Die Regierung befriedigt Klientelinteressen. Hugo Müller-Vogg

Sky And Sand

Mit dem Tod des Kirchenkritikers Karlheinz Deschner geht etwas zu Ende, was wohl nicht wiederkommt.

„Was macht eigentlich Karlheinz Deschner?“, fragte man sich immer mal wieder in den vergangenen Jahrzehnten, seit er damals dieses Mammutwerk angekündigt hatte, von dem man dachte, ach was: wusste!, dass es dafür eigentlich Generationen mutiger, selbstloser Gelehrter und Sachverständiger bräuchte, um nur annähernd aufzuklären, weshalb die Roben der Kardinäle bis heute die gleiche Farbe haben wie die römischer Kriegsherren: das Purpur, gewonnen aus den endlosen Blutströmen Millionen namenlos gebliebener Erschlagener, Gemeuchelter, Gefolterter, Erhängter und Verbrannter.

Seine Existenz galt als Sünde

Was macht eigentlich Karlheinz Deschner? Bei einem weit über 80-Jährigen fragt man sich das ja öfter als bei anderen. Und mitgetragen von Sorge müsste die Frage ja konkreter lauten: Lebt Karlheinz Deschner noch? Beim letzten Update dann die traurige Gewissheit, der große Franke hat mit 89 Jahren das Zeitliche gesegnet und wird nun entweder bis in alle Ewigkeit tot sein, oder doch noch alle diese Fragen beantwortet bekommen, die seit Menschengedenken bewegen, seitdem Menschen fähig sind, so etwas wie Transzendenz zu denken:

Was ist „Gott“? Gibt es einen Himmel? Wie lebt es sich im Paradies, wie in der Hölle? Was kommt, wenn alles vergangen ist? Wo verbleibt, was aus dem Endlichen heraus so weit ins Unendliche gedacht wird? Fragen, um die herum sich alle Religionen entwickelt haben. Offene Fragen, beantwortet nur in Glaubensbekenntnissen.

Das apostolische Glaubensbekenntnis endet mit den Worten: „(Ich glaube an die) Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.“ Karlheinz Deschners ganz persönliches Glaubensbekenntnis wird nun posthum in vielen Zeitungen zitiert: „Ich glaube wenig, und das auch nicht ganz.“ Das liegt schlicht daran, dass dpa den Redaktionen einen Nachruf hingeschrieben hat, welcher der Einfachheit halber übernommen wurde. Als Mozart auf dem anonymen Acker beigesetzt war, war es der Salzburger Presse eine Elfzeilenmeldung wert, man hatte ihm zu Lebzeiten nicht verziehen, dass er nach Wien gegangen war. Heute, über 200 Jahre später, ist den Salzburgern ihr Mozart stete Einnahmequelle. Mit stolzgeschwellter Brust nennt man sich „Mozartstadt“.

Deschner wurde weit mehr nicht verziehen. Und das nicht nur im katholischen Salzburg. Überall dort, wo Christen in Kirchen gehen und Kirchenleute christliche Kirchen betreiben, war Karlheinz Deschners schiere Existenz über Jahrzehnte hinweg unverzeihliche Sünde.

Die Macht des geschriebenen Wortes

Was hatte der dürre nette Herr mit der sanften Stimme getan? Der Mann, über den sein jüngster Wegbegleiter, der Humanist Michael Schmidt-Salomon in einem bewegenden persönlichen Nachruf schrieb, er hätte mit seiner Sprachgewalt selbst Nietzsche in den Schatten gestellt, hatte die schärfste Waffe der Neuzeit gezogen, die Wahrheit. Oder zumindest das, was der über die Maßen integere Haßfurter diesem Sumpf aus christlicher Lüge, Vertuschung und Verdrehung mit Füller und Tinte abgerungen hatte.

Karlheinz Deschner ist am 8. April 2014 morgens um acht Uhr verstorben. Ich durfte ihn in jungen Jahren einmal öffentlich sprechen hören. Irgendwo im Nirgendwo in einem düsteren Heidehof. Und er hatte einen solchen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass die Szene Platz bis in meinen Roman „Deutscher Sohn“ gefunden hat.

Deschner wurde 89 Jahre alt, wer darf das schon für sich hoffen? Dennoch, die Trauer darf groß sein, denn mit ihm geht etwas zu Ende, was wohl nicht wiederkommt in unserer schnelllebigen durchdigitalisierten Welt. Es wird keine Schriftgelehrten mehr geben von seinem Schlage. Autoren, die jahrzehntelang Tag für Tag in ihren mit Sekundärliteratur vollgestopften Studierzimmern sitzen, nur von wenigem, bei Deschner den geliebten Katzen, umgeben, und sich dabei nur diesem einen Masterthema widmend.

Deschner wurde für seine Themenwahl in der Öffentlichkeit bespuckt und von Kleingeistern kleingehalten. Öffentlich diskreditiert mit allen Fiesheiten wie übler Nachrede, Verunglimpfung und Lüge von Generationen hasszerfressener Kirchenleute, denen Karlheinz Deschner unbeeindruckt eine ungeheuerliche Wahrheit hingeschrieben hat, eine obszöne Blutspur ehern nachgezeichnet in Tinte: Die Kriminalgeschichte des Christentums in zehn Bänden und über 100.000 Quellenangaben. Ein meisterhaftes Weltwerk.

Deschner war einer der ganz wenigen, denen es noch einmal gelungen ist, die Macht des geschriebenen Wortes in ihrer ganzen Kraft zu illuminieren. Ja doch, nicht weniger, als eine Bewerbung für die Tafelrunde der Aufrichtigen, der Menschenfreunde.

Nicht wegen, sondern trotz des Christentums

Ich weiß nicht mehr, wo es bei Deschner steht, aber der vielleicht versöhnlichste Satz, der sich mir nicht einmal im Wortlaut eingeprägt hat, war seine Antwort auf die Frage, wie es denn aber sein kann, dass eine angeblich so brutale Religion so wunderbare Werke von Ausnahmekünstlern hervorgebracht hätte. Deschner antwortete, dass diese Genies nicht wegen, sondern trotz des Christentums die Menschheit besser gemacht hätten.

Wie verabschiedet man sich nun innerlich von so einem – sagen wir es mal neudeutsch – Überflieger? Ich habe einfach „Sky And Sand“ von Paul & Fritz Kalkenbrenner aufgelegt. „As long as we are flyin’ All this world ain’t got no end.“ Und draußen schleicht gerade so eine Deschnerkatze um den purpur blühenden Fliederbusch. Der Vegetarier Deschner war ja auch ein großer Tier- und Naturfreund. Ein Freund der Schöpfung in seinem Urzustand. Bevor der Mensch kam. Und die verachtenswertesten Gesellen unter ihnen mit dem Christentum im Gepäck.

„Gegenüber dem Tier ist der Mensch Gewohnheitsverbrecher.“ Karlheinz Deschner

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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