Zeit ist nur knapp im Verhältnis zu den Vorhaben. Rüdiger Safranski

Jetze oder wann anderst

Möglicherweise war der Braunschweiger Abstieg der bewegendste Moment der abgelaufenen Bundesligasaison.

Ein Wesensmerkmal der Sensation ist ihre Unerwartbarkeit. Sensationen sind Steigerungen des Erwartbaren. Eine Sensation hat nichts Mathematisches, ihre Heimat ist und bleibt das emotionale Empfinden. Sie ist also menschlich. Mitunter mag es zwar passieren, dass Sensationelles erwartbar wird – aber das ist gleichzeitig ihr Todesstoß.

Was wäre beispielsweise, jemand würde zukünftig sagen, 2014 sei das Jahr gewesen, in dem Bayern München sensationell Meister geworden ist? Weil es unerwartet kam? Weil es besonders früh passierte? Nein, solche Superlative sind in München zu etwas Gewöhnlichem verkommen.

Wir könnten sogar noch weiter gehen und behaupten, das Ausscheiden Bayern Münchens aus der Champions League hätte noch am ehesten das Potenzial, Sensation zu sein. Hatte es aber leider auch nicht. Denn auch Scheitern braucht, wenn es sensationell elegant passieren soll, diesen einen unverrückbar emotionalen Wesenskern, um den herum sich alles dreht.

Verschmelzung von Mannschaft und Stadt

Und damit wären wir zielsicher am 10. Mai 2014 in der neuen Sinsheimer Rhein-Neckar-Arena gelandet. Der Ort für den Akt des finalen Scheiterns für die Braunschweiger Eintracht gegen den TSG Hoffenheim. Und gleichzeitig auch der Ort mit maximalem Potenzial für jenes magische Bild, das am Ende von der Bundesliga-Saison 2013/14 am längsten in Erinnerung bleiben wird. Mein Bild jedenfalls steht fest: Markus Gisdol, Trainer von Hoffenheim, hockt nach dem mit 3:1 gewonnenen – für seinen Verein aber völlig bedeutungslosen – Sieg auf dem Spielfeld im Kreise seiner Spieler.

Das Maskottchen, ein Elchbär, auch ohne viel Bedeutung zum Verein, hüpft noch zögerlich und ein wenig verloren um die da hockenden Sieger dieser Partie herum und dann schwenkt die Sky-Kamera auf Gisdols Gesicht und bleibt dort für viele Sekunden. Und der Gewinner lächelt hinüber zur gerade in die Zweite Liga abgestiegenen Braunschweiger Gäste-Mannschaft, die sich bereits seit 15 Minuten von über 7.000 mitgereisten Eintracht-Fans feiern lassen, ohne dass ein Ende in Sicht wäre. So ein hochgerüsteter Polizist hebt ein kleines Mädchen aus dem Gästeblock über den Zaun, das blau-gelbe Rosen an Trainer und Spieler der Eintracht verteilt. Der ganze Block wogt und singt – ein Schal- und Fahnenmeer in den allerschönsten Vereinsfarben.

Und dann erkennt man es aufs Genaueste in der Spiegelung dieses Geschehens auf dem Gesicht des Hoffenheimer Trainers: Markus Gisdol lächelt anerkennend und in der Erkenntnis, dass man gegen diese Jungs von Torsten Lieberknecht auch mit einem Sieg niemals gewinnen kann. Er lächelt einfach dankbar dafür, dass er diesen Moment miterleben darf, der symbolisch werden wird für eine ganze Bundesliga-Saison, für etwas, das jeder Fußballer, jeder Trainer und Fan irgendwann in seiner Karriere erleben möchte: den Moment der völligen Verschmelzung von Mannschaft und der Stadt und ihrer Fußballverrückten, für die sie angetreten sind. Etwas, das man auch mit noch so viel Marketing und Merchandising nicht künstlich erwecken kann.

Selbst der vorlaute Sky-Reporter, einer von denen, die wahrlich nicht mit Kritik gespart haben, als Eintracht in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, wird kleinlaut. Nicht einmal Tasmania Berlins 10 Punkte hatte man den Niedersachsen zugetraut. Eine Saison lang Spot und Häme, besonders von den plärrenden Sky-Stimmen von Marcel Reif und Fritz von Thurn und Taxis.

Aber dann entschied Eintracht mit einem Auswärtssieg über Wolfsburg und einem 3:0-Heimsieg über die Rivalen aus West-Peine 95+1 souverän das interne Niedersachsenderby für sich (die anderen beiden Spiele gingen unentschieden aus). Die Moderatorenhäme verstummte. Nur ab und an noch, wenn es wieder mal besonders in die Hose ging, war da wieder so etwas wie Schadenfreude zu hören.

Nicht so in Hoffenheim: Der Moderator wurde von Minute zu Minute pastoraler. Pathetischer. Verzweifelt darum ringend, irgendwie dazugehören zu können. Ja, diese belanglose Stimme von Sky muss den Blick von Gisdol auch gesehen und intuitiv verstanden haben: Dieser Moment gehört den Blau-Gelben und ihren Fans von der Oker. Und es ist der Moment der Saison geworden. Auf dem Parallel-Kanal regnet es gerade rot-blaues Konfetti über die Spieler der Meister-Bayern, aber die Umschaltquoten der Zuschauer hinüber nach Sinsheim vor den Gästeblock der Eintracht verändern sensationell die Sehgewohnheiten.

Habt ihr sie noch alle?

Dort nämlich erklimmt gerade Norman Theuerkauf, der schon den Aufstieg in die Zweite Liga mitgemacht hatte, den Zaun hoch zu einem Fan – möglicherweise kennt man sich, möglicherweise aber auch nicht –, bei dem sich gerade hemmungslos alle Schleusen öffnen. Hände finden Hände. Ohne Worte. Die muss dann Torsten Lieberknecht finden, als ihn das Sky-Mikrofon findet. Und in seiner ersten Reflexion des vollzogenen Abstiegs ist es dann auch um jene Zehntausende von Braunschweigern geschehen, die zu Hause vor dem Fernseher sitzen und gerade erst wenige Minuten zuvor alle Hoffnung auf den Klassenerhalt haben fahren lassen müssen.

Der „Ehrenbürger in spe“ – ja, die Braunschweiger sind so – kann seine Tränen kaum zurückhalten. Schafft es aber doch noch mit letzter Kraft, die Augen suchend irgendwo Richtung Hoffenheimer Himmel, suchend nach Worten, nach irgendetwas wie Selbsttrost. Und als Braunschweiger spüren man es ja sofort: dieser einsame Kampf um Haltung ist ja noch viel schöner, mitreißender, als wenn dieser Torsten Lieberknecht einfach laufen ließe, wie noch so wunderschön zur Aufstiegsfeier, als er im offenen Sponsorenwagen die stundenlangen Ovationen einfach nicht mehr ohne Tränen vorübergehen lassen konnte. Eine Feier übrigens, die einem im Moment nach Sinsheim hundert Jahre entfernt schien, wo sie einem gestern noch wie gerade gestern vorkam.

Nun kann man natürlich von außen auch fragen: „Hallo Braunschweig, sagt mal, habt ihr sie noch alle? Ihr seid nach Punkten die schlechteste Mannschaft der Liga!“ Oder alternativ: „Was für ein emotionaler Quark, es ist doch nur Fußball!“ Richtig, aber es ist auch eine dieser seltenen Gelegenheiten zur uneingeschränkten Identifikation hin zu diesem saugeilen klassenlosen Kollektivgefühl. Totale Teilhabe. Man hatte die Besten geschickt, die 34 Spiele lang ihr Bestes gegeben haben. Uneingeschränkt.

Also auch uneingeschränkter Respekt für die Leistung am Folgetag. Der ältere Nachbar erzählt zum x-ten von 1967, dem Braunschweiger Meisterjahr. Er war gerade zwölf und saß mit seinem Vater im Stadion, als die Eintracht in einem zerfahrenen Spiel alles klar machte.

In der Saison 2013/14 gab es keine einzige Sky-Übertragung, in der die Kameras in der (19)67. Minute nicht schnell mal vorbeischauten und der Choreografie der Eintrachtfans folgten, die kollektiv ihre Schals in den Himmel streckten, und trotzig an den Jahrzehnte zurückliegenden Meistertitel erinnerten.

Heute oben, morgen unten

Und woher das nun alles kommt und wie das nun alles so passiert in diesem komischen Braunschweig? Vielleicht ist die Erklärung dafür dann gar nicht so sensationell, sondern sogar ganz rational. Die Sache hat etwas mit Kontinuität zu tun. Als Braunschweig vor 2013/14 letztmals in der Bundesliga spielte, war die Stadt Heinrichs des Löwen noch Zonenrandgebiet. Und das war sie über vier Jahrzehnte lang.

Volkswagenfabriken, Zonenrandgebietsförderung, ansonsten nicht viel los. Nach der Wende auch keine spektakulären Wendungen. So erging es vielen ehemaligen Randgebieten. Man war, man ist und man wird sein. Und weil das so ist, wächst man hier auf mit einem besonderen Gefühl für zyklische Entwicklungen. Heute oben, morgen unten. Wenn nicht heute, dann morgen. „Jetzte oder wann anderst.“ Diese zu Unrecht immer noch für ihre Sturheit bekannten Zonenrand-Niedersachen sind eben einfach geduldige Menschen. So geduldig, wie sie ihrem Verein die Treue halten, halten sie es dann auch mit dem Leben im Allgemeinen. Ist das nicht beneidenswert?

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