Schlager ist so eine Art Flucht für die Menschen. Dagobert Jäger

Trauter Zweisamfight

Eine seltsame Debatte ist das da im „The European“ – doch um was geht es eigentlich im Duell Görlach vs. Matussek? Und muss das wirklich sein?

Zwei schmale Jungenhände
Streicheln ihre Brust
Ich geh vorbei mich streift
Ein warmer Hauch der Lust
Bataillon d’Amour

Wenn sich zwei Männer streiten, dann könnten sie auch ein verheiratetes Paar sein. Und Ehen, das weiß jeder, führen bisweilen zu erbitterten Rosenkriegen. Streit zwischen Männern ist natürlich nicht an eine bestimmte sexuelle Präferenz gebunden. Denn Auseinandersetzungen zwischen heterosexuellen Männern um das weibliche Objekt ihrer Begierde waren sicher schon vor dem Kampf um Helena übliche Form der Besitzverteilungskämpfe. Wenn sich also zwei Männer streiten, dann geht’s meistens um die Neuordnung ihrer Besitzverhältnisse oder um eine hierarchische Struktur.

Ermüdend bis fiese Endlosschleife

Eine speziellere, gewissermaßen eine Stellvertreterkriegsform, ist der Balztanz um Deutungshoheit. Einem aktuellen mit erschreckender Belanglosigkeit durften wir nun beiwohnen. Matthias Matussek und Alexander Görlach vom „The European“ führen fort, was eine Rainbow-Bataillon d’amour von Journalisten längst mit rosa Tinte und quasi Copy & paste aus den Twitter und Facebook-Fäkaltöpfen direkt in ihre Feuilltonseiten geblasen hat.

Warum diese ermüdend bis fiese Endlosschleife? Welcher journalistische Leidensdruck kann bei Alexander Görlach so übermächtig geworden sein, das er sich Bleistückchen in die wattierten Boxhandschuhe stopfen musste, indem er auf eine Erwiderung Matussek auf eine Erwiderung Görlachs zu einem Text erneut eine Erwiderung schreiben musste und obendrein in Selbsterkenntnis dieses Malheurs auch noch von der Kolumnen- in die Debattenecke seines Magazins tänzeln musste? Wozu?

Wozu dann noch unisono eine Freundschaft mit dem Gegner durch den Ring schleppen, als wäre es der Oma ihr Rollator? Das ist Wattebäuschchentanzen, Reiszweckenstreuen im frühkindlichen Ballettunterricht.

Unsere beiden Protagonisten nun, die sich im Laufe Ihres Geherzes auf eine Weise „Freunde“ nennen, das Freundschaft wie ein übles Schimpfwort klingt, sind katholisch. Beide verorten sich konservativ und beide haben das wohl mal zur Grundlage ihrer Freundschaft gemacht. Oder sind sie nur Facebook-Freunde und spielen mit dem Begriff?

Antisemitismus-Vorwurf mit anderen Mitteln

Egal, kommen wir mal zur Chronologie dieser irgendwie aus dem Privaten ins Öffentliche geschobenen Friendship of unequals: Görlach liest also Matusseks Dampfrede zur Maischberger-Homophobie-Sendung in der „Welt“, die im Facebook im Laufe eines Tages zum „like“-Monster wurde und gleichzeitig einen solchen Shitstorm auslöste, das man annehmen darf, dass das nun der neue Maßstab für die nächste Rufvernichtungskampagne wird.

In einer ebenfalls zäsurtauglichen Quantität-ersetzt-Qualität-Höllengeschwindigkeit verbreiten getwitterte und gefacegebookte Journalisten den Shit des Storms in allen Gazetten. Der Tag war dann rum. Und in Zeiten, wo so eine schmutzige Adaption eine Halbwertzeit von ein bis zwei Tagen hat, nahm sich nun Alexander Görlach über eine Woche Zeit, dem Freund zu antworten, ohne das er konkret vom dem angesprochen wurde. Also ihm – was schon merkwürdig genug ist – eine Antwort zu geben auf eine TV-Kritik einer Maischberger-Sendung, die für Matussek wohl so etwas, wie den Vorabend der Geburt eines Antisemitismus-Vorwurfs mit anderen Mitteln ankündigte. Mit Regenbogen-Mitteln. Nicht mehr und nicht weniger steht dort. Durchzitiert, belegt, argumentiert, mit klarer – quatsch, messerscharfer – Kante. Allerdings nicht einfach geschrieben, sondern ziemlich böse hingerammelt. Na und?

Und was macht Görlach? Er titelt seine unverlangte Antwort, eine „Abrechnung“ mit dem Freund. Und dann wird es spaßig, denn der Freund taucht in dem ganzen Text nicht ein einziges Mal auf! Görlach fightet indes lieber mit einem im Prinzip wehrlosen 87-Jährigen, mit dem unfreiwilligen Adjutanten Matusseks, dem Philosophen Robert Spaemann. Also nichts mit Fehdehandschuh oder offenem Visier!

Und dann gibt es da so ein merkwürdiges Geplänkel, wenn Görlach Matussek aus dem Ring heraus mehrfach die katholisch gebrandmarkte Hand hinstreckt, die ihm jeder gute Mensch ohne Kinderglauben wahrscheinlich weggeschlagen hätte, das man sich irgendwann fragt, was eigentlich hinter diesen ganzen Petitessen steckt und worin Görlach nun eigentlich den Mehrwert seines aufgekochten Matussek-ist-ein-dolle-böses-Bübchen-aber-ich-trau-mich-nicht-es-ihm-direkt-zu-sagen-Homophobie-Süppchens sieht.

Dann wird es endgültig grotesk

Damit hätte es gut sein können. War es aber nicht. Denn nach Matussek, so wird er später unter einem weiteren Anti-Matussek-Artikel kommentieren, dieses Mal von Julia Korbik, muss ihn Görlach „angefleht“ haben, noch eine Erwiderungen auf die Erwiderung zur Erwiderung zu schreiben – klar, für „The European“. Es bleibt dann Matusseks ureigenes Geheimnis, warum er tat, worum ihn sein Freund – Himmel, wie kann man so inflationär mit dem Begriff umgehen? – bat und warum noch dazu in verschärftem Ton des in der „Welt“ schon mit Chili-Aroma hingepfefferten? Na klar, Sorge vor Wiederholung. Da muss noch eine Trompete mehr blasen.

Und dann wird es endgültig grotesk, denn Görlach hatte – so er Matussek wirklich „anflehte“ und warum sollte Matussek da übertreiben? – den „Freund“ längst innerlich entfreundet, als er ihn bat, ihm den Freundschaftsdienst zu erweisen und schoss nun auf die verschärfte Erwiderung Matussek mit schon zuvor aufgestellten Kanonen. Eine Taubenjagd, wie aus dem Bilderbuch. Nein, wie aus dem Märchenbuch, denn die letzte Zeile könnte lauten: Und wenn sie nicht gestorben sind, dann debattieren sie immer noch. Übers Schwulsein, über Ahornsirup, über 87-jährige Männer und was dieses facebook-vergewaltigte ausgewrungene Thema noch alles so hergeben mag.

Ach so, und dann gibt es da noch einen weiteren Märchenonkel namens Niggemeier, der so schlecht über dem Regenbogen vorliest, der so nuschelt, das man schon mal durcheinander kommen kann. So wie Matussek mit diesem läppisch ironischen – Hahaha – Heterosexuellen-Fragebögchen, der angeblich Siebtklässlern vorgelegt werden soll, damit sie über das pädagogische Mittel Ironie kapieren sollen, das Elektroschocks für Homosexuelle nicht das geeignete Mittel der Wahl sind. Es sei denn, sie machen es freiwillig und aus Lustgewinn, was aber auch bei Hetereosexuellen eine elektrisierende Maßnahme sein kann… Ach je, Herr Niggemeier, Sie gerissener oller Stromer…

Lesen Sie weitere Meinungen aus dieser Debatte von: Albert Wunsch, Eckhard Kuhla, Albert Wunsch.

Leserbriefe

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