Ich bin ein Jedi. Jón Gnarr

„Ich war kurz davor, auszuwandern“

Sarrazin und Co. haben die Integrationsdebatte vergiftet, aber wie steht es denn heute um Multikulti und junge Muslime in Deutschland? Clemens Lukitsch sprach mit Ali Aslan Gümüsay über deutsche Werte, das Prinzip Salatschüssel und islamische Poetry-Slams.

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The European: Wie sehen Sie die aktuelle Situation der Muslime in Deutschland?
Gümüsay: Das ist natürlich eine sehr umfangreiche Frage u.a. mit einer politischen, wirtschaftlichen und sozialen Komponente. Um einen Punkt herauszugreifen: Ein großer Teil von Muslimen kommt aus sogenannten sozial schwachen Schichten und da in Deutschland Aufstieg und soziale Herkunft stark korrelieren, ist die Situation der Muslime zu einem großen Teil ein sozio-ökonomisches statt ein religiöses Thema. Das müsste verstärkt angegangen werden. Ich wünsche mir mehr Teilnahme und Teilhabe von Muslimen und mehr soziale Gerechtigkeit insgesamt.

The European: Wie steht es denn um die karrierebewussten und engagierten Muslime in Deutschland, sehen Sie diese auch benachteiligt?
Gümüsay: Das kann man zumindest vielen Studien entnehmen. Deutschland ist im internationalen Vergleich bei der sozialen Durchlässigkeit ziemlich weit hinten. Sozialer Aufstieg unter Muslimen ist, auch bei Hochqualifizierten, schwierig. Wir leben in einer, wie Dahrendorf es nannte, „unechten Mobilität“. Ich kann das gerne anhand eines Beispiels veranschaulichen: Eine mir bekannte Muslimin hat sich 40 Mal beworben und 40 Absagen erhalten. Bei einem der Betriebe hat sie es ein zweites Mal versucht. Dieses Mal allerdings mit Perücke anstatt mit Kopftuch und siehe da, sie erhielt eine Zusage. Das hat fast schon den Charakter einer empirischen Studie.

„Qualifizierte Immigranten stellen sich die Frage, ob sie hier bleiben wollen“

The European: Daraus könnte man ein vernichtendes Urteil ableiten.
Gümüsay: Es gibt in Deutschland Vorurteile und Wertungen Muslimen gegenüber, das ist Fakt. Der Karriere-Pessimismus und Pragmatismus, der aus diesen Erfahrungen resultiert, sind aus ökonomischer Sicht schädlich für unsere Gesellschaft und Volkswirtschaft. Hier wären der Staat und die Zivilgesellschaft gefragt, eine Chancengleichheit aktiver mitzukreieren.

Viele qualifizierte Immigranten stellen sich die Frage, ob sie in diesem Land überhaupt bleiben wollen. Da vor allem Akademiker die Chance haben, im Ausland einen Job zu finden, ist Deutschland mittlerweile ein Bildungsauswanderungsland. Es wandern seit einiger Zeit mehr Menschen in die Türkei ein als aus. Diese Tatsachen werden leider nicht ernst genug genommen. Das betrifft natürlich nicht nur Muslime, sondern Immigranten im Allgemeinen. Da haben wir den Braindrain.

The European: Wo spielt das Muslimsein hierbei eine Rolle?
Gümüsay: Die Identität der Muslime wird zum Beispiel in England viel selbstverständlicher wahrgenommen: wir haben hier Polizisten, die z.B. mit Kopftuch auf Streife gehen. Es ist nicht nur erlaubt, sondern gang und gäbe. Vielfalt ist Teil in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit.

The European: Wieso reduzieren wir in Deutschland die Identität immer so gerne auf den Kulturkreis? Gibt es hier eine Überhöhung der eigenen Werte; Werte die wir gerne in Opposition zum Islam bringen möchten?
Gümüsay: Wir müssen Vielfalt mehr schätzen lernen und sehen, dass in der Verschiedenheit ein unglaublicher Schatz verborgen liegt. In den Firmen, in denen ich gearbeitet habe, wurde auf Vielfalt bei der Projektteambesetzung geachtet, sodass unterschiedliche Perspektiven, unterschiedliche Fähigkeiten zusammengesetzt mehr Wert, also einen Mehrwert schaffen konnten. Es bedarf der Gewöhnung, dass ein Gegenüber anders denkt. Letztendlich entsteht aber insbesondere dadurch Innovation und Kreativität. Wir sind eine Salatschüssel. In den USA spricht man von dem Salat-Bowl-Prinzip. Und für mich schmeckt Salat besser, wenn er besonders vielfältig ist. Der Salat ist dann nicht einfacher zuzubereiten, aber er schmeckt besser.

The European: Laut Kanzlerin Angela Merkel ist Multikulti gescheitert …
Gümüsay: Das ist es eben; in Deutschland wünscht man sich leider eher Assimilation statt Integration, während man in England – noch einen Schritt weiter gehend – überhaupt nicht von Integration, sondern von Partizipation sprechen würde. Es besteht nicht so ein Zwang, sich in ein undefiniertes Wertekorsett zu integrieren. Man ist Teil des Ganzen, schafft Vielfalt, lebt und erlebt das Land mit. Diese Geisteshaltung wünsche ich mir mehr in Deutschland und sehe sie als große Chance, die allzu freizügig verspielt wird.

„Polemik stößt auf offene Ohren“

The European: So mancher Zyniker könnte jetzt sagen: „Bei aller Liebe zur Vielfalt, auf Ehrenmorde, Scharia und Frauenunterdrückung können wir gut verzichten.“
Gümüsay: Wer sich dieser Polemik bedient, stößt sicherlich vielerorts auf offene Ohren; als ob Vielfalt Ehrenmorde bedingt. Ehrenmorde wird mit Islam wird mit Muslime gleichgesetzt. Auf Ehrenmord verzichten, heißt dann implizit auf Muslime verzichten. Für manch einen Politiker mag es lukrativ sein, eine bestimmte Klientel damit anzusprechen und so auf Stimmenfang zu gehen.

The European: Die Debatte um Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ schien Feindseligkeiten, Ressentiments und fest verankerte Vorurteile gegenüber Muslimen und Immigranten in unserer Gesellschaft zu bestätigen. Wie haben Sie das erlebt?
Gümüsay: Ich war kurz davor, auszuwandern. Meine Mutter ist Deutsche. Ich fühlte mich eigentlich heimisch hier. Ich hätte das vorher nie in Erwägung gezogen. Ich habe E-Mails und Anrufe aus den Staaten und England bekommen; von Freunden, die erstaunt fragten, was da eigentlich gerade in Deutschland passiere. „Willst du nicht zu uns kommen?“ So etwas habe ich noch nie vorher erlebt und es war ein Schock.

The European: War die Debatte nicht auch überfällig?
Gümüsay: Es hat sich viel aufgestaut. Thilo Sarrazin ist ein an sich wichtiges Thema angegangen. Der Gesprächsbedarf war vorhanden. Die Art, wie er es gesagt hat, war aber nicht in Ordnung. Nebenbei war es weniger eine Debatte aller Beteiligten als vielmehr monologisch-angehauchte Meinungskundgebung einer bestimmten Perspektive.

Ich glaube, wir haben uns in Deutschland nicht genug mit dem Thema auseinandergesetzt, wer wir eigentlich sind. Ich vermisse eine Diskussion über die Fragen, wie wir als Gesellschaft eigentlich leben wollen. Was sind deutsche Werte? Wie manifestieren sie sich? Wie möchten wir unsere Gesellschaft gestalten? Ich wünsche mir mehr Reflexion über grundsätzliche Fragen über uns als Gemeinschaft und Gesellschaft und wie wir ökologische, soziale und ökonomische Nachhaltigkeit leben und uns verwirklichen können.

The European: Eines Ihrer zahlreichen Projekte, das „Zahnräder Netzwerk“ soll Muslimen helfen, einen Mehrwert in der Gesellschaft zu schaffen, wie genau funktioniert das?
Gümüsay: Zahnräder ist eine Art Sozialer Inkubator für Soziales Unternehmertum. Wir ermutigen und ermöglichen Projekte durch Humankapital, Sozialkapital, Kulturkapital und Finanzkapital. Auf unseren Konferenzen sind Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht passive Konsumenten, sondern aktive Produzenten, denen wir eine Struktur bieten, durch die sie einander helfen können. Das Schlüsselwort heißt hier Wissenstransfer.

The European: Woher kommt dieser Ansatz? Ist der speziell muslimisch?
Gümüsay: In meiner Masterarbeit habe ich den Wissenstransfer von akademischen Entrepreneuren in Oxford untersucht. Einige Modelle aus der Forschungsarbeit finden sich in Zahnräder wieder. Zahnräder entstand ursprünglich aus einer Defizitanalyse heraus. Aufgrund der vorhin genannten Situation von Muslimen in Deutschland schien es uns als besonders wichtig, eine Organisation für Muslime in Deutschland zu schaffen, welche die unterschiedlichsten Projekte unterstützt. Zahnräder ist von Muslimen für die Gesellschaft. Ist es speziell muslimisch? Ich denke, einander zu helfen, ist auch ein muslimischer Wert, aber wir haben, Gott sei Dank, kein Monopol darauf.

The European: Warum nicht gleich für alle?
Gümüsay: Wie gesagt, der Entschluss beruhte auf einer Bedarfsanalyse. Ich selbst befasse mich vielmehr mit Themen rundum Innovation, Entrepreneurship und Wissenstransfer und dieses ist nun ein Projekt für die muslimische Zielgruppe. Die meisten von uns sind in vielen Projekten aktiv, die nicht speziell Muslime ansprechen.

Ich habe beobachtet, dass Muslimen oftmals das Netzwerk und die Kontakte fehlen. Es gibt zwar Inkubatoren für Social Entrepreneurship, aber diese greifen das Potenzial unter muslimischen Menschen einerseits noch nicht ab und andererseits wissen viele Muslime nicht, wie sie darauf zurückgreifen sollen. Ihnen fehlen die vier Formen von Kapital, die ich gerade genannt habe, und da wollen wir helfen. Das Zahnräder-Netzwerk soll eine Plattform sein, die Muslime bei ihren Projekten unterstützt. Dabei ist uns sehr wichtig, dass wir zwar Muslime als Personen ansprechen, es aber um die Mitgestaltung der Gesellschaft geht: also von Muslimen für die Gesellschaft.

„Neutralität heißt nicht Leere, sondern Balance“

The European: Eine muslimische Poetry-Slam-Veranstaltungsreihe hat im Oktober 2011 den ersten Platz gemacht. Könnten Sie sich vorstellen, einen christlichen Poetry-Slam zu besuchen?
Gümüsay: Klar, warum nicht? Wie beim i,Slam geht es ja auch nicht nur um muslimische Werte, sondern darum, dass Muslime die Gesellschaft mit prägen. Wir sind doch das Land der Dichter und Denker.

The European: Im November 2011 gab es ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu Gebetsräumen in Schulen. Wie haben Sie das und die Debatte dazu aufgenommen?
Gümüsay: Ich finde, wir sollten Orte der Andacht, Ruhe, des Gebetes in Bildungseinrichtungen haben. Ist das nicht gar Teil von Bildung? Sollten wir nicht in einer Welt der steigenden Geschwindigkeit umso mehr ab und an innehalten? Die Schule als neutraler Raum heißt ja nicht, dass sie sich gegen Religion, gegen Andacht, gegen das Gebet positioniert, sondern vielmehr dass sie nichts oktroyiert.

The European: Ist die Schule Ihrer Meinung nach ein Ort für Religion?
Gümüsay: Lehrerinnnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler haben unterschiedlichste Identitäten. Religion ist bei manchen ein Teil von ihnen. Die Schule ist eine Bildungseinrichtung von und für unsere Gesellschaft. Meine Lehrer waren Atheisten, Kommunisten, Anarchisten und Religiöse und ich habe von ihnen unglaublich viel lernen dürfen, weil sie unterschiedlich waren. Sie haben ihre Anschauungen nicht gepredigt, aber ich habe sie als Menschen erlebt. Die Schule ist ein geschützter Raum, in dem wir auf das Leben vorbereitet werden.

Eine Institution ist ein Ort von Menschen und Menschen haben Weltanschauungen. Wenn wir diese in unseren Institutionen nicht möchten, dann haben wir Institutionen ohne Menschen. Neutralität heißt nicht Leere, sondern Balance. Wenn wir dann Menschen mit bestimmten Kleidungsstücken nicht in staatlichen Institutionen arbeiten lassen, ist das keine neutrale Haltung, sondern eine sehr einseitige. Als ob nicht in anderen Kleidungsstücken Wertanschauungen zu sehen sind. Als ob nicht in Worten mehr Weltanschauung steckt als in Kleidung. Wir sollten Menschen und Religion nicht über Kleidung definieren. Und wir sollten aktiv versuchen, stets aus geistiger Komfortabilität auszubrechen, uns mit Andersartigkeit umgeben. Mein Streben ist es stets, Menschen zu treffen, mit ihnen zu lernen und zu arbeiten, die anders sind als ich selbst.

The European: Für viele Menschen ein eher beunruhigender Gedanke.
Gümüsay: Wir müssen verstärkt reflektieren, wer und wie wir sind sowie wer und wie wir sein möchten. Speziell für Muslime ist das zum Teil die Frage, was es eigentlich bedeutet, Muslim in Deutschland zu sein. Das Spannende ist, dass daraus ganz Besonderes entstehen kann. Wie wären z.B. Minarette aus bestimmten Kirchturmmaterialien? Lebt die Gestaltungskraft nicht von der Verknüpfung von ganz unterschiedlichen Aspekten? Und ist das Unterschiedliche nicht oftmals bei näherer Betrachtung doch recht ähnlich? Ich glaube, viele christliche Werte, viele deutsche Werte sind ebenso muslimische Werte. Das Fremde ist oftmals gar nicht so fremd, wie wir denken.

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