Es gibt kein Recht auf Faulheit in unserer Gesellschaft. Gerhard Schröder

Der Spaß fällt aus

Die Braunschweiger Sicherheitsorgane haben mit der Absage des Karnevals alles richtig gemacht. Denn schon ein tragisches Einzelschicksal, ein Unfall würde ausreichen, die Lockerheit und den Spaß für immer zu kontaminieren.

Der Braunschweiger Polizeipräsident Pientka trat am Sonntag um 14:30 Uhr vor die Mikrofone und Kameras und stand den wartenden Journalisten Rede und Antwort. Ein besonnener Mann, der mit ruhiger Stimme, aber sichtbar innerer Anspannung, nun erklären musste, warum der Braunschweiger Karneval abgesagt wurde. Zu dem Zeitpunkt konnte er mitteilen, dass wohl ein Informant aus der Islamisten-Szene dem Staatsschutz mitgeteilt hatte, dass es zu einem schwerwiegenden Ereignis kommen würde.

Da die Polizei anschließend zwei verdächtige Objekte, von denen sich eines als harmloser Pappkarton in einer Mülltonne herausstellt, ins Visier nimmt, kann man spekulieren, dass der Informant möglicherweise vor einem Sprengstoffattentat irgendwo entlang der Strecke gewarnt hat.

Das sind also die bekannt gewordenen spärlichen Informationen. Der Informant steht seitdem im Interesse der Öffentlichkeit, ohne dass irgendjemand weiß oder in naher Zukunft wissen wird, um wen es sich da genau handelt. Der Mann muss aber von den Diensten und der Polizei in einer Weise ernst zu nehmen gewesen sein, die es rechtfertigte, aufgrund dieser einen konkreten Warnung eine der größten Veranstaltungen Niedersachsens abzusagen.

Braunschweig ist mehr als nur die Stadt selbst

Gestatten Sie mir als Braunschweiger zunächst ein paar persönliche Worte. Braunschweiger Karneval ist – noch einmal mehr, wenn man Kinder hat –, neben den christlichen Feiertagen und den familiären Feiern, bei allen Braunschweigern gleich welcher Herkunft, seit vielen Jahrzehnten eine feste Größe. Speziell bei uns war 2015 das erste Jahr, in welchem wir unsere Kinder, weil nun alt genug, alleine dort hinschicken wollten. Darauf freuten wir uns, denn mit Karneval ist es ein bisschen wie mit Weihnachten: Es strengt über die Jahre auch gerne mal an.

Die Absage erreichte unsere Kinder mitten in den Schminkvorbereitungen. Zunächst überdeckte noch die Sensation der Absage und die Live-Fernsehübertragung den Unmut. Dann kam die Enttäuschung. Es wird also dieses Jahr nicht die kiloschweren Bonbon-Tüten geben, die man sich sonst immer frierend und zitternd an der Strecke erobern konnte.

Karneval in Braunschweig ist aber noch mehr als Bonbons satt. Die große Sause ist auch zum festen Wirtschaftsfaktor geworden. Die anliegende Gastronomie hat sie ebenso im Plan wie sie zahlreiche Unternehmen nutzen, um sich einmal im Jahr ihren Braunschweigern zu präsentieren. Zu sagen: Wir sind noch da! Die Fleischerei-Innung, die Banken, aber auch die Schulen und Kindergärten sind präsent. Jeder Braunschweiger fühlt sich von irgendeinem der bunten Wagen besonders vertreten.

Und der Braunschweiger Karneval zeigt auch, dass Braunschweig eben noch mehr ist als nur die Stadt selbst: Die umliegenden Gemeinden entsenden ihre Spielmannszüge, Ortschaften, die man mal im Vorbeifahren streift, bekommen einen Tag im Jahr ein Gesicht. Lustige Gesichter, geschminkte Gesichter, Menschen, die so viel Humor haben, sich nicht zu scheuen, sich mal für ein paar Stunden richtig lächerlich zu machen: Männer in Strumpfhosen, Frauen im viel zu engen Biene-Maja-Kostüm und Dorfschönheiten im kurzen Rock und dicken Strumpfhosen, die zwar nicht sehr sexy aussehen – auch wenn das möglicherweise ihr Anliegen war –, die aber gerade deshalb auf so besondere Weise menscheln.

Na klar, Braunschweig ist nicht Köln oder Düsseldorf. Das weiß jeder hier und es stört niemanden. Auch wenn er immer ein Ableger der ganz großen Jeckenpartys bleiben wird, hat der Braunschweiger Karneval seine Besonderheiten. Er ist erdverbunden, niedersächsisch, ein bisschen spröde, aber eben der eine Augenblick im Jahr, wo alle zusammenkommen. Wo man sich identifiziert mit irgendwas, aber immer mit seiner Stadt. Die Eltern geben es an die Kinder weiter, die Kinder an ihre Kinder. Eben eine Tradition, die keinem wehtut und vielen richtig Spaß macht.

Eine mutige Entscheidung

2015 fiel der Spaß aus. Stunden vor dem Anpfiff des Zuges. Hunderttausende von Euro wurden dabei mit einem Schlag vernichtet, ebenso wie zahllose Arbeitsstunden, die Menschen in diesen Spaß investiert hatten. Und das alles wegen eines Mannes, der eine Warnung aussprach, die Braunschweiger Sicherheitsexperten so ernst nahmen, dass sie eine Absage erteilten.

War das eine richtige Entscheidung? Na sicher. Es ist ja „nur“ ein Karneval. Ein Spaß. Und wer sich an den Auslöser zur Beendigung der Fernsehsendung „Wetten, dass ..?“ erinnert, der weiß, dass bereits das tragische Schicksal eines Einzelnen, dass bereits ein Unfall ausreicht, die Lockerheit, die Freude und den Spaß für immer zu kontaminieren mit Sorge, Angst oder nur einem unguten Gefühl. Wären also beim Braunschweiger Karneval Menschen verletzt oder gar getötet worden, weil man die Warnung des Informanten nicht ernst genommen hätte oder fälschlicherweise angenommen hätte, man würde die Gefahr in den Griff bekommen, der Braunschweiger Karneval wäre nie mehr derselbe gewesen. Er wäre vorbei gewesen.

Die Sicherheitsorgane, allen voran der Braunschweiger Polizeipräsident, haben also alles richtig gemacht und eine mutige Entscheidung gefällt. Das allerdings täuscht nicht darüber hinweg, dass wir über die Ursachen sprechen müssen. Die islamische Gemeinschaft in Braunschweig erklärt, sie sei „fassungslos und sehr betroffen“. Der Polizeipräsident erklärt, Braunschweig und Umgebung sei ein Brennpunkt des Islamismus in Niedersachsen. Zwei Gegensätze, die jeder Einzelne nun auf vernünftige Weise zusammenbringen muss. Am Montagabend wird sich allerdings zeigen, dann nämlich, wenn die Braunschweiger Bragida wieder vor dem abgedunkelten Schloss gegen eine Islamisierung des Abendlandes spazieren geht, dass Braunschweiger durchaus differenzieren können zwischen friedlichem und mordendem Islam.

Dass das allerdings zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, hat man verstanden, da hilft es auch nicht, wenn unsere Politiker und die geschockten Islamverbände betonen, dass der „Islam nicht Terror ist, und Terror nicht Islam“. Natürlich ist der Islam auch Terror. Und der Westen führt seit 9/11 einen Krieg gegen diesen Terror. Und auf muslimischer Seite, also in Kulturkreisen und in Gegenden mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung, wütet dieser Krieg und zieht eine Schneise der Verwüstung. Allein im Irak mussten fast eine Million Zivilisten dafür ihr Leben lassen. In Afghanistan Hunderttausende und in Syrien und überall sonst, wo westliche Armeen und Waffen den aggressiven Feind bekämpfen, fließt das Blut in Strömen.

Wenn wir das auch in Braunschweig mitdenken, wenn wir die Verzweiflung einmal thematisieren, die der Westen selbst mit erzeugt, indem wir den Konflikt und die Auseinandersetzung aktiv angenommen haben, sollten wir uns vielmehr darüber wundern, dass solche Veranstaltungen wie der Braunschweiger Karneval überhaupt noch möglich erscheinen. Denn die Millionen Moslems unter uns, von denen die meisten sehr, aber wenige auch gar nicht integriert sind in unsere westeuropäische Gesellschaft, haben noch enge Kontakte in die Herkunftsländer ihrer Vorfahren. Kontakte in potenzielle und echte Kriegsgebiete. Das Gefälle zwischen dem eigenen Leben im Westen und der Hoffnungslosigkeit der Verwandten kann doch kaum größer sein.

Ein paar Söhne basteln im Keller Bomben

Und es ist keine Lösung in Sicht. Zukünftige Konflikte sind nicht eingedämmt, sondern nur noch größer geworden, wie das Beispiel IS-Kalifat eindrucksvoll bestätigt. Was macht das also mit jungen verwestlichten Moslems, die noch dazu in ausgewählten Moscheen eine neue Heimat gefunden haben, mitten in dieser seltsam ambivalenten Heimat Europa, die ihnen immer noch keine wirkliche Chancengleichheit gegenüber ethnisch deutschen Schulkameraden eingeräumt hat? Sie radikalisieren sich, sie generieren immer mehr Mitgefühl mit den Verwandten in den Kriegsgebieten, sie lernen ihn kennen: den Hass und Zorn auf den Westen. Sicher nicht bei allen. Sogar bei den wenigsten, denn die westlich-demokratische Kultur gehört unbestritten zu den attraktivsten der Welt. Aber es braucht nur wenige Gewaltbereite, um Hunderttausende auf sich zu fokussieren.

Auch unsere muslimischen Nachbarn feiern gerne Karneval. Braunschweiger Muslime feiern sogar genauso gerne Karneval wie alle anderen. Aber ein paar ihrer Söhne basteln im Keller scheinbar Bomben. Zumindest war das die Befürchtung der Braunschweiger Polizei. Und darauf musste sie reagieren, indem sie den Karneval absagte. Der Krieg im Nahen Osten geht unterdessen weiter, er tötet täglich Muslime. Muslime, die wiederum andere Muslime töten, die Christen töten, und Menschen jeder Glaubensrichtung. Einfach, weil das Töten ihnen zur neuen Religion geworden ist: einer Religion mit muslimischen Wurzeln.

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