Die Vorrangstellung des weißen Mannes ist heute zu Ende. Peter Scholl-Latour

Gib uns Frieden!

Glückselige Kirchenchöre, patriotische Asylbewerber und eine Handvoll Demonstranten: Die Demonstration gegen den jüngsten Bragida-Auftritt in Braunschweig glich einem Volksfest.

Die gute Nachricht zuerst: Für die Kinder war es ein astreines Räuber-und-Gendarm-Spiel inklusive Straßenkampf und simulierten Jagdszenen durch die Vorgärten. Hier sind sie im Vorteil, hier kennen sie jeden Quadratmeter. Und plötzlich ist es auch nicht schade drum, dass man die Softair-Waffen trotz Betteln zu Hause lassen musste: Die Polizei hat viele echte Knarren dabei, die man aus nächster Nähe anschauen kann, die natürlich ausnahmslos im Holster bleiben, aber trotzdem prima zur Steigerung des Thrills beitragen.

Was die Kinder so elektrisiert hat? Die Bragida-Montagsdemonstration ist bei uns in der Braunschweiger Vorstadt angekommen. Die Veranstaltung war für 18:30 Uhr angekündigt, aber ab 14 Uhr geht nichts mehr in der Siedlung: Geschätzte 130 Polizei-Mannschaftswagen stellen alles dicht – übrigens fast ausnahmslos Marke Mercedes, was hier im Volkswagenland natürlich quer durch alle Parteien als deutlicher Minuspunkt gewertet wird. Der zentrale kleine Platz der Schuntersiedlung wird eingezäunt wie die kleine Tiershow, für 3,50 Euro hinterm großen Zirkuszelt.

Beflaggte Radlertruppe aus Afrika

Dann beginnt das große Warten. Die hohe Treppe der nahe Kirche bietet einen dankbaren Beobachtungsposten aufs noch jungfräuliche Schlachtfeld. Hier zerrt man sonst den Hund hinüber auf dem Weg zum Wald, wo auch die Asylbewerber in ihrer Zentralen Anlaufstelle (ZAST) leben. Hier eilt man also immer schnell vorbei, damit der Wauwau nicht frühzeitig sein drückendes Häufchen abwirft.

Die Kirche füllt sich. Um 17 Uhr hat die Pastorin ein österliches Anti-Bragida-Friedensgebet anberaumt. Also heißt es für Gläubige erst beten, dann Bragida schauen. Ich erspare mir den ersten Teil und schaue schon jetzt. Aber noch tut sich nichts. Die Polizei rüstet in aller Seelenruhe ihre Uniformen auf Star-Wars-Modus. Eine erstaunliche Darth-Vader-schwarze Verwandlung in Serienproduktion. Die Polizistinnen wirken darin breiter als hoch. Aus der ästhetischen Perspektive ist Körpergröße bei diesen Kampfmonturen also ein optisches Plus.

Die Sonne strahlt immer wieder keck durch. Der Wettergott spielt also sporadisch mit. Und dann passiert etwas aus heiterem Himmel und mitten hinein in diese frühlingshafte Demokratie-Groteske, das sich in der Rückschau als das Highlight des Tages herausstellen soll. Und das, obwohl der Braunschweiger Bragida-Showdown noch nicht einmal begonnen hat: Vom Wald her kommen drei farbige Asylbewerber auf klapprigen Rädern die Straße runtergeradelt. Und um ihr Wohl geht es ja hier. Ob ihnen das jetzt bewusst ist?, fragt man sich und schaut dann neugierig, was man aus den Gesichtern ablesen kann. Wie ist die Stimmung, wenn man so im Fokus des Interesses steht? Ängstlich? Traurig? Oder gar ahnungslos? Nö, gar nicht: Die bunte Radlertruppe aus Afrika winkt fröhlich herüber. Und man hat sich zur Feier des Tages etwas Schwarzrotgoldiges ausgedacht: An jedem Lenker weht ein kleines Deutschlandfähnchen fröhlich im Wind!

Mir fällt vor Lachen die Kippe aus dem Mund. Drei Deutschlandfähnchen reichen also aus, um die ganze Situation hier auf den Punkt zu bringen. Was den Verfechtern ethnischer Reinheit nicht recht sein kann, stößt den Linken aber ebenso auf. Denn bei denen denkt man schon mal in so bedingungslosen Kategorien wie „Deutschland verrecke“ und „Deutschland halt die Fresse“ (Zitate von Aufklebern an Laternenmasten). Aber die lustigen Asylbewerber zeigen unbeeindruckt an, warum sie hier sind und nicht anderswo: Aus Sympathie zu diesem verheißungsvollen Land in der Mitte Europas! Gut, vielleicht war das mit den Fähnchen auch nur eine Empfehlung irgendeiner gewitzten Sozialarbeiterin. Aber wenn, dann hat sie damit ganze Arbeit geleistet.

Gefangen zwischen glückseligen Evangelikalen

Nein, dieses Deutschland ist nicht scheiße. Zumindest nicht für die, für die hier ein ganzes Viertel bereit ist, aufzustehen, um die Okkupation ihres Platzes gegen ein paar wenige Rechte zu verteidigen. Die kommen dann auch endlich, sorgsam behütet wie frisch bemalte Eier – geleitet von einer Hundertschaft Polizei. Das übliche Nach-Dresden-Tamtam kann also beginnen: Die Pastorin läutet mit ihren Kirchenglocken im Endlosmodus. Und der Platz auf der Kirchenempore mit Blick auf Bragida erweist sich noch einmal mehr als perfekte Wahl. Ein gottgefälliger Bragida-Logenplatz!

Im Hintergrund, ab vom Schuss, versammeln sich weitere Gegner. Fahnen wehen in allen Rottönen herüber. Eine ragt besonders heraus, sowohl im Format als auch farblich: Die FDP hat neben der Cannabis-Legalisierung endlich ihr Thema gefunden – den antifaschistischen Widerstand. Oder sie haben sich entschieden, nach der Pleite mit dem versuchten Kostümwechsel einiger Gelbuntreuer zur AfD Reue an den Tag zu legen. Die Fahne weht entsprechend ausdauernd. Irgendwann sogar neben der Flagge der Antifa. Wem das dann weniger recht sein kann, ist aus der Kirchenperspektive jedenfalls nicht erkennbar.

Eine Sambagruppe vertont das Flattern des liberalen Banners. Bragida wird zum Jubeltag für die Braunschweiger Christian-Lindner-Osterhäschen. Wenn das auf keinem Foto der Medien erscheint, würde das schon an ein Wunder grenzen.

Hinter mir wird es enger, vor mir voller: Das Friedensgebet ist beendet und die 35 oder 65 Bragida-Vertreter sind auch schon alle da. Mehr werden heute nicht kommen. Die Kirchgänger kommen mit Kerzen in den Händen ans Tageslicht. Man schiebt und drückt sich eng zusammen, bis jeder einen guten Sichtplatz hat. Unterhalb postieren sich die Presseleute. Ein schönes Motiv. Und bis hier hin bin ich noch völlig sicher, alles richtig entschieden zu haben. Sogar Frau kommt noch vorbei und schafft es, sich zu mir durchzudrängeln, als es passiert: erst ganz leise, dann immer mehr im Brustton der Überzeugung. Ein Summen, das sich zu einem vollendet schwungvollen, glockenhellen Kanon auswächst: „Dona nobis pacem, Dona nobis pacem.“

Ich schaue Frau an, sie schaut mich an. Aber wir stecken längst beide fest zwischen den glückseligen Evangelikalen. Die Enge der Kirchenempore lässt kein Entrinnen mehr zu. Flucht ausgeschlossen. Nach einer gefühlten Ewigkeit frage ich entnervt eine Alte mit Kerze mitten in ihren Singsang hinein, wie viele Strophen das Stück denn nun noch hätte.

„Nur eine“, haucht sie mich an. Und mir wird klar, sie singen ihr Dona nobis pacem in Endlosschleife. Ein evangelisches Mantra gegen Bragida soll es sein. Sie singen an, gegen die Ungerechtigkeit der Welt, für das Leben, für eine bunte Stadt und weiß der Teufel, was noch alles schön sein kann, wenn man bereit ist, einfach immer dasselbe zu singen. Sie singen sich Mut an, gegen das Böse vor ihnen, das sich da so verdächtig harmlos auf unserer Festplatzwiese zusammenrottet.

Auch die Rechten feiern Ostern

„Dona nobis pacem!“ Und das heißt übersetzt: „Gib uns Frieden.“ Und wer könnte da schon etwas dagegen haben? Selbst die Braunen auf der grünen Wiese suchen ja ihren Frieden. Nur ganz anders eben. Ganz für sich. Ohne die anderen. Ohne uns. Sogar ohne alles irgendwie.

Schon lange nach dem Dunkelwerden tauchen auch die Kinder endlich wieder als Überlebende aus dem Getümmel auf – also gerade so mit letzter Kraft. Sogar eine Polizeipferd-Attacke soll dabei gewesen sein! „Passiert das jetzt jeden Montag?“, fragen sie hoffnungsvoll. „Nö“, sage ich. „Ostermontag fällt aus.“ Da feiern auch die Rechten Ostern. Die haben aber immer Schwierigkeiten, sich zwischen braunen und weißen Eiern zu entscheiden. Vielleicht muss man ja manche Dinge auch einfach dem Zufall überlassen, denke ich. Dem Lauf der Zeit. Die wird’s dann schon richten.

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