Die SPD bräuchte mehr charismatische, fröhliche, inhaltlich starke Linke. Johannes Kahrs

Der doppelte Hitzlsperger

Warum der Medienrummel um einen schwulen Fußballspieler ungerechtfertigt ist.

Ok, der Mann ist schwul, ja und? Wen interessiert’s? Doch höchstens Schwule. Mir als Hetero geht das jedenfalls am Besagten vorbei. Vielleicht morgen, irgendwann oder nie: Sollte ich eine schwule Ader in mir entdecken, dann könnte ich anfangen für Hitzlsperger zu schwärmen. Aber da gibt es ganz sicher noch tausende mehr, die eher auf meiner Agenda stünden als Schwiegermutters Liebling in der schwulen Version. Und zu jung wäre er dann sowieso. Also.

Was hat sein geoutetes Schwulsein bitteschön überhaupt mit Fußball zu tun? Spielen neuerdings schwule Fußballer anders Fußball als heterosexuelle Fußballer? Gibt es dazu Untersuchungen, Erkenntnisse? Klar, man sagt, Brasilianer spielen brasilianisch, aber spielen Schwule deshalb schwul? Nein, das wäre ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Aber man soll ja nichts ausschließen, möglicherweise gibt es ja doch so etwas wie eine schwule Fußball-Strategie-Kompetenz. Dann wäre es sinnvoll, wenn möglichst viele Fußballer schwul sind. Denn hey – so eine richtig schwule Bananen-Flanke, war die nicht schon immer das Sahnehäubchen der deutschen Bundesliga?

Hitzlsperger als Belastung?

Was ist das nun für ein hektisches Geplärre in allen Medien. Selbst das Thema Hartz IV für Zuwanderer wandert medial ins Abseits weil ein Ex-Fußballer neuerdings öffentlich schwul ist. Die badische Zeitung spricht vom Tabubruch. Und zitiert den Tabubrecher, den sie früher in England „The Hammer“ nannten, der als 23-Jähriger 2005 erklärte: „Ich verdiene sehr viel Geld. Aber dafür zahle ich den Preis, dass ich transparent bin. Alle wollen in mein Leben reinschauen."

Bis 2007 war Hitzlsperger offiziell mit Inga liiert und so lange durften sich auch seine Mitspieler sicher sein, dass der smarte Junge da unter der Dusche einer von Ihnen ist. Ein Hetero. Oder wussten die früher Bescheid als der fiese, schwulenfeindliche deutsche Michel? Damals, als Hitzlsperger noch aktiv Fußball spielte?

Man muss sich das kurz mal vorstellen: Sie sind zufällig als einziger Mann, zudem noch hetero, in einer – sagen wir mal – Rückenschule gemeinsam mit 10 Frauen, die es auch schlimm am Rücken haben. Einige dieser Frauen würden sich ganz sicher empören, wenn sie als Mann wie selbstverständlich zur selben Zeit die Gemeinschaftsdusche benutzen würden. Nackt unter Frauen geht nur als Verabredung, beispielsweise beim Gang in die gemischte Sauna. Also wird es heute mit Sicherheit womöglich engstirnige Ex-Mitspieler von Hitzlsperger geben, die sich nach diesem Outing fragen, welche Begehrlichkeiten sie beim Kollegen wohl bei diesen fröhlichen Duschpartys nach 90 Minuten geweckt haben. Menschen sind nun mal so. Fußballspieler vielleicht noch ein bisschen mehr, will man dem Boulevard glauben.

Und am Ende ist das ja auch kein wirklich stimmiger Vergleich. Denn wenn ein Schwuler mit Heteromännern duscht, ist da ja grundsätzlich keine sexuelle Basis gegeben. Das weiß der Schwule, das ganze Sexualisierte müsste also mal entfallen. Der Mensch ist eben nicht nur vom Trieb sondern auch vom Verstand gesteuert. Das unterscheidet ihn von Tieren. Andererseits ist Sex auch was tierisch geiles. Für viele. Aber in diesem Wackeldackelspiel sind nun alle Unsicherheiten angelegt. Auf beiden Seiten.

Die entscheidendere Frage ist doch: Wenn das Outing in seiner aktiven Laufbahn passiert wäre, hätte es dann Extra-Duschen für schwule Mitspieler gegeben? So, wie es selbstverständlich traditionell Duschen für Frauen und Männer gibt.

Oder ernster gefragt: Wäre die Konfrontation mit der homosexuellen Orientierung für den einen oder anderen Mitspieler, möglicherweise für einen besonders religiösen – man denke dabei nur an diese dauernden Bekreuzigungen oder der Gruß gen Himmel, zum Allah, nach dem versenkten Ball – zur besonders starken Belastung des Korpsgeistes geworden?

Vergessen wir ebenfalls nicht, was der doppelte Hitzlsperger nun für alle schwulen, noch aktiven Spieler für eine große Belastung sein könnte. Immerhin geht es hier um höchst Privates. Wer außer Rockstars und It-Girls ist schon daran interessiert, das seine Sexualität auf den großen Altar ausgebreitet wird? Sexualität, die Liebe zwischen zwei Menschen, Romantik, Gefühle, Zärtlichkeiten – das möchte man gerne teilen. Aber mit einem Partner und nicht auf dem Boulevard.

Seit Hitzlsperger kommt nun bei dem einen oder anderen ein schlechtes Gewissen dazu, das es vorher womöglich nicht einmal gab. Oder nur, wenn es Richtung Dusche ging, wer weiß, nun ist man automatisch ein Feigling, weil man seine Sexualität nicht mit seinen Kickerkumpeln und schon gar nicht mit der Welt teilen mag. Das betrifft übrigens prinzipiell im gleichen Maße den kleinen schwulen Mann von der Straße. Sagt er es nun seinen Nachbarn oder nicht? Aber warum eigentlich?

Jeder heterosexuelle Mann mit mehreren Kindern kennt solche Anspielungen angesichts seines Kindersegens: „Sagen Sie mal, haben sie keine anderen Hobbys?“. Selbstbewusste Männer antworten dabei vielleicht: „Das ist mehr die Treffsicherheit als die Häufigkeit.“ Andere finden das blöd. Einfach, weil es bleibt, was es nunmal ist. Eine irgendwie indiskrete Beschäftigung mit der Sexualität eines Anderen. Mit etwas Privatem. Rainer Langhans hin oder her, Sexualität ist immer noch Privatsache. Auch die von öffentlichen Personen. Auch ein Hitzlsperger durfte sich darauf verlassen. Und das ist auch gut so. Ein gutes Recht.

Denn zunächst einmal ist doch so ein Outing in Deutschland eine Herausforderung an den Schwulen selbst und viel weniger an seine Umgebung. Ja, da ist einer schwul, na und? Wen interessiert das, außer vielleicht andere Schwule, denen der hübsche Blonde ins Beuteschema passt? Wir, also die weitestgehend heterosexuelle Öffentlichkeit, sollen nun auf einmal mitverantwortlich dafür sein, dass einer so lange brauchte, sich als schwul zu outen? Ach herrje.

Heute BILD-Aufmacher. „Hitzlsperger: So habe ich es meinen Eltern gesagt.“ Was kommt morgen? „So hab ichs Inga verklickert und so meinem Hund?“ Und geht das jetzt immer so weiter? Wann outet sich der erste schwule Bäcker, Maurer, Friseur? Ach ne, letzterer steht ja eh längst unter Generalverdacht seines Gehabes wegen.

Ausgerechnet die „TAZ“ ist sich dann nicht zu blöde zu behaupten: „Dass die Kinder schwul werden könnten, gehört nach wie vor zu den größten Ängsten von Eltern“ und begründet es damit, dass diese Eltern „um ihre dynastischen Hoffnungen bangen: Er soll doch mal Enkelkinder bringen, der Kleine.“ Kann es 2014 zu diesem Thema noch einen größeren Blödsinn geben? Das ist die heterosexuelle Welt von Nierentisch, Schweinebraten und Heidi und Peter. Eine Welt, die nie daran denken wollte, dass dieser Geißenpeter vielleicht schon dieses – grins – „böse schwule Gen“ in sich tragen könnte. Warum sollte sie auch?

Das Argument Sotchi ist Quatsch

Bliebe da noch Sotschi und der Schwulenhass in Russland als Begründung für Hitzlspergers nachgereichtes Outing. Auch das ist letztlich Quatsch. Haben wir nicht eine Bundesregierung, die geradezu aufgefordert sein müsste, hier in unserem Auftrag klare Kante zu zeigen? Haben wir ein Olympisches Komitee, das klare Kante zeigen muss?

Aber wenn es um gleiche Rechte für Homosexuelle geht, muss es noch viel mehr um Menschenrechte im Allgemeinen gehen. Um Menschenrechte in China, in Indien und sonstwo auf der Welt. Wer die halbherzigen Statements unserer Regierenden erinnert, der weiß, warum die Kanzlerin in ihrer launigen Silvesterrede so vehement mehr privates Engagement eigefordert hat, schlicht weil sie selbst nicht die Traute hat. Deshalb sollen wir es regeln. Weil sie die harte Knute der Wirtschaft, der Macher der deutschen Export-Heilsgeschichte, fürchtet. Denn diese Unternehmen und ihre Aktionäre stört es bis auf wenige rühmliche Ausnahmen naturgemäß wenig, ob ein Importland nun Schwule verfolgt, politisch Andersdenkende einsperrt oder sonst was.

Halten wir es also bei dieser ganzen Hysterie um diesen Herrn Hitzlsperger und sein spätes – vielleicht viel zu spätes – Outing so lange mit Jasper von Altenbockum. Denn der weiß es in der „FAZ“ vom 09. Januar besser, wenn er ganz richtig feststellt:

„Für die große Mehrheit der Deutschen, die mit Homosexuellen so normal umgeht wie mit Heterosexuellen, ist das ein Schlag ins Gesicht. Es ist eine Form der Diskriminierung, die sich mindestens genau so rechtfertigen sollte, wie das die Politiker oder Geistlichen oder Eltern tun müssen, denen Homophobie unterstellt wird, nur weil sie eine abweichende Meinung haben, etwa über den künftigen Schulunterricht in Baden-Württemberg.“

Lesen Sie auch die neuste Kolumne von Alexander Wallasch: Wachablösung für Maxim Biller

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