Mit Europa und den USA endet die Welt nicht. Wladimir Putin

Die Lampedusa-Medusa

Die unterlassene Hilfeleistung von Lampedusa ist nur der Vorbote. Auf dem Spiel steht nicht weniger als die Zukunft unseres Systems. Eine Brandrede.

Na, das wäre doch mal eine basische Erkenntnis: dass es anderen schlechter gehen muss, damit es uns besser geht, damit die Kühlschränke immer wieder aufs Neue voll werden und die nigelnagelneuen Elektroartikel ihre geringe Halbwertzeit behalten dürfen.

Das ist das simple Grundverständnis, das es braucht, wenn Europa, wenn Deutschland paralysiert auf dieses weiter andauernde Drama, auf dieses für Afrikaner Paradies versprechende Lampedusa schaut und die Grüne Claudia Roth in der deutschen Hauptstadt während eines Blitzbesuches in einem Berliner Protestcamp von Schwarzafrikanern, die gegen geltende Asylbestimmungen protestieren, weltfriedenbesoffen und von plötzlicher Weisheit penetriert, krakeelt: „Auch in Berlin ist Lampedusa!“.

Sprücheklopfende Hilf- und Harmlosigkeit

Nein, das ist nicht mehr als verbalisierte Unredlichkeit. Sprücheklopfende Hilf- und Harmlosigkeit. Erbärmlichkeit.

Aber gut, natürlich ist auch Berlin für sehr viele Menschen auf dieser Welt zum Heilsversprechen geworden wie Lampedusa auch für jene Menschen, die aus – dem vom Westen mit Waffen und Zukunftsvisionen befeuerten – Bürgerkriegsszenarien in Libyen, Somalia und Äthiopien fliehen.

Eine Milliarde Menschen auf dem Sprung? Eine Milliarde Nachfahren versklavter, in elender Armut gehaltene Menschen aus den ehemaligen Kolonien Europas, deren Nachfahren freilich in Zukunft ein noch viel umfassenderer Neo-Kolonialismus blüht. Denn dieses „globale Rennen um Agrarflächen birgt erheblichen politischen und wirtschaftlichen Sprengstoff“, weiß die „Zeit“ unter dem neuen düsteren Stichwort „Land Grabbing“ zu berichten. Aber nicht nur die fetten Reichen, auch die kleinen Dicken, selbst das große schlanke Indien macht mit. Und nicht nur in Afrika. Sondern weltweit: „Kuwait bot Kambodscha im Gegenzug zum Recht auf Getreideanbau die Bezahlung von Dämmen und Straßen an. Sogar Indien hat etlichen Unternehmen Geld geliehen, damit sich diese etwa in Äthiopien in großem Maßstab Land sichern können.“

Nur die ersten Vorposten

Nur: Auch das größte Grausen braucht einen Nährboden. Welcher ist das hier im Vorfeld? Wohin fällt die aufmunitionierte Saat asozialer Global Player? Zunächst einmal auf wirtschaftlich unterentwickelte Länder, mitten hinein in eine vielfach durch Konflikte geschürte, obszöne Armut. Und auf, auch dank hoher Sterblichkeitsrate und einer beschämend geringen Lebenserwartung, dünn besiedelte Landstriche.

Aber die elend abgesoffenen Menschen vor dem südlichsten Außenposten Europas, vor Lampedusa, sind nur die ersten Vorposten dieser Wanderungs-Katastrophen, möglicherweise biblischen Ausmaßes, von morgen.

Der Blick über Lampedusa in die Düsternis der Realitäten globaler Ungleichheit verantworten die von global operierenden Unternehmen in Geiselhaft genommenen Regierungen der Noch-Wohlstandsgesellschaften, die Konflikte initiiert und beängstigende Fluchtbewegungen so noch forciert haben.

Wer in Syrien weltoffen und aus Überzeugung auf eine Entscheidung der UN wartet, muss folgerichtig auch vor Lampedusa stillhalten. Den Grenzzaun hochhalten. Ungleichheit, Elend und Tod – diese brutalen wirtschaftlichen Gefälle basieren nicht auf rassistischen, asozialen oder menschenverachtenden Haltungen der Menschen in den Wohlstandsländern, sondern sind längst national entkoppelt und dort zu Hause, wo die Regierungen der Nationen zu enthemmten Bittstellern geworden sind.

Die ebenfalls von dieser rassistischen, asozialen und menschenverachtenden Klientel der Superreichen geknebelten Medien befeuern das alles noch mit ihrer tendenziösen Nachrichtenberichterstattung, mit ihren immer neuen Emotions-TV-Claus-Kleber-Schuldgefühlkampagnen und ihren in Schlagermusik wie in dunkler, fettiger Soße abgesoffenen Telefon-Live-Spenden-Schuldexzessen. So verhindert man erfolgreich eine Solidarisierung zwischen Menschen. So bekämpft man Mitgefühl durch Ablasshandel, anstatt die Sünde an sich aus der Welt zu schaffen.

Moderner Ablasshandel

Ein paar hochbezahlte aus dem Unterdrückungsapparat konvertierte Ex-Manager oder Ex-Politiker geben die Marionetten-Gurus dieses säuischen Vorhabens. Die Al Gores der Welt predigen mit falscher, fetttriefender Zunge ihre Heilsversprechen. Ein moderner Ablasshandel wie im frühen Mittelalter, als ein wohlhabender Büßer seine Bußzeit von Jahren in Tagen ableisten konnte, wenn er nur die entsprechende Anzahl Männer „mietete“, die für ihn fasteten. Und gefastet wird in Afrika seit Jahrhunderten. Und mit jedem neuen Versuch der Landnahme auf dem Kontinent verschiebt sich die Zeit, die es braucht, etwas zu schaffen, das mehr Menschen satt macht oder sogar in Wohlstand bringt.

Den armen Schweinen vor Lampedusa müssen wir helfen. Aber nicht, indem wir sie als staatlich subventionierte Billiglohn-Arbeitssklaven in unseren Reihen willkommen heißen, sondern indem wir die Knüppelgarden in ihren Rücken aus unseren eigenen Reihen vertreiben.

Was wir brauchen für diesen langen, zähen Kampf, ist ein Wertekolonialismus. Eine Werte-Internationale souveräner Völker und Nationen. Nicht zu verwechseln mit Wertegleichheit, mit Gleichmacherei.

Deutschland hat nach dem Zweiten Weltkrieg, nach der totalen Niederlage eines menschenverachtenden Wertesystems eine einmalige Chance erhalten. Die Chance zur Vorreiterrolle. Aus der verbrannten Maxime „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“ entwickelte sich zunächst eine nationale soziale Marktwirtschaft, die sich, aufbauend auf einer passablen, zunächst friedfertigen, Schaffenskraft, an der Fürsorge für das schwächste Glied der Gemeinschaft messen ließ. Das ist unser Weg.

Die Energiewende beispielsweise, die leider bereits jetzt zu einem Pokerspiel mit den asozialen, gesellschaftsfeindlichen Energiekonzernen verkommen ist, hätte so eine weitere deutsche Aufgabe mit Vorbildfunktion werden können.

Werte setzen, die so unantastbar sind …

Und jetzt könnte man Lampedusa als weitere Chance begreifen. Nicht, indem wir auf dieses blutige Ergebnis einer Entartung menschlicher und zwischenmenschlicher Wertvorstellungen im Sinne der Konzerne reagieren und unsere europäischen Zuwanderungsgesetze modifizieren, nicht, indem wir Grenzen noch durchlässiger machen, als sie es eh schon sind. Sondern indem wir unsere immer noch vorhandene Oase-Funktion nutzen und Werte setzen, die so unantastbar sind, dass sie mit dem Willen eines jedes Volkes, jeder Nation kompatibel sein können, sogar sein müssen.

Indem wir nicht nur dieser großen Armutsspirale, sondern gleich dem gesamten System dahinter den Kampf ansagen. Indem wir korrupte Banken verstaatlichen. Indem wir zunächst auf steuerliche Gewinne aus Waffenexporten verzichten, um im zweiten Waffengang festzustellen, dass wir dann auch keine Waffenindustrie mehr benötigen. Indem wir nur noch solche Staaten unterstützen. Und indem wir nur noch mit solchen Staaten Sonderhandelszonen verabreden, die diesem Weg, diesen Werten folgen wollen.

Unsere Macht ist unsere Schaffenskraft. Immer schon gewesen. Konsum ist ihr schönes Ergebnis. Aber nicht notwendigerweise ihr einziges. Schaffenskraft und Bruttosozialprodukt sind furchterregende Waffen. Vor allem aber müssen wir die Furcht verlieren vor Wohlstandsverlust. Denn der wird sowieso kommen, wenn die Global Player erst aufheulen und dann angreifen, Kapital abziehen und den Versuch unternehmen, unsere Kühlschränke ein bisschen leerer zu machen. Angst zu machen.

Und seien wir ehrlich, was könnte sich besser in so einem Gutmenschen-Pathos suhlen, als die deutsche Seele (inklusive Deutschmigranten-Seele, denn die gehört ja mittlerweile auch dazu)? Und sie tut dabei nicht einmal jemandem weh. Im Gegenteil.

Utopisch? Na klar!

Viele werden sich noch erinnern, als die Grenzen fielen und wir neugierig in die DDR schauten. Ein ärmeres Leben. Weniger Luxus. Schlangen vor den Kaufhallen, wenn die Bananenlieferung kam. So etwas möchten Sie nie wieder sehen in Deutschland? Ja, aber warum eigentlich nicht, wenn Sie dafür eine Freiheit und eine Gewissheit, ein gutes Gewissen, zurückgewinnen, das Richtige zu tun, Teil einer Wertegemeinschaft sein zu dürfen, die langfristig einen unschlagbaren Modellcharakter für andere Völker und Nationen haben muss?

Utopisch? Na klar, sicherlich auch das. Aber es befreit ungemein, sich nicht mehr gesamtgesellschaftlich von diesen lächerlichen Goodwill-Bezeugungen einer asozialen Politikerkaste in Geiselhaft nehmen zu lassen.

Nein, Lampedusa ist eine unterlassene Hilfeleistung in viel größerem Ausmaß, als uns die Claudia Roths Europas weismachen wollen. Aus einer menschenverachtenden Trägheit heraus. Denn wenn wir es jetzt besser wissen, dann wissen die es längst. Und handeln also absichtlich nicht.

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