Letztendlich ist die Wahrheit Gottes Sache. Margot Käßmann

Eine Chance für Deutschland

Die Flüchtlingskrise fordert und überfordert die Gesellschaft und die Institutionen. Wir sehen bereits: es gibt und braucht mehr Eigeninitiative der Bürgerinnen und Bürger. Genau diese Herausforderung birgt eine riesige Chance für Deutschland und für jeden einzelnen.

Wer anpacken will, hört oft: lass das sein, das bringt nichts. Oder: das ist zu schwierig, unmöglich. Diese Aussagen sind die besten Anzeichen für eine unternehmerische Gelegenheit, etwas zu bewegen und zu verändern. Hierbei sind auch und insbesondere Sozialunternehmer gefragt. Soziales Unternehmertum, also Social Entrepreneurship, verknüpft unternehmerisches Verhalten mit sozialen Zielen. Wert und Werte gehen Hand in Hand. Das Gute ist, wenn wir sozialunternehmerische Lösungen finden, dann sind diese wirtschaftlich und sozial nachhaltig. Sie tragen sich selbst.

Solch ein sozialunternehmerisches Projekt ist zum Beispiel „Über den Tellerrand“, das ich als Jurymitglied im Rahmen des „go for social!“-Wettbewerbs näher kennenlernen durfte. Angefangen hat das Unternehmen mit Kochkursen, bei denen Flüchtlinge und sogenannte Beheimatete miteinander kochen und sich dabei auf Augenhöhe vor dem Herd, am Kühlschrank und Esstisch kennenlernen konnten. Später entstand ein Kochbuch, das käuflich zu erwerben ist und in dem Flüchtlinge Rezepte und Geschichten aus ihren Heimaten teilen. Mittlerweile bieten sie auch gemeinsames urban gardening, Basteln und Handwerken, Theater, Tanz und Fußball an.

Häufig entstehen diese sozialunternehmerischen Projekte aus einer Kombination von Bedarf, eigener Kompetenz und Leidenschaft – wie der Lust am Kochen. Ein Opernsänger überlegt daher, einen Chor mit Flüchtlingen zu gründen. Ein Unternehmer, der im An- und Verkauf tätig ist, hat international gute und günstige Container für Flüchtlinge gesucht und gefunden, um so seinen Beitrag zu leisten. Wenn wir also jeweils unsere eigenen Kompetenzen kreativ und innovativ in die Thematik einbringen, können wir Synergieeffekte schaffen. Die Ressource Expertise ist in Deutschland vielfältig vorhanden und wir können sie auch vielfältig nutzen.

Gesellschaftlicher Mehrwert

Und natürlich können auch Flüchtlinge selber sozialunternehmerisch tätig sein. Das Zahnräder Netzwerk, ein muslimischer sozialer Inkubator, plant daher Flüchtlingen Teilnahmestipendien für die jährliche Bundeskonferenz anzubieten, sodass sie ihre sozialunternehmerischen Projekte vorstellen sowie Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Förderer und Mentorinnen und Mentoren finden können. Und wer weiß, welch innovative Köpfe im Flüchtlingsstrom aus Syrien, dem Irak oder Afghanistan in diesen Tagen bei uns ankommen. Wir müssen eine barrierefreie und chancenvolle Gesellschaft kreieren, in der alle, auch Flüchtlinge, eine Gelegenheit haben, sich zu verwirklichen und dabei die Gesellschaft positiv zu prägen. Siehe Steve Jobs, Gründer von Apple: er war das Kind syrischer Migranten und machte Apple, gemessen an der Marktkapitalisierung von über 500 Milliarden Dollar, zum größten Unternehmen der Welt.

Sozialunternehmerische Ansätze schaffen nachhaltige Lösungen. Um diese zu ermöglichen und zu fördern, müssen sich Strukturen ändern, die Beheimateten und Flüchtlingen erschweren, sozialunternehmerisch, kreativ und innovativ aktiv zu werden. Und wenn wir entsprechend unseres Potentials handeln und so unsere Gesellschaft – mit all ihren Kompetenzen – wirken kann, dann bietet Deutschland eine Chance für Flüchtlinge und Flüchtlinge für Deutschland. Dann sind Flüchtlinge nicht nur eine sozialunternehmerische sondern vielmehr noch: sie sind eine gesellschaftliche Chance.

Ali Aslan Gümüsay ist Fellow für Leadership Research bei LEAD und widmet sich der Fragestellung “Wie prägt Religion Leadership?”.

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Egidius Schwarz, Aurelius Belz, Michael Klonovsky .

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Kolumne

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von Gunnar Sohn
07.10.2015
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