Streitende sollen wissen, dass nie der eine ganz recht hat und der andere ganz unrecht. Kurt Tucholsky

Der Fahrwasser-Surfer

Wie Journalisten in Anzughose auf der Welle surfen, die Akif Pirinçci mit offener Hose erzeugt hat.

Also das muss man ihm lassen, irgendetwas scheint der Mann richtig zu machen, dass sich sogar der zum wertkonservativem Snobismus neigende Journalist Alexander Kissler zum zweiten Male in Folge unaufgefordert zu seinem Anwalt macht.

Die Rede ist von Akif Pirinçci und seiner Deutschlandbrüllhymne, die Herr Kissler tief im Mainstream verankert sieht, schlicht, weil ihn so viel Leute mehr kaufen als dem Kissler sein Papstabgesang, der ihm gar nicht so Mainstream geraten ist, also auch keine Kohle eingefahren hat. Was allerdings zumindest deshalb bedauerlich ist, weil Kisslers „Papst im Widerspruch“ zumindest stilistisch ausgezeichnet geraten ist.

Dr. Alexander Kissler ist Salon-Chef des „Cicero“.

Wer den Ort nicht kennt, das ist so eine Art „Tageszeitung“ 2, nur auf der gegenüberliegenden Seite des Spielfeldes angesiedelt. Dieser Salonlöwe erhält nun schon seit Längerem regelmäßig im Anhang zu seinen Texten den kleinen Bruder des Shitstorms serviert. Da scheinen sich ein paar Dutzend Querulanten auf den Kollegen eingeschossen zu haben. Die schönsten sind leider, zumindest auf The European, wo Kissler jahrelang eine Kolumne führte, aufgrund einer Kommentarfunktion-Umstellung gelöscht worden.

Warum hat Kissler diesen anhänglichen Fan-Club? Er lässt sich in „Christ und Welt“ gerne „papsttreu“ (Benedikt XVI.) nennen, rät dem Zentralkomitee der Katholiken schon mal, es müsse „stärker geistig und geistlich sprechen. Stattdessen arbeitet es sich an dieser ewigen alten Reformagenda der Siebzigerjahre ab. Wie aus der Zeit gefallen.“

Und Kissler gehört zu jenen katholischen Apologeten, die erklären können, was das II. Vatikanische Konzil in Wahrheit wollte, nämlich eine „Neuevangelisierung“. Also die missionierende katholische Kirche.

Linksversiffte Redaktionen

Dieser Kissler ist ein konservativer Katholik. Gut, das war bis in die Siebzigerjahre an manchen Orten in Deutschland Mainstream. Heute gilt es allerdings bundesrepublikweit als eine aus der Zeit gefallene Katakombenhaltung. Die Massen rufen „Barabbas!“ und nicht „Jesus!“. Für Kissler ist Mainstream Barabbas und Jesus seine Zuversicht. Der Mann ist also Anti-Mainstream. Wenn Kissler schmollt, dann immer mit Stil, Etikette und in einer Eloquenz, die klingt, wie von Menschen, die bei herzensguten Großeltern aufgewachsen sind.

Und ausgerechnet dieser transzendentale katholische Musterknabe schwingt nun für einen aktuell gemainstreamten Pirinçci sein Fähnchen, eingefasst in einer grundlegenden Empörung über das große deutsche Zeitungssterben. Nein, nein, nicht etwa wegen Internet und Co – das weiß ja eh schon jeder, das wäre auch eine olle Kamelle – für Kissler kommt der Untergang der Zeitungen direkt aus dieser Hölle der „linksversifften“ (Pirinçci) Redaktionen, die unisono Pirinçcis Deutschlandveriss verreißen.

Kissler will erkannt haben, das „(i)n vielen Redaktionsstuben (…) der Mythos vom meinungsbildenden Blatt“ weiter gepflegt wird. Ist Kissler aus seinem Studierstübchen auf die Straße herunter gewechselt? Vom „Cicero“ zur „Bild“? Nein, natürlich nicht. Denn so eine öffentliche Kumpanei mit Pirinçci ist einem wie Kissler zu ungemütlich, die Hand reicht er deshalb über den Umweg der Generalabrechnung mit den Machern des bedruckten Papiers in Form einer Solidarisierung mit dieser „generelle(n) Unlust am Wort in einer hochnervösen, teils neurotischen Bilderkultur“.

Oder allgemeiner im Sound der Selbstgeißlung:

„Der vielleicht entscheidende Grund für die kollabierende Leserbindung lautet aber: Immer mehr Menschen haben den Eindruck, da werde an ihrem Leben, ihren Eindrücken, ihren Haltungen vorbei geschrieben. Da bastle sich eine abgehobene Medienelite die Welt, wie sie ihr und nur ihr gefalle. Da herrsche der teils übellaunige, teils zwangsironische Nörgelton der Hyperkorrekten und Dauerbesorgten, der Schönredner und Weggucker und Besserwisser.“

Zum Schießen komisch, wenn man einigermaßen vertraut ist mit den Arbeiten des gebürtigen Speyeraners. Denn Alexander Kissler schreibt ja grundsätzlich und mit voller Absicht am Leben der Anderen, „an (…) ihren Eindrücken, ihren Haltungen vorbei“.

Und er war bisher auch stolz darauf, wenn er seine Ex-Kolumne im The European anmoderierte mit den Worten: „Die Politik und ihre Formen, die Kultur und ihre Sprache, die Sprecher und ihr Laut: Sie alle brauchen ein Kontrastmittel, damit sie erkennbar werden. Hier gibt es Widerworte zum Zeitgeist, Freiheitstropfen im Abklingbecken des Gouvernantenstaats.“

Nun passierte etwas Ungewöhnliches. Und der Zeitpunkt lässt sich recht gut bestimmen mit dem Erscheinen Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“. Die enormen Verkaufszahlen, also der gewaltige Zuspruch auf der Straße der Lesenden, ließen auf einmal Haltungen zu, die bis dahin zu äußern als politisch unkorrekt galt.

Mein Haus, meine Frau, mein Boot

Morgenluft rief nun die Geister und wurde sie nicht mehr los. Und führte zu so mutigen Ereignissen, dass Bekenntnis-Journalisten wie Alexander Kissler einen kalten Zeh in den Ring stellten, in der Gewissheit, sie kämpften ja eigentlich ihr ganzes literarisches Leben schon in derselben Ecke wie dieser Pirinçci, „das Gastarbeiterkind, vor dem uns unsere Eliten immer gewarnt haben. Ungehobelt, böse, patriotisch.“ Und sie hätten nun aber als die Gemäßigteren, die Milderen und die Schlaueren, alles Recht der Welt, als Allererste aus dem Artillerierauch des Deutsch-Türken ins hellerleuchtete neueröffnete New-Mainstream-Paradies einzufallen.

Ein Schmunzler. Denn glaubt Kissler wirklich, dass ihm die Pirinçci-Fraktion Waffenbruder sein könnte? Tatsächlich frohlockt er und ruft schon „das Ende der Konsensgesellschaft“ aus, die ja immer irgendwie auch gegen ihn, den Katakomben-Katholiken gerichtet war.

Wenn er in Richtung Pirinçcis Text diagnostiziert, „gerade unter den Bedingungen einer jeden Oppositionsgeist zermürbenden Großen Koalition wächst die Sehnsucht nach dem Abweichenden, dem fundamental Anderen“, dann meint er ja in Wirklichkeit die Neujustierung des eignen Abweichlertums, des viel gescholtenen. Dann ist er plötzlich da, jener nicht einmal mehr zu hoffen gewagte Moment, wenn der Streber der Klasse auf dem Klassentreffen mit „Mein Haus, meine Frau, mein Boot“ kurzerhand die Wilden Kerle der Siebzigerjahre zu Statisten macht.

Ob einer wie Alexander Kissler allerdings jemals Mainstream werden kann, darf man getrost bezweifeln, dafür müsste er mindestens mal seine Karten offen auf den Tisch legen und Klartext reden, anstatt nur die Gelegenheit beim Schopfe zu packen und in Anzughose auf der Welle zu surfen, die der Klartexter Pirinçci mit offener Hose erzeugt hat.

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

Leserbriefe

comments powered by Disqus

Mehr zum Thema: Cicero, Deutschland, Akif-pirincci

Kolumne

Medium_662d0b550f
von Meike Büttner
21.11.2014

Kolumne

Medium_c3180e2262
von Alexander Wallasch
21.04.2014

Kolumne

Medium_af5a878e52
von Christoph Giesa
16.04.2014
meistgelesen / meistkommentiert