Ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht blöder. Guido Westerwelle

Die Dämonen des Herrn Augstein

Dämonisierung statt politischer Isolierung der AfD: Jakob Augstein mutiert zum lupenreinen Antidemokraten.

Gut, der Herr Augstein ist vorsichtiger als andere. Oder feiger. Von Antisemitismus mag er nicht sprechen, immerhin gilt er seit ein paar Jahren selbst als einer der zehn meistverdächtigen Antisemiten der Welt, wenn es nach Henryk M. Broder geht. Geht es aber nicht. Herr Augstein jedenfalls begnügt sich bei der Einsortierung des Herrn Lucke und seiner AfD mit den „Deutschnationalen“, wenn er feststellt: „In der AfD erlebt das Gedankengut der Deutschnationalen seine Wiederauferstehung.“ Jene Deutschnationalen, die in der Weimarer Republik nun aber besonders durch eines aufgefallen sind: üblen Antisemitismus.

Ein schäbiger Winkelzug. Und eine schäbige Attacke als illegitimer Wortführer einer sich aktuell gerade den Linken andienenden Phalanx aus SPD und Grünen. Das Einzige, was Augstein noch scheut, ist das Label einer der beiden Parteien am Breitcordrevers. Klar, man ist ja nur „Im Zweifel links“. In seiner neuesten Kolumne nun ist er eines zweifellos: Antidemokrat. Einer, der die Arbeit des politischen Gegners eine „Schande“ nennt. Da muss dann ausgerechnet der AfDler Olaf Henkel dem Antidemokraten Augstein erklären, dass früher von Schande gesprochen wurde, „wenn eine Frau ein uneheliches Kind bekam oder wenn ein Mensch der falschen Rasse angehörte. Das Besondere an diesem historisch einschlägigen Begriff Schande ist die Aggressivität, die sich immer in ihm ausdrückte. Man deutet mit dem Finger und signalisiert: ‚Den oder die müsst ihr niedermachen.‘“

Mechanismen der Feindbildentstehung

Wer möchte dem BDI-Rentner da widersprechen, das ist ja geradezu weise im Vergleich mit dem, was da Broders „Lieblingsantisemit“ und Augstein zum Besten gibt. Wenn er jetzt offen dazu aufruft, die AfD nicht etwa politisch zu isolieren, sondern sie gezielt zu dämonisieren, wenn er die SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi kritisiert, die – freilich nur vordergründig, aber deshalb deutlich gewiefter als Augstein – eben das nicht möchte: eine Dämonisierung des politischen Gegners. Damit nun bewegt sich der Antidemokrat Augstein im Fahrwasser der sozialpsychologischen Mechanismen der Feindbildentstehung. Wenn es nicht ebenso perfide wäre wie der Vorwurf an die AfD-Adresse, deutschnational zu sein, man würde sich an bestimmte Mechanismen der Progandamaschine früherer Zeiten erinnert fühlen.

Warum? Weil ein Markenzeichen der Propaganda von Goebbels und Co. die gezielte verbale Eskalation war. Die Metaphorik des heraufbeschworenen Bösen. Und das kann Augstein besonders gut: eingepackt in einen schwammigen Kosmos der großen Gefühligkeiten. Ja doch, er wird dem historischen Vorläufer sogar dahingehend gerecht, dass er auch das ekelhafte Instrument der düsteren Prophezeiung nicht scheut, wenn er seine AfD-Kritik auf „SPON“ mit den Worten enden lässt: „Wir werden das wieder erleben. Noch stehen wir am Anfang. Noch sehen wir Luckes lächelndes Gesicht.“ Und dabei bezieht er sich – man will es ja kaum glauben – auf den ehrenwerten Kurt Tucholsky, der einmal fein beobachtet hat, dass die deutschen Gesichter sich verhärtet haben: „Schärfer sind die Kinne geworden, verbissener die Lippen, brutaler die Unterkiefer.“

Nun schaut Augstein auf Lucke und möchte so gerne Tucholsky sein. Aber Augstein ist so wenig Tucholsky oder Goebbels wie Lucke Alfred Hugenberg ist. Einfach deshalb, weil Nazi-Vergleiche generell zu oft gezogen werden, einfach deshalb, weil sie sich in der politischen Debatte so herrlich zur Dämonisierung des Gegners eignen und weil sie aber vor allem eines erreichen: Sie nehmen politischen Debatten jede Glaubwürdigkeit.

Demokratische Kinderstube? Vergessen

Tucholsky war ein Meister des Hinschauens, Augstein ist blind in seiner höfischen Selbstgefälligkeit. Wenn dem TV-affinen Journalisten vorgestern wenigstens bei Maybritt Illner aufgefallen wäre, was die Stunde geschlagen hat. Da hätte er nicht einmal viel Restsensibilität aktivieren müssen, um zu erkennen, warum dieser Herr Lucke mit seiner AfD so erfolgreich werden könnte: Nein, Augstein ist beileibe nicht der Einzige, der aus Überzeugung – oder aus Mangel einer solchen? Aus einer Unsicherheit heraus?, egal –, der also aus Überzeugung seine demokratische Kinderstube vergisst, der alle Dialektik, dieses wunderbare Instrument sachlicher Auseinandersetzungen, über Bord wirft, und zum lupenreinen Antidemokraten mutiert. Im wunderbaren Kontext mit denen, die sich immerhin wenigstens noch einer bestimmten politischen Richtung verschrieben haben.

Dietmar Bartsch, Vizechef der Linkspartei im Bundestag, rammt Lucke zur besten Sendezeit den Zeigefinger in die Brust, mit der Frage, wie er sich denn von seinen rechten Gesinnungsgenossen trennen wolle. Als Lucke schneidend höflich zurückfragt, wie denn Bartsch gedenke, sich von den Tausenden unter Verfassungsschutzbeobachtung stehenden Linken zu trennen, ist die Empörung groß. SPD-Generalsekretärin Fahimi übernimmt den Staffelstab der Dämonisierung voreilig von Bartsch, als sie ins selbe Horn bläst und anschließend Contenance und Fassung verliert, als Lucke ihr nahelegt, sich doch zunächst einmal nach zwei erfolglosen Parteiausschlussverfahren endlich von ihrem Herrn Sarrazin zu trennen.

Von Werner Schulz, DDR-Bürgerrechtler und langjährigem Grünen-Bundestagsabgeordneten, kommt nur dünne Luft, stellvertretend für den noch nicht abgeschlossenen Findungsprozess seiner grünen Partei: Ob man nun schon bereit ist, sich dauerhaft mit der CDU ins Bett zu legen oder ob man noch eine Weile verstohlen weiter mit der SPD und den Linken liebäugeln muss.

Wer war noch da? Ach ja, Markus Söder, bayerischer Finanzminister der CSU, jener Partei, die sich längst Richtung AfD orientiert, aber noch nicht offen darüber reden mag, so wie es die SPD mit den Linken in den letzten Jahren durchexerziert hatte: Man ziert sich, man beschimpft sich, schmust aber längst im dunklen Hauseingang, man kann ja nie wissen, wann es Zeit wird, miteinander ins Bett zu gehen, damit der politische Nachwuchs rechtzeitig die Pfründe für die Zukunft sichern kann.

Und die ganz miese Vorstellung von Maybritt Illner, die hier nun auf erschreckende Weise die Grenzen ihres Vermögens brutal aufgezeigt hat – eine Schande? Aber nein, Schande ist ja eine Vokabel, die für die AfD vorbehalten bleibt: Augsteins illiberalen neuen Lieblingsdeutschnationalen.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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