Wir kranken daran, dass Älterwerden von anderen definiert wird. In der Regel von Jüngeren, die selbst noch keine Erfahrung damit haben. Frank Schirrmacher

Von der Mücke und dem Elefanten

Peter Ramsauer möchte die Berliner Innenstadt umgestalten: Das Marx-Engels-Denkmal würde er gerne versetzen – und erzeugt damit Empörung aller Art.

Neues von Peter Ramsauer – machte er sich kürzlich erst unbeliebt, indem er die Fußgänger darum bat, auf Kopfhörer zu verzichten, gab der Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung in dieser Woche erneut den Anstoß zu einer Diskussion. Anlässlich eines Besuchs in der Humboldt-Box hatte der Minister angeregt, das Marx-Engels-Denkmal zu versetzen und zwar auf den Friedhof Friedrichsfelde, wo sich bekanntermaßen die Gedenkstätte der Sozialisten befindet. Mal ganz abgesehen davon, dass der zuständige Berliner Senator Michael Müller sowie Kulturstaatssekretär André Schmitz den Vorschlag schon verworfen haben, kochen die Gemüter hoch. Und dass nicht nur bei den Vertretern der Politik, sondern auch bei den Berlinerinnen und Berlinern. Exemplarisch sei hier die Leserdiskussion unter dem „Tagesspiegel“-Artikel zu besagten Ramsauer-Vorschlag genannt. Der Vorschlag des Ministers trifft ganz offenbar einen wunden Punkt, ob bewusst oder unbewusst sei hier einmal dahingestellt. Während die einen es ganz offensichtlich nicht erwarten können, dass das Denkmal endlich verschwindet, weil Marx und Engels als Väter einer Ideologie betrachtet werden, die in der DDR ihre Umsetzung mit allen bekannten Folgen fand, halten andere ein Denkmal für zwei große Denker absolut angemessen und Dritte wiederum sehen in Ramsauers Idee den Versuch eines Westdeutschen, jedwede Erinnerung an die DDR verschwinden zu lassen.

Marx und Engels machen den Kohl nicht fett

Ich will hier keine Wertung abgeben, aber ich würde für eine entspanntere Haltung und den berühmten Schritt zurück eintreten. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier mal wieder aus einer Mücke ein Elefant gemacht wird. Ein Umzug steht ja wie bereits erwähnt überhaupt nicht zur Debatte. Berlin hat ganz andere Baustellen, um die sich die Zuständigen aus Bund und Land kümmern sollten. Zur Auswahl hätten wir das leidige Thema der S-Bahn, die sanierungsbedürftigen Brücken am Berliner Hauptbahnhof oder aber auch die A 100.

Mir persönlich ist das Marx-Engels-Denkmal relativ schnuppe, aber ich gehöre zu einer Generation, die keine Erinnerung an die geteilte Stadt Berlin hat. Demnach verstehe ich nicht, warum das Denkmal dort nicht stehen bleiben sollte. Etwaige Befürchtungen, dass das Denkmal nicht zum irgendwann einmal wiederaufgebauten Stadtschloss passen würde, sind für mich auch nicht nachvollziehbar. Denn Berlin ist ja für vieles zu Recht bekannt und geschätzt, aber mit Sicherheit nicht für ein einheitliches Stadtbild und gerade an der hier diskutierten Stelle wird das sehr deutlich. Vom Fernsehturm, über das Rote Rathaus, die Museumsinsel bis hin zum Auswärtigen Amt sind die unterschiedlichsten Stilepochen vertreten. Um es salopp zu formulieren – Marx und Engels machen da den Kohl auch nicht mehr fett. Und mal ganz ehrlich – wie viele Berlinerinnen und Berliner wissen denn tatsächlich, wo genau sich das Denkmal befindet bzw. hatten bis zu dieser Woche von diesem gehört?

Leserbriefe

  • Theeuropean-placeholder
    P. Feldmann – 22.01.2012 - 11:53

    Geschichte, an der man sich reibt, ist immer Geschichte, deren Zeichen man bewahren sollte. Das Marx-Engels Denkmal steht für zwei markante Punkte der deutschen / europäischen Geschichte.

  • Theeuropean-placeholder
    derblondehans – 22.01.2012 - 14:56

    Ich wäre dafür die Typen zum Zentralfriedhof Friedrichsfelde, der Gedenkstätte der Sozialisten, dem Wallfahrtsort der Sozialistischen Internationale, zu verfrachten. Da gehören sie hin. Hinzu eine Gedenktafel: hier ‘ruht’ die Verantwortung für mehr als 100 Millionen ermordete Menschen im 20. Jahrhundert.

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