die sie für ihn produzieren. Hat das Ihre Definition von einem Künstler verändert?
Klayman: Ich bin mir nicht sicher, ob ich vorher eine Definition hatte, aber das hat mich viel darüber nachdenken lassen. Ai Weiweis Definition von einem Künstler besteht in der Kommunikation und dem Versuch, sich selbst auszudrücken, während man sich in der Gesellschaft engagiert. Das heißt nicht, dass man ein Aktivist oder auf Twitter sein muss. Er glaubt, dass man die Rolle als Künstler nicht erfüllt, wenn man sich nicht in der Gesellschaft engagiert. Wenn ich über meine Lieblingskunstwerke nachdenke, haben sie in der Regel ein Element von Gesellschaftsbezug, Kommentar oder Ausdruck. Es ist interessanter, wenn es ein bisschen tiefer geht, weswegen ich seine Definition sehr mag. Wie kann man andererseits auch Künstler sein und sich nicht für die Förderung von Meinungsfreiheit einsetzen?

The European: Twitter ist eines der Mittel, mit denen Ai Weiwei seinen Gesellschaftsbezug aufrechterhält. Er scheint viel Zeit auf Twitter zu verbringen. Der Film zeigt übersetzte Tweets; er selbst schreibt auf Chinesisch. Wer ist sein Publikum?
Klayman: Twitter ist eines der Hauptbeweisstücke dafür, dass sein Publikum chinesisch ist. Fakt ist, dass seine Kunst noch nie in einem großen Museum in China ausgestellt worden ist. Die größten Ausstellungen fanden in Deutschland und Großbritannien statt. Das ist kein Zufall. Es ist sehr frustrierend für ihn, dass man seine Kunst nicht in seinem Land sehen kann. Er ist immer auf der Suche nach dem besten und klarsten Weg, sich auszudrücken. Manchmal geschieht das durch Kunst. Jetzt hat er festgestellt, dass bloggen und twittern sehr effektiv ist. Die Tatsache, dass er auf Chinesisch schreibt, zeigt sein Engagement in China.

The European: Warum haben Sie sich für Twitter als Medium für die Erzählung des Films entschieden?
Klayman: Das ist eine Konstante in seinem Leben. Es gab Tage, wo ich morgens ankam und man mir sagte, Ai Weiwei wolle für die nächsten drei Stunden an seinem Computer sein. Ich könnte nur so und so lange filmen und es wäre besser, wenn es interessant wäre. Manchmal twittert er mitten in der Nacht und so erschien es nur sinnvoll, Twitter im Film zu benutzen. Das Medium ist immer noch relativ neu, vor allem für chinesische Nutzer. Ai Weiwei ist ein Pionier und ich sehe ihn als kritischen Teil der kurzen Geschichte von Twitter.

The European: Ist Twitter aber technisch gesehen nicht außerhalb der „Great Firewall of China“?
Klayman: Ja. Der einzige Grund, warum er zu Twitter gegangen ist, besteht darin, dass sein Blog stillgelegt wurde. Der Blog war innerhalb der Firewall. Er konnte damit Millionen von Menschen erreichen. Die Regierung hatte zunächst selektiv einige seiner Artikel entfernt, die er dann wieder online stellte. Später wurde der Blog stillgelegt und vollständig vom Server entfernt. Als das geschah, erschien es sinnvoll, zu Twitter zu gehen, auch wenn dort das Publikum viel kleiner ist. Seine Inhaftierung hat dieses Publikum ganz offensichtlich vergrößert. Dennoch ist es ein Werkzeug, was viele Leute wegen der Zensur benutzen. Die Menschen wollen diese Gespräche außerhalb der Firewall führen. Im Fall von Chen Guangcheng haben sie dasselbe auf der chinesischen Version von Twitter gemacht, aber jedes Mal, wenn ein Buzzword auftauchte, wurde es zensiert. Wenn sie sich darum kümmern, es zu einem zensierten Wort zu machen, bedeutet das, dass es genug Leute gibt, die darüber schreiben. Und sie lesen darüber nicht in der offiziellen Presse. Für mich ist das ein gutes Zeichen, weil es die große Aufmerksamkeit und das große Engagement auf Seiten der Bevölkerung zeigt. Ideen kann man nicht zensieren. Das macht mir Hoffnung.

„Die Risiken sind für chinesische Bürger am größten“

The European: Manchmal scheint es, als ob Ai Weiwei mit bestimmten Dingen wie dem Nutzen von verbotenen Diensten davonkommt, weil er berühmt ist. Wie ist das mit „normalen“ Leuten?
Klayman: Sie kümmern sich nicht um Twitter, weil die Reichweite so eingeschränkt ist. Es ist auch nicht illegal, Twitter zu nutzen. Sie wollen nur nicht, dass die Leute es nutzen, weil sie es nicht kontrollieren können. Trotzdem würden sich die Menschen selbst in Gefahr bringen, wenn sie Twitter offen nutzten. Verglichen mit den Einschränkungen, denen sich Chen Guangcheng gegenüber sah, ist Ai Weiwei aber tatsächlich ein besonderer Fall.

The European: Hatten Sie jemals das Gefühl, sich selbst in Gefahr zu bringen?
Klayman: Zuerst hatte ich keine Angst, nach seiner Inhaftierung wurde Ai Weiwei als Thema aber viel mehr tabu und ich habe meine Meinung geändert. Die meisten Journalisten, die ich kannte, hatten ihn vorher interviewt. Er ist kein Unbekannter. Die Risiken sind viel größer für all die Freiwilligen und Aktivisten, eigentlich alle chinesischen Bürger, die man in dem Film sieht. Es geht nicht darum, dass sie in dem Film auftreten, es geht um ihre Taten. Als ausländische Journalistin hatte ich aber nie das Gefühl, in Gefahr zu sein.

Dieses Gespräch entstand im Rahmen unserer Kooperation mit dem DCM Flimverleih.

Hat Ihnen das Interview gefallen? Lesen Sie auch ein Gespräch mit T.C. Boyle: „Die einzige Pflicht des Künstlers ist die Kunst“

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Kunst, China, Film

Kolumne

Medium_087ae2749f
von Stefano Casertano
23.06.2012

Debatte

Menschenrechte in einem Land im Umbruch

Medium_fd2e2a2a94

Die Angst vor dem Sturm

Die Situation für chinesische Menschenrechtler wird schlimmer, denn die Behörden haben Angst vor der Revolution im eigenen Land. Politische Verfolgung ist deshalb an der Tagesordnung. weiterlesen

Medium_d03d540dd5
von Wolfgang Grenz
10.05.2012

Debatte

China und der Kampf für die Menschenrechte

Medium_ccfa98c17c

Störfaktor Mensch

Die Inhaftierung von Ai Weiwei und anderen Menschenrechtlern ist nur die Spitze des Eisbergs. Das Vorgehen Pekings ist ein Rückzugsgefecht – das Land steht vor großen Umbrüchen. weiterlesen

Medium_fae6c736a7
von Tom Koenigs
03.05.2012
meistgelesen / meistkommentiert