Bundesligatrainer ist ein sehr viel sicherer Job als SPD-Vorsitzender. Christian Wulff

Der Impf-Zirkus

Alexander Wallasch wehrt sich als Vierfach-Vater gegen gut gemeinte Ratschläge von selbsternannten Impf-Experten.

Die Kolumne ist eine Replik auf Alissia Passias: Masern für den Prenzlauer Berg

Die alte Dame, die jahrzehntelang bei meiner Großmutter zur Untermiete wohnte, war kinderlos. Genauer, sie hatte keine Kinder mehr. Aber ein Pendant zu „Waise“, bezogen auf überlebende Eltern, gibt es nicht in der deutschen Sprache. Wahrscheinlich, weil nicht sein darf, was der Natur widerspricht. Einzig der Tod ist gewiss. Er ist die Konstante für Religionen und Philosophien.

Die Untermieterin meiner Oma hatte zwei Kinder. Beide starben unmittelbar nach einer Zwangsimpfung noch vor dem Ersten Weltkrieg. Nur ein paar alte Fotografien sind der Frau über die vielen Jahrzehnte hinweg geblieben.

1907 erklärte ein Dr. med. M. Bachem aus Frankfurt a. M.:

Wenn ein Kind am Sonnabend geimpft wird und am Mittwoch stirbt, so ist folgendes zu bedenken:
1. Es dürfen nur derartig gesunde Kinder geimpft werden, dass die Impfung keine Gefährdung bedeutet.
2. Es gibt starrköpfige Esel, die niemals einen Impfschaden dem Publikum gegenüber zugeben.
3. Auf diese Weise wird auch bei einem so einleuchtenden Falle, wie Tod innerhalb 5 × 24 Stunden, stets ein ,zufälliger‘ Krankheitsausbruch angenommen werden.
4. Ich persönlich glaube allen Grund zu haben, Tod und Impfung in kausalen Zusammenhang zu bringen.

Unwissenheit und Angst vor Strafverfolgung

Für die Mutter der beiden verstorbenen Kinder war das natürlich kein Trost.
Höchstens eine weitere Steigerung des schlechten Gewissens, schließlich war sie es ja höchstselbst, die ihre beiden Kinder dem Impfarzt zugeführt hatte. Aus Unwissenheit ebenso, wie aus Angst vor Strafverfolgung.

Strafverfolgung musste allerdings nicht jeder fürchten, so schrieb die „Leipziger Abendzeitung“ am 10.06.1892:

Sind die Kaiserkinder geimpft? „In dem sich anschließenden Meinungsaustausch bat jemand aus der Zuhörerschaft um Bestätigung der Mitteilung, dass die Kinder des Kaisers nicht geimpft wurden und um Angabe des Grundes, weshalb die Impfung unterblieb. Herr Dr. med. Hübner antwortete, dass er bald nach der Geburt des jetzigen Kronprinzen im Jahre 1882 an den Vater desselben, den damaligen Prinzen Wilhelm, eine von ihm über die Schädlichkeit der Impfung abgefasste Broschüre eingesandt habe mit dem Bemerken, dass er es für seine patriotische Pflicht halte, dringend von der Impfung des jüngsten Hohenzollern-Sprösslings abzuraten. Bald darauf hat Herr Dr. Hübner vom Hofmarschallamte den Bescheid erhalten, dass Prinz Wilhelm, also unser jetziger Kaiser, mit Interesse von dem Inhalt der Broschüre Kenntnis genommen. Das Ergebnis dieser Eingabe war, dass sämtliche Prinzen unseres jetzigen Kaiserhauses ungeimpft sind.

So viel zunächst exemplarisch an zwei Fällen zur Frühgeschichte der Impfungen. Konzentrieren wir uns jetzt mal auf das Geschrei und die Häme, die gerade über Prenzlauer-Berg-Mütter ausgeschüttet werden, stellvertretend für eine wachsende Zahl impfkritischer Menschen.

Da verschlägt es einem schon die Sprache, wie die kinderlose Kollegin Passia in „Bild“-Zeitungsmanier und jenseits jeder Rezeption über die Bedenken von Eltern hinwegfegt und „extrem dumme“ Absätze formuliert wie diesen hier:

Setzen diese egoistischen Vollpfosten das Leben ihrer Kinder aufs Spiel und brüsten sich auch noch stolz mit Argumenten wie „Geimpfte Kinder kann es auch treffen“, „Eine Impfung schützt vor Krankheit nicht“. Dass da das Jugendamt nicht auf die Barrikaden geht, verwundert mich schon sehr. Die berühmten Doppelnamen-Kinder und die Fehl-Entscheidungen ihrer Eltern – dagegen ist leider noch kein Kraut gewachsen.

Eltern stehen vor einem Dilemma

Da die Autorin keine Mutter ist, also eine Impfentscheidung (noch ist Impfen aus gutem Grunde freiwillig, was gerne vergessen wird!) bisher nie treffen musste, steht sie doppelt in der Pflicht, sich dem Thema seriös anzunähern. Das verweigert sie aber. Sie ist also eine Seriositätsverweigerin. So als wäre Seriosität etwas Vermeidbares. Dabei stehen Eltern heute vor einem unüberbrückbaren Dilemma: Einerseits besteht die seriös nachgewiesene Möglichkeit von Impfschäden, auf der anderen Seite besteht – wie bei Masern – die seriös nachgewiesene Möglichkeit von Folgeschäden der Krankheit selbst.

Es ist also zunächst einmal eine höchstkomplizierte, auch ethisch moralischen Anforderungen unterliegende elterliche Abwägungssache. So besteht zunächst einmal die Pflicht für Vater und Mutter, sich zu informieren, welche Gefahr für ihr Kind überwiegt, wie hoch die Gefahren überhaupt sind und was der Arzt des Vertrauens rät. Auch da gibt es übrigens durchaus geteilte Meinungen: Bei ganzheitlich arbeitenden Ärzten geht das eher in Richtung eingeschränkte Impfungen, also nicht alle machen und schon gar keine Fünffach-Impfungen an Säuglingen vornehmen oder gar nicht impfen. Bei schulmedizinisch tätigen Ärzten geht es eher in die Richtung des von den Gesundheitsämtern empfohlenen Impfprogramms.

Das heißt zunächst einmal, dass es für Eltern überhaupt kein Richtig oder Falsch geben kann. Dass es also auch keinen Grund geben kann, sich von Frau Passia als „Vollpfosten“ beschimpfen zu lassen. Da meine Kinder nicht gegen Masern geimpft wurden, nehme ich das auch persönlich.

Ganz nebenbei bemerkt, wurden die Zähne meiner Kinder auch niemals bei Schuluntersuchungen fluoridiert. Das haben wir jedes Mal explizit schriftlich untersagt. Die Maßnahme wird angeboten, weil schlechte Zähne – da denkt die Schulmedizin wieder sehr ganzheitlich – Krankheitsherde für den gesamten Organismus entstehen lassen können. Ergebnis: Keines unserer Kinder (11-18) hat auch nur ein einziges Loch im Zahn. Unsere Krankenkasse hat, bis auf die üblichen Kontroll-Untersuchungen, für unsere Kinder noch keinen Euro für irgendeine wie auch immer geartete Zahnsanierung ausgeben müssen. (Wer sich die Zeit nimmt, konsequent darauf zu achten, dass die Kinder ihre Zähne putzen, ist übrigens nah dran am Erfolgsgeheimnis: „Überleben ohne Fluor“.)

Die Eltern mögen sich doch selbst informieren

Aber zurück zu den Masern. Die Debatte über ein Für und Wider einer Impfung ist durchaus ergebnisoffen. Dann nämlich, wenn man – anders als Frau Passia – gewillt ist, beide Seiten zu betrachten, anstatt die Sache nur im „Bild“-Schlagzeilen-Modus durchzuhecheln. Da mögen sich die Eltern einfach selbst informieren. Informationen zur Debatte gibt es ja genug. Wenn man zunächst den Absender einer Haltung kritisch betrachtet, dann der inneren Logik folgt und alle Beiträge seriös einordnet, wird es gleich deutlicher.

Zum Schluss und als bescheidenes Gegengewicht zur aktuellen „Impfverweiger sind Vollpfosten“-Hysterie ein paar nicht repräsentative Fakten und Denkansätze:

Masern-Komplikationen treten bevorzugt in der Dritten Welt auf. Warum? Kann es an einem oft desolaten Gesundheitszustand der Kinder dort im Vorfeld der Infektion liegen?

Fakt ist, dass die Häufigkeit von Komplikationen bei Masern mit dem Alter des Infizierten ansteigt. Nun haben aber gerade die Masernimpfungen dafür gesorgt, dass aus einer Kinderkrankheit immer öfter eine Krankheit bei Jugendlichen geworden ist. Erst die Impfprogramme sorgten hier für eine gefährliche Verschiebung. So zeigt sich bei der sogenannten Masernenzephalitis folgende alarmierende Häufigkeit: bei Kleinkindern kann gerade einmal jedes 15.000ste Kind betroffen sein, bei Kindern zwischen vier und zehn bereits jedes 2500ste Kind und bei Jugendlichen schon jedes 1000ste.

Interessant ist auch die sogenannte Auffrischung. Jeder einigermaßen mit der Materie vertraute Mediziner wird Ihnen bestätigen, dass es hier überhaupt nicht um eine Auffrischung der ersten Impfung geht, sondern darum, ein Versagen der ersten aufzufangen. Da allerdings nur geschätzte 5 Prozent der Erstimpfungen ins Leere gehen, werden 95 Prozent beim zweiten Mal völlig umsonst einem Risiko ausgesetzt! Man könnte natürlich eine Blutuntersuchung stattdessen vornehmen und lediglich die so identifizierten Versager nachimpfen, wenn man ein Impfbefürworter ist. Oder nicht?

Igitt, Würmer!

Zuletzt müssen Eltern dann auch noch darüber nachdenken, was eine überstandene Maserninfektion möglicherweise für das Kind bedeutet: Angefangen, vom Schutz, den die Mutter an das Kind weitergibt, also eine Art natürlich Impfung, bis hin zu der Frage, was dran ist an der Behauptung, dass Kinder, die bereits Masern hatten, auch gegenüber harmloseren Krankheiten ein vielfach besseres Immunsystem vorweisen.

So wie es auch ausgewiesene Mediziner und Fachleute gibt, die herausgefunden haben wollen, dass Kinder, die Madenwürmer hatten, besser gegen Neurodermitis geschützt sind. Igitt, Würmer! Glauben Sie nicht? Der Ärzteverband deutscher Allergologen sagt dazu:

„Die Erforschung der zellulären Kommunikation zwischen Würmern und unserem Immunsystem könnte die Basis für die Entwicklung einer antiallergischen Schutzimpfung sein. Angesichts der vielen allergiekranken Kinder hierzulande sind präventive Maßnahmen extrem wichtig“, sagt Professor Dr. Gerhard Schultze-Werninghaus, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie (DGAKI).

Nun bin ich gespannt, was unsere kinderlosen Impfbefürworter dazu sagen, wenn es demnächst auch noch eine Wurmpflicht gibt. Als Vierfach-Eltern haben wir dieses Thema schon mehrfach auf natürliche Weise durchlebt. Wir dämlichen Vollpfosten sind also ein stückweit Igitt-immun, wie wir Gott sei Dank auch immer Passia-immuner werden.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Berlin, Prenzlauer-berg, Impfung

Kolumne

Medium_aa7d3091a0
von Alissia Passia
08.03.2015

Kolumne

Medium_b3ff33f52d
von Nils Pickert
12.07.2013

Gespräch

Medium_7d4cd3d008
meistgelesen / meistkommentiert