Die Menschen, die das Unternehmen formen, sind der wichtigste Erfolgsfaktor. Richard Branson

Das war kein Spaziergang

Wenn Hundehalter sich beim Gassigehen treffen, kommen sie meistens sofort ins Gespräch. Neben Smalltalk bringt das manchmal auch Erkenntnisse mit sich, auf die man gerne verzichtet hätte.

Spaziergang mit Hund heißt auch andere Spaziergänger mit Hund treffen. Schneller kommt man wohl kaum ins Gespräch. Zum einen – klar – über die Freuden und Nöte der Vierbeiner. Dann aber auch über die der Zweibeiner. Und wer zuhören kann, der erfährt auch was. Sogar solche Informationen, auf die man im Nachhinein möglicherweise auch hätte verzichten können. Aber so ist das nun mal. Und so war das auch diesen Sonntag.

Ein Masterthema aus dem Bereich „Zweibeiner“ war dieses Mal: Montag wieder zur Arbeit! Meine Gesprächspartnerin war bis vor kurzem Reinigungskraft in unserer Zentralen Anlaufstelle für Asylbewerber. Und sie startet ihre Ausführungen darüber mit dem Satz: „Seit ich das machen musste, bin ich ausländerfeindlich.“ Soll man das Gespräch nun gleich abbrechen? Ich kenne die Frau ja gar nicht. Und sie war ja bis zu dem Satz echt nett. Bodenständig. Sehr verständnisvoll mit den Hunden und sogar mit mir.

„Ob die auch Vollkorn bekommen?“

Und weil ich nichts dergleichen tue, sondern sie aus Neugierde sogar noch anstachle mit einem interessierten Blick, kommt sie ins Plaudern. Erzählt von „echt gruseligen, hygienischen Zuständen“, die allerdings nicht einmal mit der Wohnsituation selbst zu tun hätten, sondern – so behauptet sie im Brustton der Überzeugung – mit der kompletten Verweigerung der Menschen dort, ein Minimum an Pflege selbst zu leisten.

Alles würde dort für die Asylsuchenden erledigt werden. Vom Wäscheservice bis zu drei Mahlzeiten am Tag, um die „unsereiner neidisch wäre!“ Es gäbe dort nicht das normale Toastbrot zum Frühstück, sondern sogar – man stelle sich das mal vor! – „das gute American Toast“. Zum Abendbrot würden „die besten Fischdosen serviert und nicht wie bei uns die billigen aus dem unteren Regal.“

Es ist also doch keine Selbstversorgung wie im Ferienhaus in Dänemark, denke ich. Aber was kaufen die dann immer in meinem Penny? Egal. American Toast jedenfalls haben wir zu Hause auch. Unsere Kinder essen das billigere Normale auch nicht. Meine Frau besteht allerdings – das Murren unserer Kinder ignorierend – auf die Vollkornvariante der Americans. „Ob die auch Vollkorn bekommen? Nee, das weiß ich nicht mehr“, erklärt meine Zufallsbegleitung, als ich nachfrage.

Eine Kollegin hätte sich sogar mit einem der „Neger“ dort eingelassen. Das hätte zu nichts Gutem geführt, die hätte ja eh schon drei Kinder. Ich frage, was da so für Asylsuchende wären, ob es nur Farbige seien. „Ne, ne, ganz bunt gemischt“, antwortet sie, als hätte ich was Blödes gefragt. Dann folgt eine Abhandlung über ihre Reinigungsarbeiten, die man hier kaum wiedergeben kann, von Duschen, die als Aborte benutzt werden, die sie dann zu reinigen hätte, von „Negern“, die „überall auf den Fluren hinrotzen und auf den Boden schnäuzen“, was man dann noch zusätzlich täglich mit der Maschine wegzuschrubben hätte. Es sei alles „so unfassbar widerlich gewesen.“

Aber am schlimmsten sei es montags. „Eigentlich ist Alkoholverbot, aber am Wochenende sind die Kontrollen weg.“ Sie erzählt von vollgekotzten Gemeinschaftsräumen, die man kaum betreten mag. Und wenn sie die Toiletten säubern muss, würden sich die Männer gar nicht darum scheren, ob sie da nun tätig sei oder nicht und ungeniert „ihre Dinger rausholen“ und an die Urinale treten. Wenn sie Einspruch erhob, wären bedrohliche Situationen entstanden. „Gesicht an Gesicht!“ Sie hätte dann regelmäßig die Security oder den Hausmeister holen müssen, der dann dabei bleiben musste, bis sie mit der Toilettenreinigung fertig war.

Schlägereien nur das Tüpfelchen auf dem i

Und dann solle ich mir doch mal die Kinderwagen der Asylsuchenden anschauen (mir kommt es vor, als spräche sie es wie eine Mischung aus Asozialer und Asylsuchender aus, aber ich kann mich verhört haben). Wahrscheinlich erzählt sie es mir, weil ich ihr zuvor erzählte, das ich vier Kinder habe. Diese Kinderwagen seien „das Feinste vom Feinsten! – Dreirädrig sogar!“ Kinderwagen also, „die deutsche Hartz-IV-Bezieher niemals bekommen“. Im Gegenteil, die müssten sich welche gebraucht besorgen. Ihr Mann hätte sie dann dort herausgeholt, als er die täglichen Horrorstories nach Feierabend nicht mehr ertragen konnte.

Die vielen Schlägereien wären dabei nur das Tüpfelchen auf dem „i“ gewesen. Und beim nahen Supermarkt bräuchte sie es gar nicht erst als Kassiererin versuchen, hatte er gleich erklärt. Das sei nun auch schon viel zu gefährlich geworden. Trotz der Security, die dort nun neuerdings ebenfalls für mehr Ordnung sorgen und das Personal schützen soll. Ich frage noch, ob das denn dasselbe Sicherheitsunternehmen sei, wie in der Anlaufstelle, aber dazu weiß sie nichts.

Frauen und Männer wären dort jedenfalls gemischt in sechs Häusern untergebracht. Auch Familien dabei. Und die dummen deutschen Mädchen würden immer schon vor dem Tor auf ihre „Neger“ warten. Eine Kollegin hätte sich auch „einen besorgt“. Aber das wäre nicht gut gegangen, sie hätte ja schon drei Kinder. Aber das hatte sie mir ja schon vorhin erzählt. Und dann ist unsere Hunderunde beendet, die Hunde sind müde vom Herumtollen, mir dröhnt ein bisschen der Kopf und wir verabschieden uns.

Hätte ich ihr auf die Schnelle einen theoretischen Vortrag halten sollen?

Warum ich Ihnen das erzähle? Zunächst mal einfach, weil es genau so passiert ist. Und weil ich nur wenige Kilometer entfernt von dieser Anlaufstelle wohnen und weil ich nun eine Information aus erster Hand darüber erhalten habe, die überhaupt nicht zu dem passt, was ich mir bisher darunter vorstellen wollte. Und natürlich weiß ich um die subjektive Wahrnehmung. Über meine ebenso wie jetzt über die meiner Gesprächspartnerin. Und ich kann mir auch vorstellen, dass so eine Putztätigkeit kein Zuckerschlecken ist. Vielleicht sogar eine Tätigkeit, die große Verbitterung mit sich bringt, wenn man sich am Ende des Tages nicht einmal das bessere Toastbrot leisten kann, weil man nur „4 bis 5 Euro“ verdient, wie sie ebenfalls preisgab.

Aber was nun mit dieser Verbitterung der Fremden anfangen? Hätte ich ihr auf die Schnelle einen schlauen theoretischen Vortrag halten sollen über Menschlichkeit, Hilfsangebote, über gefährliche Fremdenfeindlichkeit, womöglich gar über Verantwortung, über spezielle deutsche Verantwortung, oder über die vielen Nöte und Sorgen, die solche Menschen haben, wenn sie aus ihren Ländern flüchten müssen und hierherkommen in ein sicheres zwar, aber eben auch in ein völlig unbekanntes Land mit einer unbekannten – sicher auch beängstigend freien – Kultur?

Nun bin ich mir ganz sicher, von all dem weiß sie selbst. Aber das ist eben nur eine weitere Wahrheit für sie, neben ihrer subjektiv eigenen, die für sie bedeutend mehr Gewicht hat, weil weniger abstrakt. Gibt es also mehrere Wahrheiten, je nach dem, in welcher Ecke man steht? Die nette Frau sagt von sich, sie sei nun aus eigener Erfahrung „ausländerfeindlich“ geworden. Das ist sehr traurig. Denn es klang zudem auch wie eine für sie ab jetzt unveränderbare Tatsache.

Haben Sie vielleicht einen Vorschlag?

Und da fiel mir nun die aktuelle Kolumne von Sebastian Pfeffer ein, der schrieb dort einen sehr wahren Satz. Einen Satz, der jetzt so gut zu meinem Sonntagsspaziergang passt, wo er vorher noch abstrakt geblieben war: „Schwups haben wir eine Meinung parat und denken nur noch, um sie zu begründen.“

Weiter geht es bei Pfeffer so: „Dabei sehen wir andere, störende Argumente nicht – selbst wenn sie stark wie ein Gorilla sind. Weil die Automatismen in unserem Hirn mächtiger sind. Daraus resultiert Ignoranz. Und die ist fatal für eine demokratische Gesellschaft, weil sie auf den offenen Austausch von Ideen und Argumenten angewiesen ist.“

Was zunächst banal klingen mag, wird also wahrer. Ich bin mir nur völlig im Unklaren, wie die ansonsten sehr nette Dame diese Pfeffer-Erkenntnis nun mit ihrer aktuellen Haltung synchronisieren könnte. Wie sie, was sie mir nun vertrauensvoll unter vier Augen im Freien erzählte, zu etwas Positivem und Zukunftsfähigem hin verändern könnte. Haben Sie vielleicht einen Vorschlag? Mir fällt spontan nur soviel ein: Fühlt sich unsere Gesellschaft vielleicht deshalb oft so desolat an, weil die Armen sich lieber gegen andere Arme verbünden als endlich mal gemeinsam gegen die Reichen aufzustehen?

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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