Was meiner Meinung nach kulturell immer gut ist: Barrieren niederreißen und Klischees widerlegen. Cameron Carpenter

Hold me now!

Hold Me ist eine Collage voll Witz und Respektlosigkeit, eine fiktive Radioshow, Sex, Glamour und Rausch. Anhören!

musik

„Musik ist immer auch eine Entdeckungsreise“ – sicher eine dieser Plattitüden, die ebenso wahr wie unwahr sind. Wahrer ist, dass unser Gehör jener Sinn ist, der am ehesten bereit ist, sich von einer subtilen Macht der Gewohnheit versklaven zu lassen. In psychologischer Unkenntnis spricht man gerne von „unsere Vorlieben“. Ich glaube allerdings, Vorlieben sind bloß Alterserscheinungen.

Denn früher war das ja alles anders. Da gab es beispielsweise diesen Plattenladen mit dieser sensationell langhaarigen Blondine mit diesen hypnotisch stahlblauen Augen, die nur jene musikalische Neuheit über die Ladenanlage schickte, die gerade ihrem persönlichen Geschmack entsprach. Und man durfte sie darauf ansprechen. Nur darauf! Und dann erklärte die Göttin ausführlich und mit saharaheißer Alt-Stimme, warum genau diese Platte im Moment kaufenswert wäre. Klar, die Botschaft schlich sich von ihren fülligen Lippen übers rote Ohr direkt ins Gehirn und klettete sich dort fest. Die eigene Plattensammlung wuchs also frei nach dem – übrigens ziemlich sprunghaften – Geschmack dieser taffen Blondine. Man wusste nie, womit man wieder aus dem Laden herauskam. Dennoch: Jede neue Platte wurde Lieblingsplatte. Was damals dauerhaft angelegt wurde, war ein offenes Verhältnis für Musik verschiedenster Genre.

Kein Song wie der andere

Dreißig Jahre später hat sich der allgemeine Zugang zu Musik so weit verändert, als wären 300 Jahre vergangen. Musik ist ein komplexes, gigantisches Internetgeschäft geworden. Aus Schallplatten sind erst CDs und dann Sounddateien geworden. Und ich weiß es nicht einmal mehr genau, ob ich gerade irgendeine lässige Blondine in irgendeinem Social Network verfolgte oder welcher sinnliche Zufall sonst eine Rolle spielte. Jedenfalls blieb ich an einer mickrigen 30-Sekunden-Datei, an ein paar Takten Musik hängen, die mich neugierig machten. So neugierig, dass ich mit dem Komponisten, Allround-Musiker und Sänger in einer Person, telefonierte. Klar, 030-Vorwahl. Ein Berliner.

„Hold“, meldet sich eine vorsichtige Stimme, die mir augenblicklich seltsam vertraut vorkommt. Wir kamen so ins Plaudern und Tage später liegt eine CD im Briefkasten, die bei mir jetzt im Endlos-Modus läuft. Der Titel: „Hold Me – Final.Master“ steht drauf. Ich bin also so etwas wie Ersthörer.

14 Titel zwischen 1:04 min und 7:32 min. Kein Song wie der andere. Eigentlich ist schon die Unterteilung in Songs anachronistisch, denn, was da aus den Boxen kommt, klingt wie was großes Zusammenhängendes, das nur dem Format zuliebe gestückelt wurde. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Raue Bluesrockgrooves, Funky-Pop, Jazzanleihen, Glamrock, Electronic, ja sogar Countryfeeling und komplexe romantisch sinfonische Motive. Kurz: ein emotionales Potpourri quer durch ein Dutzend Genre. Perfektionistisch. Locker. Emotional. Aber auch zerrissen, zerfleddert und auf magische Weise weltfremd. Antipop-Pop.

Die seltsame Knüpfart dieses großflächigen Klangteppichs erinnert beim ersten Durchhören sogar an eine feminine Version dieses „Yeezus“-Monsterwerks dieses Spinner-Pop-Giganten Kanye West. Der Rapper aus South Shore, Chicago, Illinois ist gerade auf Tour. Über „Yeezus“ schreibt die „FAZ“: „schroff, nicht radiotauglich. Mit wummernden Bässen, Herzfrequenzen aus dem Computer, kurz vor dem Infarkt. Dazu Synthesizer-Gesänge und -Greinen, die Orchestrierung eines Computerspiels könnte sich so anhören oder ein kunstsinniger Flipper-Automat.“ Bei seinem Song „Hey Mama“ bricht West regelmäßig in Tränen aus, er trägt unterschiedliche Masken und wird von einem Jesus-Double begleitet.

Duett zwischen ihm und seinem Cyborg

Hold kommt auch nicht alleine. Auf dem Cover, das bereits auf Amazon zu sehen ist, aber nicht auf meinem „Mastertape“, steht der schlanke Musiker im Anzug mit positivistischem Blick ins Morgen und hält an der Hand einen halb so großen niedlichen Roboter im iPod-Look, der keck seinen linken Roboter-Arm in die kugelrunde Hüfte stemmt. Das folgt jedem und dann doch wieder keinem Trend. Das weht einem samt dieser verniedlichten Asimo-Honda-Cyborg-Version in Miniformat und inklusive dieses Magenta-Pink-Rough-Schriftzuges die 1980er im Gewand des 21. Jahrhunderts entgegen. Kein unangenehmer Eindruck. Das Album hat 14 Songs. Sagt man heute noch „Album“? Egal. Hold erzählt am Telefon in samtweichem Bariton, das Ganze wäre auch ein Duett zwischen ihm und seinem Cyborg. Ich muss zunächst grinsen. Aber mit dieser Zusatz-Information ausgestattet, klingt „Hold Me“ dann tatsächlich wie eine harmonische Symbiose zwischen einer – ja doch – waidwunden Seele und stimmgewordener künstlicher Intelligenz in bizarr schönen musikalischen Räumen.

Kühn, aber immer elegant weisen Holds Melodiebögen (Traurigkeit in viel Dur und wenig Moll. Das muss man erst mal hinbekommen!) im dritten Track die Richtung, wohin seine 14-Track-Reise gehen wird: Das über sieben Minuten lange „Laranto Ouverture“ mit gleich mehreren Klavieren und Operngesang nimmt sich unverschämt viel Zeit. Einfach schön. Meditativ. Verträumt. Nachdenklich.

Lyrik und Computerterminologie, profane Slogans und Gebet gehen Hand in Hand. Das ist Welt-Pop-Musik von morgen. Und lange Spaziergänge durch die längst vergangene Welt eines Eichendorff oder Novalis. Aber auch zynische Endzeitvisionen wie in „Run Out Groove“ und „Wrong Messiah“ finden sich. Cineastisch. Der Stanley Kubrick 2.0 würde in Hold sicher seinen musikalischen Partner entdecken.

Holds Gassenhauer wie „Guardian Angel“ und „The Lastof The Chain Gang Heros“ täuschen nicht darüber hinweg, dass hier eine überaus empfindsame Seele sein privatestes Tor weit aufgemacht hat. Hold erzählt am Telefon von einen Jahr konzentrierter Arbeit. Von „irdischen Abgesängen auf Berlin mit all seiner verzweifelten Vergangenheitsbewältigung und Partyhysterie“.

Ich bin jetzt ganz sicher

„Hold Me“ ist eine Collage voll Witz und Respektlosigkeit, eine fiktive Radioshow, Sex, Glamour und Rausch. Es finden sich Motive aus der Matthäus-Passion wieder, aber aufgeführt in der Atmosphäre eines Weltraumbahnhofs. Holds Suite für Streicher und Glockenspiel in „Vergebung“ klingt dann wie ein instrumentales Werk, das auf Versöhnung aus ist. Schwere Texte. Hold erzählt vom Scheitern, Hoffen, von Erlösungsfantasien.

Und Botschaften wie die des Roboters im letzten Stück „Transmission“ hinterlassen ein Gefühl der Verstörung. Der Liebreiz der Komposition will besänftigen. Also am Ende großes Wohlbefinden, auch wenn hier keine fröhliche Zuversicht vorweggenommen wird. Und ich bin jetzt ganz sicher. Diese Blondine aus dem Plattenladen, Sie wissen schon, die muss bei dieser Entdeckung irgendwie noch mal ihre Finger im Spiel gehabt haben. Aber egal. Denn auch für die Brünetten gilt: Anhören. Und downloaden!

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