Die Konservativen haben sich ihrer Volksnähe nie geschämt, aber auch das lässt sich ändern, wie man sieht. Jan Fleischhauer

Himmelsstürmer

James Salter liefert auch heute noch die Legitimation für alle, die auf der Suche nach sich selbst alle Kollateralschäden in Kauf nehmen. Eine Rezension.

Mein Großvater (Jg. 1889) mütterlicherseits kämpfte im Ersten Weltkrieg. Opa väterlicherseits (Jg. 1917) im Zweiten. Von ihren Kriegserlebnissen erzählten sie ihren Enkelkindern. Von einfachen Männern und einfachen Dienstgraden. Einfache Geschichten. Überlebensgeschichten. Front, Schützengraben, Feindkontakte. Und der Vater meines Vaters zusätzlich noch solche aus der Kriegsgefangenschaft. Vom Überleben als Überlebender. Der Sound irgendwo geerdet zwischen Kästner und Konsalik.

Die Geschichten meiner Eltern streiften den Krieg ihrer Väter nur an der Peripherie. Düstere Kindheitserinnerungen an Bombennächte, Vertreibung und Sammellager. Neunjährige voller Angst und Hunger. Seltsam erwachsene Kindersorgen. Sparsam hinerzählt. Unvergessliches. Prägend, einschneidend, verdrängt. Allen Geschichten gemeinsam war diese beim Zuhören fast körperlich spürbare Ausweglosigkeit. Krieg als etwas Unabwendbares. Schicksalhaftes. Krieg als größtes anzunehmendes Übel. Kriege, die unangemeldet kamen, wie alles mit sich reißende Naturgewalten. Eine Weltfäulnis im blutroten Strudel des Wahnsinns.

Die Frage aller Fragen dabei nie, ob, sondern immer nur, wann er kommt: der Feind, der Besatzer, die gezielte Kugel, der Schwarm Katjuscha-Raketen über dem Frontabschnitt, der Bombenhagel über dem Wohnviertel, die Flieger, die zum Zeitvertreib Jagd machen noch auf den wackeligsten Wagen voller Möbel, Kinder und was es sonst noch wert war, der Zugkraft der Pferde entgegenzuwirken. Ein zähes Ringen um jeden Kilometer weg vom Krieg, vom Tod, vom Leid, von den Leichen, die anonym am Straßenrand abgelegt oder von nachfolgenden Fahrzeugen nach und nach platt gewalzt oder gleich von den rasch nachrückenden Panzereinheiten des Feindes in die nasse Erde gepresst wurden, platt wie Briefmarken auf Kondolenzpapier. Umstandslos überrollt.

Was ist Männlichkeit?

Der US-amerikanische Bestseller-Schriftsteller James Salter ist Jahrgang 1925. Seine prägenden Erinnerungen, die roten Fäden seines literarischen Werkes, basieren auf Erfahrungen eines Krieges ohne deutsche Beteiligung. Salter ist West-Point-Absolvent, wie schon sein Vater, der 1919 sogar als Jahrgangsbester bestand. Ein geerbte Testosteron-Welt, die James Salter lebenslang beschäftigte.

Seine Masterfrage lautete also unweigerlich: Was ist Männlichkeit? Sein Krieg: Korea. Als Jagdflieger. Am Himmel unterwegs. Ein Krieg oberhalb des Krieges. Ein Meta-Ebenen-Krieg mit Kondensstreifen. Geführt von ausgebildeten Fliegern, die sich regelmäßig gegenseitig bedauern, wenn sie doch einmal in den Elend bringenden Bombern anstelle der elitären Jagdfliegerstaffeln eingesetzt wurden.

Salter hat seine Erinnerungen für seine Kinder und Enkel zwischen Buchdeckel pressen lassen. Sein Debütroman „The Hunters“, erschien 1957. Erst jetzt, 50 Jahre später, wurden diese Luxuskriegserinnerungen ins Deutsche übersetzt („Jäger“, 2014, Berlin Verlag). Der Welterfolg seines autobiografischen Spätwerkes „Alles, was ist“ machte diesen Schritt für ihn und seine Verleger attraktiv und sinnvoll (in den USA erschien bereits 1999 eine überarbeitete Fassung von „The Hunters“).

Gleich vorab gesagt, Salter wird gegenwärtig auf eine Stufe gestellt mit Tennessee Williams, Philip Roth, John Updike und Richard Ford. Sein erster großer Schreiberfolg „The Hunters“ erzählt von einhundert Fliegereinsätzen über Korea auf der Jagd nach feindlichen MiG-15. Luftgefechte als Beginn des Kalten Krieges. Ein Krieg oberhalb des Krieges. Flugzeug gegen Flugzeug. Aseptisch. Übermenschlich. Jagdflieger bekriegt feindlichen Jagdflieger. Beide haben die Aufgabe, Räume für ihre Jagdbomberstaffeln freizuschießen. Luftkampf um Lufthoheit. Wenn sie gebraucht wird. Oder ersatzweise eben nur als symbolische Herrschaft über den Luftraum oberhalb des totalen Wahnsinns blutschwerer Bodenkämpfe.

Auf dem Weg zum Teufelskerl

Stoff für Heldenmythen seit dem Ersten Weltkrieg. Seit es Flugzeuge gibt. Fünf Abschüsse machen den Flieger zum Fliegerass. Sogar Hermann Göring war so einer im Ersten Weltkrieg. Rechnerisch sogar vierfaches Ass mit 22 „Luftsiegen“, wie Abschüsse feindlicher Flugzeuge überhöht genannt werden. Der Deutsche Erich Hartmann war mit 352 Abschüssen im WK II der erfolgreichste Jagdflieger aller Zeiten.

Auch Salter, von dessen autobiografischen Erinnerungen aufgeladener Held „Cleve“ in „Jäger“, ist so eine potenzielle Hartmann-Figur auf dem Weg zum Teufelskerl. Auf dem Weg zu seinen ersten fünf MiG-15-Abschüssen, auf dem Weg zum Fliegerass. Zur Heldenfigur. Zur Legende. Zum in der Heimat begehrten Margarine-Bildchen-Motiv. 100 Einsätze in der Luft müssen absolviert werden, bevor es zurück in die Heimat geht. Für die Flieger sind das zunächst einmal 100 Chancen, sich unsterblich zu machen. Auf diese schmale Liste der Fliegerasse zu gelangen. Unser Held, so viel darf verraten werden, wird am Ende auf der Strecke bleiben mit nur einem offiziell anerkannten Abschuss und abgeschossen von einer MiG-15 irgendwo über Korea. Ende. Aus. Vorbei.

Aber wie Salter diese einhundert Einsätze Cleves in seinem Debütroman erzählt, da ist bereits alles angelegt, was den heute 89-jährigen Autor von „Alles, was ist“ (2013) zu einem der aufregendsten – oder besser noch: coolsten – lebenden Erzähler unserer Zeit macht. Eingekeilt zwischen zwei Schriftstellergenerationen. Zwischen Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ (1920) und Sebastian Jungers „War“ (2010). Salters „The Hunters“ ist gewissermaßen der missing link. Die dritte Dimension des Krieges. Die Suche nach diesem ominösen „gehärteten Glanz“ des männlichen Selbstbewusstseins. Hoch oben schwebend über allem anderen.

Der Mythos der Unbesiegten

Heute ist das viel zu martialisch, anrüchig, politisch unkorrekt. Damals war so etwas die hingeschriebene Inkarnation des Heros. Als Vorbild angelegt für Generationen US-amerikanischer Luft- und Bodenkämpfer. Der Mythos der Unbesiegten. In den 1950er-Jahren auf dem Höhepunkt ihres Glanzes. Aber Salter lässt seinen Helden auch jene entscheidenden Sätze denken, auf denen für ihn dieser unwirkliche Glanz basiert:

„Es war eine Droge, weiter nichts. Die eine große Tat. Der eine unbestreitbare Verdienst, den alle sehen würden. Sich einen Champion holen. Noch einmal den Hauch von Größe spüren. Daneben war alles andere Schlacke.“

Zu diesem Zeitpunkt hat sein tragischer Held Cleve nach einer langen Durststrecke ohne Abschüsse den gefürchtetsten Gegner vom Himmel geholt, den Champion mit den fünf schwarzen Streifen auf der MiG-15, das unbezwungene Phantom, aber seine Bordkamera hat den entscheidenden Schlag nicht aufgezeichnet. Also Anonymität statt Heldenstatus, einfach nur deshalb, weil die Filmkassette in Cleves Jagdflugzeug klemmte. Aus. Vorbei. Und seine Zeit, die in 100 Flügen, in 100 neuen Chancen, gemessen wird, fast abgelaufen.

Überragend erzählt. Einfache Sätze. Meisterhaft montiert. Die Dramaturgie nur zielgerichtet nach vorne raus komponiert, aber mit maximaler Wirkung. Minimalistisch in Sprache und Handlung. Wir warten mit Cleve am Boden, um mit ihm immer wieder auf ein Neues in den Himmel aufzusteigen. Zwischendrin ein paar Seiten lang Auszeit in Tokios Vergnügungsvierteln. Die Ahnung tiefergehender Gefühle in eine ganz andere Richtung werden hier aber jäh unterbrochen von Meldungen von Jagderfolgen seiner Mitbewerber in diesen Mann-gegen-Mann-Luftduellen. Also andere auf dem Weg zum Fliegerass, weil die besser ihre Chancen genutzt haben. Oder einfach weil mit mehr Glück ausgestattet. Weil zum rechten Zeitpunkt am Himmel erschienen. Die Himmelsstürmer. Und da spürt unser Held sie bereits schmerzhaft schwinden, diese unerklärbare innere Bewegtheit, die das Ass vom Flieger unterscheidet: diese flirrende innere Grauzone, angefüllt von einer seltsam soghaften Todessehnsucht. Himmlisch und teuflisch zugleich.

„Cleve war allein. Man lebte und starb allein, das galt vor allem für Kampfflieger. Trotz allem war das Wort irgendwie nie schal geworden. Man sank in die Mulde des Cockpits, schnallte und stöpselte sich in die Maschine. Das Kabinendach knirschte zu und riegelte ein. Den Sauerstoff und mit ihm jeden Atemzug nahm in einer Stahlflasche mit in das kühle Vakuum. Wollte man sprechen, benutzte man den Funk. Man war so abgeschieden wie ein Tiefseetaucher, nur dass es hinauf ins Nichts anstatt in die Tiefe ging. Man hatte Begleitung. Es gab andere, die mit einem flogen, in heraldischen Mustern. Sie kämpften an deiner Seite, manchmal mit viel Geschick, es waren immer mindestens zwei Maschinen eine Einheit, aber letztlich waren sie keine Hilfe. Man war allein. Am Ende gab es niemanden, den man berühren konnte. Man konnte nach ihnen rufen, wie er eines Tages jemanden hatte rufen hören, dessen Maschine abstürzte, ein klagevolles bittendes „O Gott!“, aber berühren konnten sie einen nicht.“

Der Blick zum Himmel bedeutete nie etwas Gutes

Meine Großväter waren die blutbesudelten Tiefseetaucher in zwei Weltkriegen. Überlebende, tief getroffen vom massenhaften Sterben der Kameraden in den stinkenden Schützengräben. Der Blick zum Himmel bedeutete ihnen nie etwas Gutes. Das galt noch mehr für ihre daheim gebliebenen Frauen und Kinder. Der Tod kam auch von oben. Aus den von Jagdfliegern wie Cleve für ihre Bomberpiloten eroberten Lufträumen. Krieg ist also nicht gleich Krieg. Nicht für jedermann. Salters Held ist wie Salter in einem anderen Krieg unterwegs. Hier geht es nicht um Blut, Scheiße und Tränen, sondern um Männlichkeit, um Mut, um die ganz großen Fragen. Um die adlig-cleane Version des großen Heldentums. Um die wohl männlichste aller Dummheiten, genannt Krieg.

Geschrieben vor über 50 Jahren aus der US-Perspektive der Unbesiegbaren. Und als Legitimation bis heute für Tausende von Männlichkeitssuchenden, die auf ihrer Suche nach sich selbst alle Kollateralschäden in Kauf nehmen, die vom Himmel herunter Millionen von Menschen am Boden für immer unter die Erde bringen, bis auch sie in naher Zukunft komplett von Drohnen ersetzt sein werden. Und mit ihnen wohl auch das letzte Quantum dieses bis heute merkwürdig unantastbaren Flieger-Heldentums.

Salters „Jäger“ ist also ein heute politisch durch und durch unkorrektes Werk. Und dennoch eine zeitlose Glanztat. Vielleicht macht aber gerade dieser unlösbare Konflikt das Buch zur Wiederentdeckung eines über fünfzig Jahre alten echten Meisterwerks. Das herauszufinden, lohnt jede der 304 Seiten.

Jäger von James Salter erscheint am 13.10.2014
Übersetzt von Beatrice Howeg
304 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1235-7

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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