Wir wissen alle, dass Fernsehen dick, dumm, traurig und gewalttätig macht. Ursula von der Leyen

Uncle Shame

Der „Spiegel“ schreibt im April im Rahmen der Ukraine-Berichterstattung, wir Deutschen hätten einen pubertären Komplex: den Antiamerikanismus. Anti-was?

Was ist das für ein Unsinn, Kritik sofort als Phobie zu verstehen? So arbeiten sonst nur totalitäre Regime. Der „Spiegel“ meint weiter, die Foren deutscher Medien seien „geflutet mit CIA-Verschwörungstheorien“. Hält der „Spiegel“ die CIA vielleicht für eine baptistische Friedensinitiative?

Antiamerikanismus ist ein politischer Kampfbegriff. Denn er verkehrt Kritik an der Politik der Vereinigten Staaten und/oder ihrem Wirtschaftssystem in eine pauschale Herabwürdigung der Bevölkerung der USA.

Sozialismus hat besseren Klang als Kapitalismus

Der Beleg findet sich im großen amerikanischen Lexikon Random House Webster’s Unabridged Dictionary. Dort wird „Antiamerikanismus“ beschrieben als: „den Vereinigten Staaten von Amerika, ihrer Bevölkerung, ihren Prinzipien oder ihrer Politik entgegengestellt oder feindlich gesinnte Haltung“.

Bequem, oder? Aber ok, die Herleitung ist zunächst so ganz unlogisch nicht. Denn in einer Demokratie wählt ja idealerweise das Volk seine Politik. Und das Volk entscheidet in Freiheit über seine kulturellen Verhältnisse. So gesehen könnte man Kritik an Politik und Kultur eben immer auch als Kritik am Menschen selbst sehen.

Aber erzählen Sie das mal einem durchschnittlichen US-Amerikaner auf der Straße. Laut „Welt“ vom 19. März treffen Sie dabei am wahrscheinlichsten auf einen pazifistischen, linksorientierten und säkularen Farbigen. Zumindest in naher Zukunft, bis irgendwann die Weißen in der einflussreichsten Altersgruppe in der Minderheit sein werden.

Und auch was da weiter steht, liest sich erstaunlich: Für die sogenannten „Millenials“, also die Altersgruppe der 18- bis 33-Jährigen, hat „Sozialismus“ einen besseren Klang als „Kapitalismus“. „Sie sehen sich als linksliberal, wollen nichts mit den Parteien zu tun haben“, begegnen „der Kirche mit Distanz“, bejahen den starken Staat, empfinden sich nur bedingt als patriotisch und sehen vor allem die USA nicht als Weltpolizei.

Bis zur Hälfte aller Amerikaner sind antiamerikanisch

Dieses politische, kulturelle und religiöse Grundvibrieren scheint in den USA vakant. Man steht sich lauernd gegenüber. Dort der Staat, hier die Bevölkerung. Das kennen wir in Deutschland. Nennen wir es selbstbewusst „europäische“ Verhältnisse. Die Menschen der USA haben also von Europa gelernt, bzw. sie unterliegen den gleichen Ermüdungserscheinungen.

Die „Zeit“ kann dazu nur einen Doktoranten aufstellen, der seine Doktorarbeit zum Antiamerikanismus von seinem Verlag folgendermaßen anmoderieren lässt: „Wildwestgebaren, Raubtierkapitalismus, Hollywoodschund – die Klage über vermeintlich typisch amerikanische Zustände ist in Deutschland verbreitet.“

Und in der „Zeit“ stellt der Mann dann mit vollem Mund die These vom „neuen alten Antiamerikanismus“ auf. Problem nur, wer den Mund zu voll nimmt, sollte wenigstens kauen. Tut er aber nicht, der Kollege verschluckt sich in Allgemeinplätzen wie: „Die USA werden hierzulande immer verhasster. Hinter der vermeintlichen Kritik verbergen sich jedoch oft muffigste Ressentiments.“ Noch erstaunlicher, wenn man weiter liest, dass rund ein Drittel bis zur Hälfte aller Amerikaner antiamerikanisch sind, weil sie mit Obamas Politik nicht einverstanden sind.

Sei es drum, denn die Antithese zur These vom Antiamerikanismus liegt ja auf der Hand: Der Anteil US-amerikanischer Filmproduktionen in deutschen Kinos verfehlt nur knapp die absolute Mehrheit. Das sind 77,2 Millionen Besucher, die einen dieser Leinwand-Kulturbeiträge im Kino ansahen. Und die TV-Sendungen aus den USA müssen auch noch dazugezählt werden. Dass die US-amerikanische Popmusik wesentlicher Teil deutscher U-Kultur ist, braucht ebenso wenig erwähnt zu werden wie die Übersetzungen US-amerikanischer Literatur auf unseren Bestseller-Listen.

Weiter geht’s: Das viel gescholtene McDonald’s setzt in Deutschland Jahr für Jahr über drei Milliarden Euro um. Das ist geschätzt mehr als die Hälfte des Umsatzes aller deutschen Penny-Märkte. Und es gibt immer einen davon in jedem größeren Kuhdorf. Und selbst im kleinsten Kuhdorf dürften sie kaum noch jemanden finden, der nicht wenigstens rudimentäre Englischkenntnisse aufweist, die im gesprochenen Wort selten nach hochnäsigem Oxford klingen. Auf der Liste der beliebtesten Zielorte für Austauschschüler rangiert die USA an erster Stelle, um ein weiteres Beispiel zu nennen. Ja, wir sind 2014 quantitativ und kulturell komplett durchamerikanisiert.

Schon kurios

Das allerdings scheint den Doktoranten von der „Zeit“ wenig zu interessieren, wenn er angesichts berechtigter Kritik an der Politik und Wirtschaft der USA ausgerechnet den ziemlich mäßig belichteten Filmemacher Leander Haußmann als Zeugen für Antiamerikanismus aufruft, der angesichts des durch Snowden aufgedeckten NSA-Skandals polemisiert: „Strafe muss sein, liebe Amis!“ Schon kurios, was der „Zeit“-Kollege dann aus dem Haußmann-Quark ableitet: „Es sind muffigste Ressentiments, die da zum Vorschein kommen. Das alte dualistische Bild: Ein degeneriertes, materialistisches und bigottes Amerika auf der einen Seite – und das kulturvolle, zivilisierte Europa auf der anderen.“

Halten wir also fest: Natürlich gibt die global operierende asoziale Entscheiderebene der USA ein erbärmliches Bild ab. Dasselbe gilt übrigens für Vertreter dieser Kaste in Russland, China usw. und bedingt auch in Deutschland.

Aber was hat das mit dem durchschnittlichen US-Amerikaner zu tun? Nein, wir brauchen nicht erst eine weitere Folge „Emergency Room“ zu schauen, um zu verstehen, wie Schwerst- und chronisch Kranke in den USA aus Mangel an Einkommen bereits an der Anmeldung abgewiesen werden. Wir brauchen dafür nicht erst nachrechnen, wie viele Hausbesitzer ihr Eigentum in der Immobilienblase verloren haben. Wir brauchen nicht nachzählen, wie viele unschuldige US-Boys ihr Leben in Irak, Afghanistan etc. verloren haben. Und wir brauchen nicht gegenüberzustellen, in welchem Tempo das Einkommen eines Durchschnittsamerikaners wächst im Verhältnis zur obszönen Einkommensraserei der aktuell ca. 450 US-Milliardäre und 2,5 Millionen US-Millionäre.

Längst überfällige Rebellion

Denn aus diesen Blickwinkeln wird sofort deutlich, was der Einzelne längst weiß: Die Unterstellung eines „Antiamerikanismus“ wird als Waffe eingesetzt gegen eine sich auf natürlichste Weise einstellende Solidarität zwischen Menschen aller Nationen gegenüber einer verachtenswerten Gruppe von Menschen, die Rassismus, Ausbeutung und Menschenverachtung, ja, die selbst Mordlust auf ein nie gekanntes Maß getrieben haben, wie auch heute fast jeder der aktuellen weltweiten Konflikte für sich beweisen kann.

Laut einer Umfrage der Deutschen Botschaft in Washington ist Deutschland in den USA so beliebt wie nie zuvor. Irgendein spezifischer „deutscher Antiamerikanismus“ scheint also die, die es eigentlich betrifft, noch nicht erreicht zu haben. Im Gegenteil. Also ein weiteres Indiz dafür, dass die Behauptung eines Antiamerikanismus in Deutschland und sonst wo nur einen Sinn verfolgt: Die Verhinderung einer Internationalisierung einer längst überfälligen Rebellion.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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