Hinter uns liegen 2000 Jahre, die von der Frage nach Gott geprägt sind. Martin Walser

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Schon lange nicht zu übersehen, ist sie seit Montag nun endlich geöffnet – die neue Ringbahn-Halle am Ostkreuz. Die erste sichtbare Etappe des noch bis 2016 andauernden Umbaus ist somit beendet.

Was habe ich geflucht und vor allem gewartet in diesen letzten Wochen, als der östliche S-Bahn-Ring zwischen Schönhauser Allee und Neukölln gesperrt war. Da konnte man vom Ostkreuz zum Treptower Park schon mal gut und gerne 20 Minuten brauchen – und nein, nicht zu Fuß, sondern per Schienenersatzverkehrbus. Entsprechend froh und auch ganz schön neugierig war ich also am vergangenen Montag. Nachdem ich ihr die letzten Monate beim Wachsen quasi zusehen konnte, durfte ich die neue Halle nun endlich betreten und begutachten.

Wie am Südkreuz

Mein erster Eindruck war: „Das sieht ja hier genauso aus wie am Südkreuz.“ Dieselbe Art von Dachkonstruktion, dieselben Stellen, an denen die Werbeplakate von der Decke hängen, dieselbe Farbgebung, eine ähnliche Größe und dasselbe Gefühl von Verlorenheit – man kommt sich in der großen Halle so klein vor. Wirklich schön ist sie zwar nicht, aber allemal imposant und ihren Zweck erfüllt sie auch. Und wenn dann erst einmal die Läden bezogen sind, werden sich unter den grauen Beton hier und da noch ein paar bunte Farbtupfer mischen.

2016 soll dieses gigantische Infrastrukturprojekt fertig sein. Der Umbau, der eigentlich ein Neubau ist, findet bei laufendem Betrieb statt. Angesichts der Tatsache, dass bis zu 100.000 Fahrgäste täglich diesen Knotenpunkt passieren, kann man nicht anders, als den Hut vor dieser logistischen Meisterleistung zu ziehen. Mein Ärger über die S-Bahn mindert sich dadurch allerdings nicht.

An das „alte“ Ostkreuz wird dann vermutlich nicht mehr viel erinnern, einzig der denkmalgeschützte Wasserturm wird auch dann noch an seinem heutigen Platz stehen. So wie sicherlich viele Menschen, verbinde ich jede Menge Erinnerungen mit diesem Bahnhof. Viele Jahre war das Ostkreuz Teil meines täglichen Weges, zuerst zur Schule und später auch zur Uni und zum ersten Job. Hier habe ich mich mit meinen Freunden getroffen, um die Bars der Gegend unsicher zu machen. Ich wusste, wie schnell ich rennen muss, um eine bereits eingefahrene Bahn oben oder unten noch zu erreichen; wusste, an welchen Stellen das Dach undicht war und wo man lieber nicht stehen sollte, der Tauben wegen. In wenigen Jahren schon werde ich diese Erlebnisse in Erzählungen nicht mehr mit der entsprechenden Stelle untermalen können und das stimmt mich ein wenig traurig.

Es soll hier jedoch nicht der Eindruck entstehen, dass ich gegen diesen Umbau wäre, denn die Modernisierung ist ganz bitter nötig. Den Spitznamen „Rostkreuz“ erhielt der Bahnhof schließlich nicht von ungefähr und ein zentraler Knotenpunkt ohne Rolltreppen und Aufzüge geht gar nicht.

Gutes Beispiel für die Berliner Entwicklung

Bis zur endgültigen Fertigstellung dauert es zum Glück noch ein Weilchen und ich kann jedem nur empfehlen, bei Gelegenheit diese Baustelle einmal auf sich wirken zu lassen. Oben überstrahlt die neue Halle alles; dahinter liegt der nun nicht mehr gebrauchte Behelfsbahnsteig verlassen da. Unten hingegen ist noch vieles beim Alten. Da gibt es immer noch die undichten Dächer, die schrecklich knarrenden Lautsprecher, die unebenen Fußböden und die kleinen steinernen Abfertigungshäuschen, in denen die Schaffner sitzen. Diesen Kontrast finde ich ungeheuer spannend. Ganz ähnliche Dinge sind übrigens auch gerade am Bahnhof Warschauer Straße zu beobachten, wo die Abrissarbeiten kürzlich begonnen haben.

Das Ostkreuz ist ein gutes Beispiel, um die Entwicklung, die Berlin gerade durchläuft und die die Stadt für viele so reizvoll macht, zu verdeutlichen. Berlin verändert sich, Berlin steht nicht still. Berlin wird schöner, die hässlichen Ecken verschwinden eine nach der anderen. Damit verschwinden auch ein Stück weit persönliche Erinnerungen, aber neue Erlebnisse werden dazukommen. Und noch ist es nicht zu spät, ein paar Sachen auf Film oder Foto festzuhalten. Das Wetter spielt inzwischen ja auch mit.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Alexandra Schade: Merkwürdige Parallelwelt

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