In gut zwei Wochen wird in Berlin ein neues Abgeordnetenhaus gewählt. Die Straßen der Hauptstadt sind über und über mit Wahlplakaten behängt. Da gibt es durchaus das ein oder andere nette Fundstück zu betrachten. So möchte Andrea Fischer (ja genau, die Andrea Fischer, die im ersten Kabinett Gerhard Schröders Gesundheitsministerin war und im Januar 2001 gemeinsam mit dem damaligen Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke im Zuge der BSE-Krise zurücktrat) gerne Bezirksbürgermeisterin in Mitte werden. Die Plakate der Piraten-Partei heben sich schon allein durch ihre Farbgebung deutlich von denen der übrigen Parteien ab.
Mehr Bier, unser Lebenselixier
Seit ein paar Tagen sind an den hiesigen Laternenpfählen noch ein paar neue Plakate zu betrachten. Denkt man sich bei dem Slogan „Sicher über die 5 %“ noch nicht viel, wird man bei „Deutschland wird wieder Export-Weltmeister“ schon etwas stutzig und spätestens bei „Es muss ein Schluck durch Deutschland gehen“ wird klar, dass es sich hierbei nicht um Wahlwerbung handelt. Beim genaueren Hinsehen stellt man dann auch fest, dass auf jedem der Plakate eine Flasche der Sorte „Sternburg“ prangt. Und tatsächlich: die Agentur Ogilvy & Mather Berlin steckt hinter dieser etwas anderen Kampagne für die Leipziger Brauerei. Das fällt auf und ist witzig. Zur „Sterni“-Trinkerin wird sie mich wohl trotzdem nicht machen. Das liegt aber vor allem daran, dass ich kein Bier mag.
Das Thema „Alkohol in der Öffentlichkeit“ wird ja gerade hitzig diskutiert. Seit dem 1. September gilt ein Alkoholverbot im Hamburger ÖPNV. Bis Ende des Monats gilt noch eine Übergangsfrist, ab 1. Oktober werden bei Missachtung des Verbots 40 Euro fällig; der HVV setzt 110 zusätzliche Mitarbeiter ein. Im Netz tobt die Debatte darüber heftig. Als nur zwei Beispiele seien hier ein „Zeit“-Artikel und einer im “Freitag” und vor allem die Leserkommentare unter den entsprechenden Artikeln genannt.
Nie wieder Alkohol
Ich persönlich weiß nicht so recht, was ich von einem Alkoholverbot im ÖPNV halten soll. Einerseits gibt es für meine Nase kaum einen ekelhafteren Geruch als den einer Bierfahne und betrunkene Menschen sind mir nicht die angenehmsten Zeitgenossen. Andererseits geht mir das konstante Verboterlassen gehörig auf den Senkel. Warum ist es so in Mode, mit einem Verbot die große Mehrheit Unschuldiger zu gängeln, nur weil es da draußen immer ein paar unverbesserliche Idioten gibt? Seit wann sind wir so misstrauisch und unterstellen unseren Mitmenschen immer erst einmal das Schlimmste?
Von der Durchsetzbarkeit eines solchen Verbotes einmal ganz zu schweigen. Und das tiefer liegende Problem, dass manche Menschen einfach nicht wissen, wann sie Schluss machen sollten mit dem Alkohol, wird dadurch nur verlagert. Betrunkene Menschen sind überall unangenehm, nicht nur in Bus und Bahn. Das ist dann aber zum Glück nicht mehr das Problem des HVV. Was ist eigentlich der nächste Schritt? Braune Papiertüten wie in den USA, Sperrstunden, Prohibition?!

















liebe alexandra,
das verbot besagt ja nicht, dass man betrunken nicht den öpnv nutzen darf, sondern nur, dass dort kein alkohol zu konsumieren ist … der konsum findet dann in kürzerer zeit vor dem einsteigen und nach dem aussteigen auf dem weg zum club statt … und jeder der seine erfahrungen mit dem alkohol hat weiß: schnell trinken ist das gefährlichste trinken … es wird damit das gegenteil erreicht … und auf dem rückweg sind die, die problem und ärger sind noch betrunkener und daher unberechenbarer. wir reden dann nichtmehr von vorglühen sondern eher von blitz-saufen
Liebe Alexandra,
sehe das Dilemma ähnlich. Auch mich nerven zuweilen die betrunkenen Menschen auf den Straßen oder in öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere wenn sie sich in halbstarken Gruppen in ihrer Unzurechnungsfähigkeit gegenseitig überbieten müssen und besonderen Wert darauf legen, ihr nüchternes Umfeld in ihre Euphorie oder in ihre Aggressionen miteinzubeziehen.
Auf der anderen Seite ist ein Verbot keine Lösung, sondern bewirkt ehe das Gegenteil. Intis Begriff “Blitz-Saufen” finde ich diesbezüglich sehr zutreffend. Ich erinnere mich noch allzu gut an die Sperrstunde in Großbritannien und Irland. Wenn die Glocke zur letzen Runde geläutet wurde, war dies für viele das Startsignal, noch einmal alles zu bestellen, was der Geldbeutel hergab und die Beute in kürzester Zeit zu vernichten. Soweit ich weiß, ist seit Aufhebung der Sperrstunde der Alkoholkonsum zumindest in Irland erheblich zurückgegangen.
Als Einschränkung des Problems dient also ehe eine Veränderung der Werte. Das Alkohol und auch andere Drogen nicht mehr diesen “unverzichtbaren” Stellenwert in der breiten Öffentlichkeit genießen.
Ich habe in einem Selbstversuch mal 1,5 Jahre keinen Alkohol konsumiert. Das Ergebnis war erschreckend. Selbst in sogenannten “gebildeten” Kreisen zählt mensch da schnell zum Spielverderber, selbst wenn es einem nicht direkt ins Gesicht gesagt wird.
Demzufolge ist mir schon klar, wie illusorisch auch mein Lösungsvorschlag ist. Aber die Lösung kann kaum von der Politik erwartet werden, sondern muß von uns selbst kommen.